Zissibillity

Es war wieder einer dieser Mittwochstage, als ich an der Türe des Professor Analyticus läutete und um Einlass zur nächsten Spielrunde bat. Wie fast immer kam ich mindestens fünf Minuten zu spät, und immer waren daran die anderen schuld. Im Ausredenerfinden hatte ich mit den Jahren eine gewisse Meisterschaft errungen. Aber egal, jetzt war ich jedenfalls da.

Als ich die alte Messingklingel betätigte, meldete sich ein ungestümes Hundebellen, und jemand, der sich raschen Schrittes der eichenen Eingangstüre näherte, rief, „Aus.“ Und wenig später noch ein, „Bist du ruhig.“
Die Eichentür wurde von innen aufgezogen und eine goldfarbene, freudig bellende Hundeschnauze drängte sich hervor. Ich stand ganz ruhig da, denn ich wusste, was jetzt – wie an jedem Mittwoch – passieren würde. Der güldene Langhaarhund würde mich Schwanz wedelnd anspringen und mit der kaltfeuchten Schnauze anstubbsen, um mich so willkommen zu heißen. Während sein Herrchen, vergeblich um die Kontenance des Hundes bemüht, recht verlegen daneben stehen und mir als Willkommensgruß die fleischige, schwitzige Hand reichen würde.
Und so war es auch …

„Kommen sie herein und legen sie ab!“, lud mich Professor Analytics ein. „Beachten sie den Hund einfach nicht. Meine Exfrau und auch die Kinder haben mal wieder keine Zeit, auf ihn aufzupassen. Wie jeden Mittwoch, sie wissen schon.“, fuhr er fort und schloss die Tür hinter mir.

Es war ein heißer Julitag, und ich hatte keine Jacke mit. Einzig meinen Lebensrucksack. Doch diesen stellte ich nie irgendwohin, sondern hatte ihn immer in meiner Nähe. Ich schlängelte mich also mit ihm auf den Rücken durch den Flur der Wohnpraxis. Dieser war mit allerlei Kisten, Kartons und antiken Sammerstücken zugestellt und ließ nur einen schmalen Gang frei. Anschließend schlüpfte ich durch die angelehnte, verschnörkelte Holztür ins Spielzimmer des Altbaues.
Als ich dort eintrat, empfing mich ein etwas abgestandener, staubiger Geruch. Die improvisierte Sammleratmosphäre aus dem Eingangsbereich der Räumlichkeiten setzte sich hier fort. Nur erschien mir alles viel weitläufiger, einem Hallenfußballfeld ähnlich. Und die Zimmerwände machten den Anschein, so hoch wie das Kuppeldach der Sternwarte der Stadt zu sein.
Das überraschte mich nur nicht mehr, denn schließlich hatte ich in diesem sehr großen Zimmer schon ein paar meiner Ich-Kreisel-Runden gespielt …

Die geschlossenen italienischen Fensterläden tauchten alles in ein Wechselspiel aus zebrastreifigem Licht und Schatten.
Auch hier standen an den Wänden überall Kistenstapel voller antiquarischer Bücher und Kartons mit altem Vitrinenporzellan herum. Es hing auch ein röhrender Hirsch mit blattgoldummanteltem Bilderrahmen an der Wand. In einer der Zimmerecken befand sich eine Antikanrichte. Auf dieser fanden sich allerlei chinesischer Vasen.
Direkt vor der Altbaufensterfront stand ein ausladender Eichensekretär. Der war über und über mit Akten und Papieren zugestapelt. Das war das Büro des Professor Analyticus.
Gleich daneben befand sich ein Beistelltischchen. Auf diesem lag eine angefangene Chipstüte, stand ein offenes Gewürzgurkenglas herum und eine zugekorkte, halbvolle Weinflasche.

In der Mitte des Spielzimmers war ein überlebensgroßes Spielfeld aufgebaut. Es bestand aus schwarzen und weißen Mosaiksteinen und war spiralförmig angeordnet.
Auf diesen Mosaiksteinen standen in bestimmten Abständen fünf menschengroße, mit sich selbst tanzende, in ihren Bewegungen eingefrorene Hologrammfiguren meines Konterfeis. Auch sie waren in Schwarz und Weiß, aber auch in Grautönen gehalten. Bis auf die Ego-Shooter-Spielfigur im Zentrum meiner Ich-Spirale trugen alle anderen Figuren noch etwas sichtbar Buntes bei sich. Doch ich konnte mich für den Anfang nicht darauf konzentrieren. …
Und da waren noch die Plüschsonnenblumen mit den aufgenähten Gesichtern, die zwischen den Holografien hin- und hertanzten. Auch diese waren in der augenblicklichen Situation erstarrt. Ich nannte sie damals schon meine Gefühlsblumen.

