Wahlrußjas Glas

„Rabuhnia, Rabuhnia, … meine Blumia. … Komm her! Rabuhnia. … Rabuhnia, Rabuhnia, … komm her, zu mir, sonst fresse ich die Galerie der Flaschen, die uns zu Füßen liegen und schmelze sie zu einer großen Glaskugel ein.“, rief die Glassammlerin laut klirrend aus und wand sich hin zu Rabuhnia. Mit ihren staksigen Metallfingern griff sie nach Rabuhnias Umhang, der aus einem schwarzen Federkleid bestand, und zupfte ihr eine der Federn aus, um sich diese in den eigenen Schopf aus Metallspänen zu stecken.
Rabuhnia jedoch bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle. Ihr Federmantel raschelte, weil sie sich mit der linken Hand übers behaarte Kinn fuhr. Dabei schaute sie hinab auf die Flaschen, samt ihrem Inhalt. Mit leiser Stimme sprach sie, „Oh ja, fein. Eine Glaskugel, das wäre schön. Dann könnte ich uns die Zukunft weissagen.“
Glas schlug aufs Pflaster, als ein Straßenmensch vorbeiwankte. Er roch nach Schnaps, und seine Kleidung war schmuddelig. Mit seinem unrasierten Gesicht durchblickte er die Gegend und brummelte etwas davon, dass er der König der Fischer sei, bevor er sich müde zu Füßen von Rabuhnia und der Glassammlerin niederließ. Hier war es wenigstens warm, dachte er sich und schlief ein …

„Und hier fängt meine Geschichte an.“, murmelte Wahlrußja und setzte den – aus Aluminiumfolie und einem Drahtsieb – selbstgebauten Schebberdeckel auf seinem Kopf zurecht. Er hatte den Bügel seiner Kopfhörer in den Nacken geschoben, und eine der Erzählerstimmen seines geliebten Otherlandhörspiels erklang leise aus den Ohrmuscheln, die an sein geschwollenes Gesicht drückten.
Er saß mit seinem Bruder zur Rechten und seiner Schwägerin zur Linken in einer verschneiten Autobahnraststätte und versuchte Lachsnudeln zu essen. Nebenbei erklang immer wieder seine heisere Gangsterstimme und erzählte unter Husten und Prusten etwas von Sendern und Empfängern, dass er von denen abgehört und verfolgt werden würde. Er meinte dazu, dass es deshalb so wichtig wäre, dass sie alle zusammen auf die richtige Seite wechseln würden, und dieses sei momentan die Empfängerseite. Das würden ihm die Brakets seiner Zahnspange einflüstern. Deshalb müssten sie ja auch ganz dringend nach Berlin fahren, sagte er dazu, denn dort sei die Zentrale der Empfänger.
Bruder und Schwägerin schauten sich während Wahlrußjas stockendem Bericht über ihre und seine Situation besorgt an. Und die Schwägerin kramte in ihrer großen Handtasche nach der medizinischen Mundspüllösung für Wahlrußjas Nähte. Das war ja alles noch gar nicht so lange her …
Weiter meinte Wahlrußja, während er sich fast an einem besonders großen Lachsstückchen verschluckte, sein Kehlkopf war während der achtstündigen Operation lädiert worden, dass Leipzig, wo sein Bruder und die Schwägerin lebten, auch noch in Ordnung gehen würde. Diese Stadt würde noch zur neutralen Grauzone zählen, fügte er hinzu. Dort müsse man nur besonders aufpassen, ob nun gerade die Empfänger oder die Sender ihre Oberhand über ihn gewinnen würden. Das wäre für seinen wohlgesonnenen Verbleib in der Stadt alles entscheidend. Schließlich solle er ja endlich erfolgreich Fuß fassen, beruflich, sozial und allgemein gesehen …
Noch während Wahlrußja das halbe Essen wieder auf den Teller spuckte und dafür scheele Seitenblicke von den Gästen an den Nachbartischen erntete, krächzte er plötzlich mit rauer Stimme, dass sein Bruder ja gar nicht

