Wirschaffendas

Das Radio dudelt irgendwelche Schlager. Es ist der Lieblingssender meiner Mutter. Und ich kenne die meisten Lieder vom Hören, ohne zu wissen, wie die Titel heißen, oder wer sie singt.

Es ist 8:30 Uhr, sonntags. Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern, denn ich habe frei. Hier ist es gut, es geht alles seinen geregelten Tagesablaufgang, und ich muss mich um nichts kümmern.
Die Luft im Bad dampft warm und feucht vor sich hin. Ich stehe nackt vor dem beschlagenen Spiegel und sehe nur meine verschwommenen Umrisse. Es ist ein bisschen so, als wüsste ich nicht, wer ich in Wirklichkeit bin und was ich will …
Ich stehe ratlos da und spüre, wie sich mein Gedärm mit einer von hinten über den Rücken ziehenden Hitzewelle zusammenknäuelt und kleine Unwohlseinsspitzen in meinen Körper bohrt. Eine unbestimmte Angst macht sich – von den Fußsohlen bis zu den Haaren – in mir breit, krallt sich fest und lässt mir keine Ruhe.
Sie raunt mir zu, „Du wirst es nicht schaffen, wenn du so weiter machst.“
Ruhe. Das Unwohlsein dringt noch tiefer in mich ein, und das Herz verhaspelt sich vor lauter Sorge gleich mehrfach.
Sie flüstert noch einmal, „Du schaffst die Umschulung nicht!“
Wieder Stille. Das Radio spielt, und ich frage mich allen Ernstes, wer diese sie eigentlich ist.
Eckstein kichert in meinem Ohr, „Das ist die Dramaqueen!“
„Die wer?“, befrage ich etwas zu laut mein zugedampftes Spiegelbild und wische flüchtig mit der Hand über die Spiegelfläche.
„Deine Dramaqueen!“, verdreht Eckstein leicht genervt die Augen und zwinkert mir als mein Konterfei zu, „Das solltest du aber längst wissen.“
„Hm …“, mache ich und befreie den Spiegel mehr und mehr von seiner Beschlagenheit. Mein Darm scheint Stepp zu tanzen, und mein Magen ist versucht, sich wie eine Dunstglocke über diesen stülpen zu wollen. Mir ist schlecht. Es ist viel zu schwül im Bad …
Das Radio verstummt mit einem Schlag, und eine Moderatorinnenstimme meldet sich zu Wort. Sie kündigt im seltsamen Singsang ein Exklusivinterview mit meinem Dodo an.
Ich stehe etwas verdattert vor meinen Klamotten und überlege stockend, ob ich nun zuerst die Strumpfhose, es sind Minusgrade draußen, anziehen soll oder erst die Strümpfe …
„Nun“, beginnt die melodische Stimme der Moderatorin, „Du bist also der Tagträumer eures Quintetts?“
Ich höre ein Räuspern. Und dann sagt Dodo ein bisschen zu schüchtern, „Ja.“
„Du bist derjenige mit den Flausen im Kopf, der die anderen öfters von der Arbeit abhält?“
Ich vernehme noch ein zurückhaltendes, „Ja.“
„Und diese Geschichte hier zu schreiben, das war auch deine Idee, stimmt`s?“, fährt die Moderatorin mit ihrer Singsangstimme fort.
Es folgt noch ein zögerliches, „Ja?“
„Wissen sie“, fährt Dodo nach einer kleinen Pause vor sich hin überlegend fort, „wenn ich beziehungsweise wir Angst haben, springe ich oft ein und lenke die anderen mit meinen kreativen Ideen ab. Ich male dann die Wände bunt und puste Konfetti durch die Luft. Ich lade die anderen dazu ein, die Alltagswelt ein bisschen mit meinen Augen zu sehen … Und wenn es gut läuft, schaffe ich es, uns damit etwas abzulenken, um wieder Kraft und Mut für den nächsten Schritt, was die Umschulung angeht, zu schöpfen.“
Ich ertappe mich dabei, wie ich energisch mit dem Kopf nicke und muss aufpassen, dass ich nicht das Gleichgewicht verliere. Denn ich fädele gerade das linke Bein in meine Strumpfhose, und das Rechte ist nicht mein gutes Standbein.
„Ach …, so kann man das natürlich auch sehen.“, führt die Moderatorin das Interview fort. Ihre Stimme hat einen leicht belustigten Unterton …
Die Radiolautsprecher rauschen und brummen und knacken vor sich hin.
Ich habe inzwischen meinen Schlüpfer, die Strumpfhose und die Socken angezogen, als die Moderatorin fortfährt:
„Sei es drum. … Du bist einer von Fünfen. Wer sind die anderen? Und