Professor Analyticus machte es sich in einem der abgewetzten hellbraunen Lederohrensessel gemütlich und wies mir den gegenüberliegenden zu. Rechts neben uns befand sich mein Ich-Spiralen-Spielfeld und surrte wie ein schwungvoller Kreisel vor sich hin. Professor Analyticus hatte es mit seiner Fernbedienung angestellt. Doch ich beachtete das fürs Erste gar nicht. …
Mir war sehr warm, und ich schwitzte in mein Jeder-Abschied-kann-ein-neuer-Anfang-sein-Tshirt hinein. Auch der Hosenbund meiner gebatikten Zimmermannshose war schweißdurchnässt, und meine Füße schwammen in den Dr-Martens-zehnloch-Boots.

„Wie geht es ihnen heute?“, fragte mich Professor Analyticus.
Er war Mitte fünfzig, so schätzte ich ihn jedenfalls ein. Sein dünnes, handtellerlanges, ungepflegtes Haar war graumeliert und räumte seinem aufgeschwemmten Drei-Tage-Bart-Gesicht mit seiner hohen Stirn sehr viel Platz ein. Das schwarze Kurzarmhemd spannte sich über seinen Kugelbauch, wies lauter weiße Fusseln auf und war ungebügelt. Seine beigefarbene Chinohose saß sehr eng unterhalb des Bauches auf den Hüften und der Hosenstall stand ein Ministückchen offen. Er hatte Alt-Herren-Sandalen an, mit schwarzen Socken an den Füßen.
All das nahm ich in einem Bruchteil einer Sekunde war und sagte, „Mir ist schlecht. Das ist nicht mein Wetter.“
„Oh, kann ich ihnen etwas zu trinken anbieten?“, ereiferte sich der Professor und war schon halb aufgestanden.
Ich lugte skeptisch zu der angebrochenen Weinflasche hinüber und lehnte dankend ab. Ich nestelte an meinem Lebensrucksack herum, den ich zu meinen Stiefeln auf den Dielenfußboden abgestellt hatte.
„Ich habe einen Namen für den Ego-Shooter gefunden.“, fuhr ich fort und schaute zum spiralförmigen Spielfeld hinüber. Es drehte sich um die eigene Achse, malte schwarze und weiße Schlangen, die sich nach einer Weile zu konzentrischen Kreisbewegungen zusammenfügten.
„So`“, brummte da der Professor Analyticus und setzte sich wieder in seinen bequemen Ohrensessel. Links neben dem Sessel lag der goldfarbene Langhaarhund ausgebreitet und hechelte vor sich hin. Er hieß Gildo-Benno, hatte mir der Professor gleich bei unserer ersten Spielrunde verraten.
„Ja.“, meinte ich daraufhin. „Der Ego-Shooter ist weiblich, und ich habe ihm beziehungsweise ihr den Namen Zissi gegeben.“ Bei diesen Worten fühlte ich mich ganz britzelig. Schließlich war Zissi die Fünfte im Bunde, und ich wusste noch nicht so genau, wie sie sich mit den anderen der kleinen Gang vertragen würde …

Mein Blick wanderte wieder zu meiner Ich-Spirale hinüber. Um den Ego-Shooter namens Zissi tanzten vier weitere Holografien. Sie alle hatten mit den Jahren Namen bekommen.
Ich erinnerte mich:
Da waren zum Beispiel die Fee und Dodo. Sie tauchten damals noch zu Trinkerzeiten auf, als ich „das Land des Lachens“ zum ersten Mal gelesen und damit angefangen habe, mein „Dodolonthium“ zu schreiben, wurde es mir bewusst.
Tja, und dann ist da noch Eckstein, sinnierte ich. Er meldete sich schon im „Dodolonthium“ als innere Kopfstimme zu Wort, bekam aber erst ein Jahr später in meiner Geschichte „Geschwisterliebe“ seinen Namen.
So war das damals, dachte ich und beobachtete meinen Ich-Kreisel und die tanzenden Figuren auf ihm. Mir wurde schwindelig vom Zuschauen. Ganz schön komplex das Ganze, dachte ich weiter.

Professor Analyticus räusperte sich und verschränkte seine dicken, schwitzigen Hände in seinem Schoß. „Ich verstehe.“, murmelte er. „Das ist also eine Anspielung auf meine Diagnose von neulich.“, brummelte er geistesabwesend vor sich hin.
Er wirkte unausgeschlafen auf mich. Seine Augen klappten in bestimmten Zeitabständen immer wieder für Sekundenbruchteile zu, und sein Kopf nickte dabei kurz zur Seite weg.
Kein Wunder, bei der stickigen Luft, redete ich mir ein und verdrehte leicht die Augen.

