Wallflower

Resi Klee wurde nicht nur allseits Klee-si-e genannt, sie saß auch damals bei den jungen Mädchen zwischen allen Stühlen.
Die einen machten sich darüber lustig, dass sie sich mit dreizehn Jahren noch nicht für Jungs interessierte. Und die anderen fanden es unappetitlich, dass sie schon ihre Regelblutung hatte. Und sie fanden es auch ungerecht, dass sie vom Sportunterricht befreit wurde, weil sie in dieser Zeit Unterleibsschmerzen plagten.
Wie es Klee-si-e mit den körperlichen Veränderungen erging, danach fragte niemand, nicht einmal ihre Eltern. Ja, sie wurde über das Warum-wieso-weshalb aufgeklärt, aber emotional blieb sie ein Neutrum.

Sie stellte sich einfach vor, auch weiterhin keine Brüste zu haben. Und so manches Mal wünschte sie sich, ein Junge zu sein.
Sie dachte damals, dass sie dann ihren Peinigern mal so richtig eins in die Fresse hauen könnte. Doch tat sie das in ihrer gesamten Schulzeit nur ein einziges Mal, vor versammelter Mannschaft, als alle sie und ihren Trietzer dichtgedrängt umringten.
Danach war sie die Böse und stand noch viel mehr am Rand des Geschehens, als es zu jener Zeit eh schon die Realität gewesen ist.

Am schlimmsten war es in der Gemeinschaftsmädchenumkleide. Dort musste sie sich vor den anderen umziehen. Dabei fühlte sie sich doch als unförmiges, nicht schönes Etwas. Die Lehrer gebrauchten bei den reihenärztlichen Schuluntersuchungen den pädagogischen Begriff Vollschlank.

Manchmal musste Klee-si-e Mädchensachen tragen und fühlte sich dabei seltsam verkleidet und fremd. Sie stellte sich dann erst recht vor, ein Junge zu sein.

Mit Vierzehn schrieb sie heimlich, I love David Hasselhoff, auf ihr Schulheft, weil sie es bei ihrer früh gereiften Banknachbarin gelesen hatte. Diese jedoch bemerkte das, und fragte sie, ob sie denn auch wisse, wer dieser Mann sei. Klee-si-e zuckte zu jener Zeit nur mit den Schultern. Die BRAVO entdeckte sie erst später und kaufte sich diese von ihrem Taschengeld.
Dann lag sie stundenlang in ihrem Zimmer auf ihrer Schlafcouch, hörte Radio De-Te-Vierundsechzig und träumte sich ein Leben wahlweise mit David Hasselhoff oder mit Michael Jackson zusammen.
Für reale Jungs und Partys interessierte sie sich allerdings nicht.

Das brach erst im Studium mit aller Gewalt über sie herein.
Ihr erster Kuss war bartstoppelig, feucht, bierseelig und ekelig, wie sie fand. Noch ein halbes Jahr danach ging sie dem besagten Studenten älteren Semesters aus dem Weg.
Mit Neunzehn lernte Klee-si-e einen Weltenerklärer und Frauenversteher kennen, dem sie all ihre brennenden

Fragen stellen konnte, auch über ihren Körper und ihre Sexualität.
Aus falsch verstandener Liebe träumte sie sich abermals ein Leben zusammen. Mit ihm. Selbst nach einem schmerzlichen De-ja-vú-Erlebnis aus ihrer Kindheit tat sie all diese BDSM-Sex-Sachen mit ihm. Allerdings hatte sie nur eine Ahnung davon, wie sich ein Orgasmus in Wirklichkeit anfühlen könnte. Sie erlitt sogar den Abort eines ein Millimeter großen Embryos auf der Toilette ihres Praktikumsbetriebes, wurde sich darüber aber erst viele Jahre später wirklich bewusst.

Neben all ihrer Es-wäre-so-schön-ein-bisschen-Alltag-mit-ihrem-Weltenerklärer-zu-leben-Träumerei experimentierte Klee-si-e wild herum. Von der langhaarigen Schicksn-mixie- bis hin zur Öko-Braut oder einer Westernbemantelten Lederlady war sie so manches, nur nicht sie selbst.
Und sie sprach dem Alkohol reichlich und regelmäßig zu.
Damals hatte sie keine Ahnung davon, wie das ist, Freunde zu haben und hing bei allen Menschen, die sie irgendwie sympathisch fand, stundenlang ab, ohne zu spüren,  dass das für die betreffenden Personen auch eine Last sein könnte.

Irgendwann träumte Klee-si-e im Suff von einer reinweißen Lichtgestalt und fühlte sich bei dieser warm und geborgen. Nach dem Aufwachen wusste sie, dass dies eine Weiblichkeit gewesen ist, die sie sehr ansprach. Ihre Liebe zu Frauen ward geboren.
In den Jahren danach gab es hier und da zarte Anbandelungen mit eben jenem Geschlecht. Größtenteils lebte sie allerdings asexuell und vermisste dabei nichts.

Der Weltenerklärer und das Studium waren längst Geschichte, und auch den Alkohol hatte Klee-si-e längst hinter sich gelassen.
Sie war inzwischen vielmehr bei sich selbst angekommen und fühlte sich in ihren gebatikten Bundeswehrhosen, bunt bedruckten T-Shirts und Hoodies pudelwohl. Für ausgewählte Anlässe hatte sie auch Männerhemden, Sakkos und Anzugsschuhe im Schrank.
Das Jungs-Da-Sein hatte sie dagegen noch nicht ganz aufgeben. Es kam noch immer vor, dass sie sich eher als Mann beziehungsweise vielmehr als Sächlichkeit fühlte.
Ihr war es zum Beispiel zuwider, in der Öffentlichkeit nackte Haut zu zeigen. So ging sie beispielsweise nur in ihren Badeshorts und ihrem Schwimmshirt in die Schwimmhalle. Auch trug sie im Hochsommer Outdoorhosen, die mindestens bis zur Mitte der Wade reichten.
Sie hatte auch schon mal überlegt, sich ihre Brüste abnehmen oder zu mindestens verkleinern zu lassen, traute sich dies allerdings nicht, da sie das auch hätte ihren Eltern erklären müssen …

So war mit den Jahren aus einem unscheinbaren Mauerblümchen eine bunt schillernde Resi Klee geworden, und die Reise war noch längst nicht zu Ende …

© Rose Kane, Le., 01/2018