was treiben sie, wenn ihr Angst habt?“Dodo räuspert sich, „Zuallererst ist da noch Eckstein. Ihn haben sie ja schon kennengelernt. Er ist mein erwachsener Gegenpart. Er ist streng und versucht, mich zu zügeln, wenn ich in seinen Augen zu sehr über die Stränge schlage. Er ist derjenige, der in Notzeiten sagt, wir schaffen das! … Er treibt uns alle an, die Umschulung durchzuhalten …“
„Und dann gibt es noch die Dramaqueen.“, spricht Dodo weiter, „Auch sie haben sie schon kennengelernt. Sie gibt allem einen (psycho)dramahaften Anstrich, insbesondere neuen, unvorhergesehenen Situationen, aber auch Altbekannten … Sie ist laut und aufmerksamheischerich, nur um später irgendwann festzustellen, dass es auch ganz gut ohne Drama ablaufen kann …“
Es entsteht eine kurze Pause, während Dodo gedankenversunken vor sich hin lächelt.
„Ach so, die Fee, die hätte ich beinahe vergessen.“, fährt Dodo fort, „Sie ist der versöhnliche Anteil zwischen mir und Eckstein und vermittelt zwischen uns, wenn der Haussegen schief hängt. In Angstsituationen wuselt sie mütterlich umsorgend umher und versucht, uns allen etwas Gutes zu tun.“
„Und wer ist der Fünfte im Bunde?“, fragt die Moderatorensingsangstimme nach.
„Oh, das ist der Namenlose, der längst einen Namen hat.“, antwortet Dodo. „Er ist das Chaos in Person. Ein bisschen autark, wenn sie mich fragen. Wenn er Angst verspürt, wird er rastlos und verbreitet ein wildes Durcheinander. Dann übersieht er leicht die einfachsten Dinge. Aber auch in guten Zeiten hat er es nicht mit der Ordnung.“
Die Lautsprecher sind mit einem Mal mucksmäuschenstill. Es ist so, als ob die ganze Szenerie die Luft zum Atmen anhalten und auf das, was kommen wird, warten würde. Mein Gedärm rebelliert noch immer, aber ich bin mittlerweile beim Anziehen bis zum langärmeligen Shirt vorgedrungen. Ich stehe inmitten des zugedunsenen Bades und überlege, ob ich mal die Heizung abdrehen und das Fenster öffnen sollte.
Da meldet sich plötzlich die Moderatorin wieder, „Dodo, kannst du mir sagen, um was für Ängste es sich genau handelt? Wie verhalten sie sich gegenüber euch? Wenn du deinen Ängsten eine Gestalt geben müsstest, wie würden diese aussehen?“
„Das ist gar nicht so einfach zu beantworten.“, denkt Dodo laut nach. „Denn diese Ängste sind diffus. Sie haben keine greifbare Gestalt. Sie sind Kellergeschöpfe. Es ist ein bisschen so, als seien wir Enten, die mit ihren Beinchen durchs tiefe, undurchdringliche Nass rudern und mit ihrem Körper auf dem Wasser schwimmen, während irgendwer panisch, „Haiattacke!“, ruft. Und dann überschlagen sich die Ereignisse … Diese Angst ist nicht greifbar. Sie lauert an jeder Ecke und macht uns das Leben schwer … sehr schwer, so schwer, dass die Aufhörgedanken immer mal wieder erstarken. Wir drehen uns, was das angeht, im Kreise. Alle aus unserem Umfeld, bis auf das Streuner-Katzen-Wesen, sagen, dass wir durchhalten sollen, … Und wir wollen ja irgendwie auch. Aber es ist oft so schwierig, wahnsinnig schwierig, … dass aus dem Will oft ein Muss wird. … Aber wir kämpfen und geben nicht auf. Eckstein sagt ja auch immer, „Wirschaffendas!“, und dann schaffen wir das auch. Wir müssen nur am Ball bleiben.“
Das Radio spielt wieder seine Schlager, und ich bin mittlerweile bis zum T-Shirt vorgedrungen. Es ist bedruckt und zeigt mein Lieblingsmotiv.
Ich muss an „die-Reise-nach-Jerusalem“ denken, die wir in der Schule gespielt haben. Als ich rausgeflogen bin, musste ich eine Wissensfrage ziehen, die unsere Pflegelehrerin vorbereitet hatte. Mir ist dabei das Herz in die Hose gerutscht. Ich habe mich vor lauter Aufregung verhaspelt und mein Kopf ist wie leergefegt gewesen …
Eckstein kichert, „Und was meinst du, wie es deinen Mitschülern bei diesen Spiel ergangen ist? Glaubst du, dass sie das alle kalt gelassen hat?“
Darauf will ich keine rechte Antwort wissen, und mir fällt die nächste angstbesetzte Situation ein, bei der ich vorher ganz schön gelitten habe:
Es handelt sich um das Gespräch mit meinem Direktor, um dass ich gebeten hatte, weil ich mich mit der Doppelbelastung Schule beziehungsweise Praktikum und den zeitgleichen Prüfungsvorbereitungen überfordert gefühlt habe.
„Und, war es wirklich so schlimm, wie es sich deine Dramaqueen vorher ausgemalt hat?“, fragt Eckstein in meinem Ohr. „Du bist doch letzten Endes auf viel Verständnis und auch auf Lösungsvorschläge gestoßen. Oder?“
Ich nicke, dennoch habe ich einen Kloß im Hals. Ich denke an die vielen Tage, an denen mir das Aufstehen schwer fällt, weil ich Angst vor allem Möglichen habe. Aber ich will nicht schon wieder alles hinwerfen, wie ich es bereits zweimal getan habe …
Eckstein zwinkert mir aus meinem Spiegelbild zu, „Wir helfen dir!“, ermutigt er mich.
Mir ist nicht mehr ganz so schlecht. Ich reiße das Badfenster auf und lasse die kalte Februarluft herein. Ich atme tief ein und aus, und schon sieht die Sache etwas anders aus.
„Wir schaffen das!“, denke ich zuversichtlich und schlüpfe in meine Hose …

© Rose Kane, LE, 2016