Just in einem seiner wachen Momente hielt der Professor mit einem Male die Fernbedienung in seinen Händen und drückte auf Stop. Das Ich-Gekreisel-Spielbrett blieb stehen, und auch die Hologramme erstarrten in ihrer Bewegung.
„Wie sehen sie denn ihre Zissi? Was fühlt sie heute, wenn sie bedenken, was sie damals getan hat? Wie erleben sie sie heute?“, fragte er mich.
Ich schluckte. Denn dieses Thema war mir sehr unangenehm. Wie sollte ich auch dazu heute stehen, dass sie zu jener Zeit ihr vielmehr mein gesamtes Familien- und Freundesumfeld nach Strich und Faden belogen hat und vor allem dass sie sich selbst gegenüber nicht ehrlich gewesen ist? Das war schlichtweg der Hauptgrund, warum wir so extrem in den Trinkersumpf abgerutscht sind.
Heute war mir das klar. Damals haben wir, was das angeht, in einer Tagtraumwelt gelebt und uns kopfüber in ein ausgefeiltes Kartenhauskonstrukt aus Lügen gestürzt, die wir zu jener Zeit allen ernstes für wahr gehalten haben.
Ich schluckte abermals. „Nun. Ich denke, meine Zissi wollte eine paradoxe Freiheit haben und eine verquere Macht über die Alltagsdinge verspüren. Sie wollte die selbstverliebte Königin sein, die die sich nur um sich selbst drehen muss, um das zu bekommen, was sie will.“
Ich stockte und überlegte. Das hat Krankheitswert gehabt, dachte ich mir, gut, dass das seit ein paar Jahren ein Ende hat. Ist es wirklich zu Ende, fragte ich mich nach einer Weile und nickte selbstbestimmt mit dem Kopf. Sonst würde ich glatt wieder mit dem Trinken anfangen, das war mir glasklar.
„Wissen sie, Herr Professor Analyticus, ich sehe und erlebe meine Zissi heutzutage anders. Sie ist zwar gelegentlich noch immer ein in sich selbst verliebtes Arschloch, das egoistisch ist und nicht an andere denkt. Aber sie erkennt ihre Grenzen und übertritt diese nicht mehr auf Teufel komm raus. Okay, gelegentlich kratzt sie noch an diesen, aber das war’s dann auch. Sie hat heutzutage sogar schon Probleme mit klitzekleinen Notlügen und fühlt sich dabei durch ihr schlechtes Gewissen ertappt. Allerdings ist sie – wie eh und je – ein Zeige- und Erzählschwein. Aber sind nicht alle Künstler irgendwo kleine Narzissten?“

Der Professor nickte. Er hatte seine Augen geschlossen und tat zwei tiefe Atemzüge, bevor er sich die inneren Augenwinkel zwischen Daumen und Zeigefinger rieb.
Irgendwie erinnerte er mich an meine eigene Alkoholikervergangenheit. Doch sagen tat ich dazu nichts, schließlich war ich hier die Patientin und nicht er.