sein Bruder sein könne, weil er und die Schwägerin von Sender- oder Empfängerseite – je nachdem – als Schauspieler für diese Rolle engagiert worden wären, um ihn, Wahlrußja, unter Kontrolle zu halten. Er weinte fast, als er das stockend hervorbrachte, und wollte schon hastig das Brückenlokal verlassen, als sein Bruder ihn mit einem beherzten Griff um das Handgelenk zu beruhigen versuchte …
Während dieser der vorbeilaufenden Kellnerin zu verstehen gab, dass er die Rechnung haben wolle, lupfte Wahlrußja den Schebberdeckel, um sich seine Kopfhörer wieder auf die Ohren zu setzen und erneut in Otherland abzutauchen. Dies beruhigte ihn irgendwie, während er seine Konstruktion aus Aluminiumfolie und Abtropfsieb gedankenverloren zwischen den Händen hin- und herdrehte.

Das war jetzt gute drei Jahre her. Inzwischen lag Wahlrußja schlaflos neben seiner Freundin Luna, in ihrer gemeinsamen Leipziger Wohnung, und hirnte über sein bisheriges Leben nach … Er sah das geflügelte Nashorn vor seinem inneren Auge. Daran glaubte er. Nur bezweifelte er, ob der angestrebte Abschluss eines Gesundheitspflegers für ihn das Richtige sein könnte. Und je mehr ihm seine Familie und Freunde dazu rieten, wenigstens diesen einen Abschluss zu absolvieren, in seinem Leben endlich einmal etwas zu Ende zu bringen, desto mehr wurden seine Zweifel daran nagender und grundsätzlicher. Immer öfters ertappte er sich dabei, wie er sich in seinen Tagträumen ausmalte, wie es sein könnte, beruflich etwas anderes zu lernen und zu arbeiten. Er spürte den nahen Druck der bevorstehenden Prüfungen und wusste, dass er kein Krankenpfleger sein wollte. Nur diesen Umstand aussprechen und demzufolge auch wahrhaben, das konnte er noch nicht.
Bis zu jenem Tag, an dem er Rabuhnia und die Glassammlerin in seinen Nachtträumen traf und diese ihm die Möglichkeit aufzeigten, wie es sein könnte, wenn er der Straßenmensch, der König der Fischer sein würde. Das erschreckte ihn zugebenermaßen sehr, und es machte ihn krank. …

So krank, dass er allen Ernstes daran glaubte, dass jemand an der Uhr gedreht hätte und die Zeit manipulieren würde. So sehr er sich an diesem Tag auch anstrengte, die Arbeit im Krankenhaus ließ ihn gefühlt langsam wie eine Schnecke werden.
Die Glassammlerin öffnete ihren metallenen Mund und spie glühenden Glasbrei aus, als sie zu Wahlrußja meinte, die Happy Pills, die er und seine Patienten nehmen müssten, seinen mit Gift vertauscht worden. Dabei riss sie sich die einzelne Rabenfeder vom Kopf und verschluckte sie in ihrem feurigen Schlund.

Rabuhnia hingegen nahm Wahlrußja tröstend in den Arm und legte ihm ihren Mantel aus Rabenfedern um die Schultern. Dann zückte sie ihre große Glaskugel und riskierte einen Blick hinein.
„Jetzt hast du die Chance, auf dein geflügeltes Nashorn zu steigen und davon zu fliegen.“, sagte sie und strich über den Nebel in ihrem kugeligen Glasobjekt. „Du wirst die Möglichkeit erhalten, deinen wahren Begabungen zu folgen.“, fuhr sie fort. „Doch vorher musst du bei deiner Familie und den Anderen Farbe bekennen“, sagte sie.
Wahlrußja schluckte schwer, als er zum Telefon griff, um Luna und seinen Bruder darüber zu informieren, dass er vorzeitig nach Hause kommen würde und dass es ihm wieder schlechter gehe …

© Rose Kane, Le., 03/2018