Unsere erste Prophorzia

Die zwei hohen, reich verzierten Holztürflügel fielen schwungvoll ins Schloss. Julius ging in langen Eilschritten auf seinen Meister zu, bis er schließlich mit einem deutlich hörbaren Zischler unmittelbar vor diesem zum stehen kam und wie ein Schachtelteufel auf seinen bestiefelten Füßen vor- und zurückwippte. Dabei wedelte er mit seinem federgeplusterten Hinterteil hin und her, so als ob er ein Kissen aufschütteln wollte.

Julius, darf ich nicht unerwähnt lassen, war einer der Weihnachtsgeister, ein sehr junger. Er befand sich sozusagen noch inmitten seiner Ausbildung.

Nun stand er also seinem Meister gegenüber und rang ungeduldig nach Worten. Seine langen Zwirbelhaare ver- und entkräuselten sich nach Perpetuummobileart und brachen das von draußen durch die großen Buntglasfenster hereinfallende Sonnenlicht in viele und aberviele Facetten.
„Meister“, schrie Julius, so als ob sein Gegenpart noch kilometerweit weg wäre.
In seinen Händen hielt er eine mittelgroße Glaskugel. Sie schien aus dem Nichts aufgetaucht zu sein, und seine Finger strichen hektisch über die glatte Oberfläche.
„Meister“, rief Julius erneut, „Ich kann das nicht!“
Er wippte noch immer auf seinen Füßen vor und zurück, und sein aufgeplustertes Hinterteil ähnelte dem einer frierenden Henne.
„Schauen Sie sie an!“, schrie Julius. Und er hielt die Glaskugel genau vor des Meisters Gesicht.
„Sehen Sie hin!“, und er schüttelte die Kugel, so dass kleine Schneeflöckchen in ihr hin und her wirbelten …
„Sehen Sie genau hin!“, wiederholte sich Julius noch lauter werdend, „Sie ist schrecklich. Meine erste Prophorzia ist schrecklich.“
Stille.
Der Meister sagte nichts, und auch Julius, die Schneekugel zwischen sich und ihn haltend, schwieg. Die Sonnenstrahlen, die sich durch die großen Fensterbögen mit ihrem Buntglas in die weitläufige, schummrige Halle hineinschmeichelten, umspielten die Glaskugel und verzauberten die Flöckchen in ihr in Glitzermietzendingelchen …
„Meine erste Prophorzia …“, schrie Julius noch einmal.
Irgendwo schlug eine Uhr dunkeltongewaltig zur vollen Stunde.
„Sieht so eine Prophorzia aus? So unglücklich? So, so …“

Die Gongs der Uhr verhallten irgendwo im Hintergrund der Halle und verloren sich im Gewirr der bunt bemoosten Regalgärten voller anderer – alter und weniger alter – Prophorzias. Prophorzias in jahrhundertelangen Weihnachtsgeistdiensten entstanden, gewachsen, gehegt und gepflegt, bis sie reif für ihre Menschen gewesen sind. Reif, um gehört und gesehen zu werden.

Julius schluckte und zuckte mit seinen Schultern, so als ob er aufschluchzen wollte. Sein Meister stand ihm noch immer unmittelbar gegenüber und rührte sich keinen Millimeter.
„Ich weiß, wie du dich fühlst.“, dröhnte die tiefe Stimme des Meisters.
Doch Julius Augen funkelten ihn nur an, „Wie ich mich fühle?“
„Ja, jeder von uns Alten kann das nachvollziehen.“, entgegnete er ihm ruhig.

Irgendwo zwischen den hinteren Regalgärten tat es einen dumpfen Schlag. Dann folgte ein trillerndes Pfeifen, und eine Summbrummsel kam herangesaust, zischte zwischen den Köpfen der beiden hindurch, machte einige Meter hinter ihnen eine Kehrtwendung, um im nächsten

Augenblick mit einem Plopp in einer regenbogenfarbenen Pusteblumenblume zu verpuffen.

„Wie ich mich fühle?“, wiederholte sich Julius.
Dieses Mal ganz leise, so leise, dass es kaum zu hören war.
„Nein! … Nein, das können Sie nicht wissen. Sie alle nicht!“, schüttelte er seinen Kopf.
Er bebte am ganzen Körper.
„Seit Monaten gehe ich schwanger mit diesem Ding, brühte über ihm, erleide eine Kolik nach der anderen, ohne mich zu beklagen, …“
Julius geriet ins Stocken. Er wich den Blicken seines Meisters aus. Seine Finger hatten sich um die glatte Glasoberfläche der Schneekugel verkrampft, so als ob er sie mit purer Kraft zunichte machen wollte.

Zwischen den hinteren Regalgärten gab es ein erneutes Rumoren. Ein Puffen, Zischen und Pfeifen. Noch eine Summbrummsel, die sich rasant dem Meister und seinem Schüler näherte …

„Ich habe gelitten, in der Hoffnung alles richtig zu machen. Und jetzt das?“, schluchzte Julius.
Er wedelte mit der Hand nach der Summbrummsel, als ob sich diese von ihm verscheuchen liese.
„Das ist die Profurzia eines armen Legebatteriehuhns, das während des ersten Gebärprozesses seines bisherigen Lebens ganze Gebirge an Erkenntniseiern in die Welt hinausfurzen musste, nur um festzustellen, dass sein Tun, sein ganzen Dasein sinnlos ist.“

Die Summbrummsel zischte laut auf, als Julius Hand sie fast streifte. Sie überschlug sich mehrmals, kreiselte immer schneller in der Luft umher, sprühte knallrote und goldene Funkensternchen und zeichnete so das Bild eines Weihnachtsgeistes bei seiner Arbeit …

Es vergingen einige Minuten des Schweigens, bis das Funkenbild der Summbrummsel schließlich noch einmal jäh aufleuchtete, um dann langsam zu verblassen.

„Siehst du!“, meinte der Meister kopfnickend, „Es ist nun einmal unsere Bestimmung. Auch wenn heutzutage viele der Menschen uns und unser Tun vergessen zu haben scheinen und, ohne es zu bemerken, unglücklich durch ihr Leben gehen, sind wir es doch, die über ihre Träume, ihre Gefühle, ihre Ideen und ihr Sein wachen. Daraus sind ihre und unsere Prophorzias gemacht.“

Die Summbrummsel war verschwunden, und auch sonst war es ganz ruhig in der Halle.

„Schau dich um! Du weißt, wo wir hier sind.“, dröhnte die Stimme des Meisters.
Julius stand nun ganz ruhig da und schloss seine Erregung tief in sich drinnen ein.
„Das ist unsere Gedächtnishalle.“, fuhr der Meister fort, „Das Herzstück unseres Seins. Mit all den bunt bemoosten Regalgärten, die sich ständig erneuern und weiter wachsen. Mit all den Prophorzias, die wir über die Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende auf die Welt gebracht haben.“

Julius wusste, was nun folgen würde. Es brauchte keine weitere Summbrummsel mehr. Betrübt und besorgt hielt er seine erste Prophorzia mit beiden Händen an sich gedrückt und schaute auf seine Stiefelspitzen.

„Wir beide“, sprach der Meister weiter, „werden deiner Prophorzia jetzt einen gebührenden Platz in unseren Regalgärten suchen, damit sie weiter gedeihen kann.“
„Aber“, meldete sich Julius zögernd zu Wort.
„Kein Aber!“, entgegnete der Meister, „Du wirst wissen, wann die rechte Zeit gekommen ist, sie zu überbringen. Und du wirst dann tun, was dir von Anfang an inne gewohnt hat.“


© Rose Kane, LE / CO, 2012