Er nickte abermals, für den Moment wieder glockenhellwach. „Wen stellt die Holografie links neben Zissi dar? Die Figur mit der bunt gedruckten Handtasche?“, fragte er mich.
Ich räusperte mich. „Das ist die Fee.“, sagte ich. „Und auf der Handtasche ist eins meiner Gefühle-Essen-Eilder abgebildet. Das, wo ich nur noch mit Mullbinden verbundene Armstumpen habe, vor einer Schüssel voller Gefühle sitze und diese mit zwei großen Schöpflöffeln essen soll.“, fuhr ich weiter fort. „Wissen sie Herr Professor, das ist so. Immer wenn Zissi irgendeinen egozentrischen Bockmist baut, ergibt das ungute Gefühle. Und diese müssen dann, da sie schon mal in meinen Innereien herumwühlen, irgendwie gegessen, verdaut und verarbeitet werden. Können sie sich das vorstellen?“
Er nickte. „Und wer ist das vorne rechts neben Zissi?“, fragte er weiter.
„Das ist Dodo.“, klärte ich den Professor auf. „Er trägt eine bedruckte Pappe um den Hals. Da sieht man mich als den Konter-Admiral darauf, wie ich gerade ein gefühliges Lebkuchenmännlein mit meinem mahnenden Zeigefingermesser zerschneiden und dann verspeisen will. Vor mir steht auch meine über alles geliebte Herztasse. In dieser befindet sich der Liebesperlentrank, den ich so bitter vermisst habe.“, erzählte ich weiter. „Es ist ein gestrenges Über-ich-Bild.“, fuhr ich fort und lächelte dabei ironisch.
Der Professor rutschte in seinem Ohrensessel hin und her und schlug das eine Bein über das andere. „Das Hologramm hinter Dodo, wer ist das?“, stellte er seine Frage in den Raum.
„Oh, das ist Eckstein. Er trägt ein bunt bedrucktes Tanktop über seiner grauschwarzen Kleidung. Es zeigt mich in meinem Alles-hat-ein-Ende-Bild, wie ich mit Mittelfingergabel und Mittelfingermesser da sitze und den Wurstkringel essen will. Das Bild ist zum Anlass meines Abschieds aus der Werkstattarbeit entstanden. Auch hier spielt Zissi eine Rolle.“, fuhr ich erläuternd fort.
„Und wen stellt die Holografie dort ganz hinten dar?“, wollte der Professor wissen.
„Ach sie meinen die Figur, die uns im Augenblick den Rücken zudreht?“, fragte ich zurück.
Der Professor, „Hmmmte.“
„Das ist meine Dramaqueen.“
„Trägt sie auch ein buntes Bild um den Hals?“, fragte er erneut.
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Aber dafür hat man ihr eine Speisevorlage umgebunden. Und diese ist mit einer unfertigen Skizze bedruckt. Auch ein Gefühle-Essen-Bild. Das ist ebenso während meiner Arbeit in der Werkstatt entstanden. Die Skizze zeigt mich im Vordergrund, wie ich mit meinem Zeigefingermesser einen Maskenkuchen aufschneide. Und im Hintergrund ist eine Leinwand mit gruseligen Emotionen-Stelzen-Monstern und einer Herzvase mit Tulpen drinnen zu sehen. Die Leinwand ist die Projektionsfläche für mein Innerstes.“
„Übrigens, wissen sie, was es mit den plüschigen Gefühlsblumen auf sich hat, die sich zwischen den Hologrammen auf dem Spielfeld tummeln?“, fragte ich den Professor.
„Nein.“, sagte er und wechselte die übereinander geschlagene Beinposition.
„Das sind Gefühle, die ich zwar irgendwie fühle, aber nicht zuordnen kann. Das passiert mir ganz oft, wenn Zissi über die Stränge schlägt. Meine kleine Gang ist da mit Achtsamkeit gefordert.“, fuhr ich fort.

Professor Analyticus nickte. Er hatte genug gehört und drückte abermals auf die Fernbedienung. Es klickte, und mein Ich-Spiralen-Spielbrett setzte sich wieder in Bewegung. Es surrte monoton vor sich in, zeichnete schwarze und weiße Kreise und lies die Hologramme tanzen.
Weder der Professor noch ich sagten etwas. Nur der güldene Langhaarhund, der noch immer ausgebreitet dalag, hechelte vor sich hin. Er schaute mich mit seinen treusorgenden Augen an, als wüsste er sehr genau, was in mir vorging. Das konnte nur ein Gildo-Benno-Hund. Dessen war ich mir in diesem Moment sicher.

Ich seufzte. Der Professor war erneut kurz weggenickt, und ich überlegte, ob ich ihn mit dem Fuß vorsichtig anstubbsen sollte. Ich entschied mich allerdings dagegen. Denn nur wenige Sekunden später öffneten sich wieder seine Augen.
Inzwischen war eine Stunde vergangen, und es war Zeit zu gehen. Ich würde bis zum nächsten Mittwoch genügend Nachdenkstoff in mein eigenes Chaos mit nach Hause nehmen. Meine vollgestellte und unaufgeräumte Dachkammerwohnung wartete auf mich.
Demonstrativ schaute ich auf die Uhr, räusperte mich, erhob mich langsam aus dem Ohrensessel und griff mir meinen Lebensrucksack. Mein bunt bedrucktes TShirt und die Zimmermannshose waren ganz verschwitzt, und ich schüttelte mich einmal kurz, um den nassen Stoff von der Haut wegzubekommen, doch vergeblich …
Professor Analyticus schraubte sich auch aus seinem Sessel hoch. Er wirkte auf mich ziemlich geplättet. Sogar Gildo-Benno hob zum Abschied nur müde den Kopf. Als der Professor mich aus der zebrastreifigen Licht-und-Schatten-Kulisse hinaus in den Flur und zur schweren Eingangstüre geleitete, wusste ich nicht, was mich das nächste Mal im Spielzimmer erwarten würde. Mein Ich-Spiralen-Spielbrett barg eigentlich immer überraschende Erkenntnisse für mich. Es blieb also spannend. …

© Rose Kane, Le, Januar 2017

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