Un-Eigentlich

Eine Rollerückwärtsreise hoch zehn hatte er getan, so stand Dodo inmitten seines alten Lebenskiezes und lies all die zehnjährigen Gelebtheiten, Gefühlsduseleien jeglicher Couleur und die längst vergessen geglaubten ich-tanze-auf-der-Messerschneide-(EX-)Trinker-Zustände über sich hinwegwälzen. Er glubschte platt wie eine Flunder durch die Gegend, schnappte wie ein Fisch an Land nach Luft und hing lachend an der Angel.
Nein, es war kein falscher Streifen. Es war sein eigener Vergangenheitsfilm, der ihm da begegnete, als er durch die Altweibersommergassen lief, sich die Spinnenwebvorhänge aus den Augen wischte und seinem Sonnenhut die einzelnen Blütenblätter auszupfte.
„Mein Leben hat mich gefickt. Es hat mich nicht gefickt. Es hat mich gefickt. Es hat mich nicht gefickt.“, murmelte er vor sich hin und fühlte sich hin- und hergerissen.
Sogar sein Lebensrucksack war – konträr seiner sonstigen Gewohnheiten – genauso vollgepackt und schwer wie damals. Seine Schultern zog es schier nach unten, und sie schliffen beinahe über das Kopfsteinpflaster …

Die Sonne hatte fast ihren Höchststand erreicht, als Dodo mit einem vertrauten Schwäbeln im Ohr vor seiner alten Wohnstatt zum Stehen kam. Er musste lächeln. Ja, das Haus war – entgegen seiner dramaqueenigen Tagträumer-Kopfstress-Geschichten – noch an seinem Platz, und von den zu jener Zeit gefühlten horroristischen Antennenwanzen war weit und breit nichts zu sehen. Nur die Klingelschilder hatten andere Namen bekommen.
Dodo grüßte den eingedeutschten Ausländer, der in unmittelbarer Nachbarschaft seine Kehrwoche bewerkstelligte. Denn es war Samstag, und er musste nicht zur Arbeit. Der wohnte damals schon mit seiner großen Familie da und behielt wie eh und je alles im Argusauge.
Ein Dieb sollte es hier schwer haben, dachte Dodo, als er langsam vorbeischlenderte …

In seinem damaligen Lieblingscafé ließ er sich nieder und bestellte einen großen Latte macchiatto. Vor über fünf

Jahren war er nach seinem ersten Kopfschnupfenanfall in einer Nacht- und Nebelaktion im Hochwinter mit Sack und Pack aus seinem Stadtteil verschwunden und hatte es seitdem nicht wiedergesehen.
Er hatte damals all seine Gruselängste am Schlafittchen gepackt, diese in einen der zahlreichen Umzugskartons gestopft und mit an die Pleiße gekutscht …
Wohingegen seine emotionalen Kleinode in die gut gepolsterten Erinnerungskisten und -kistchen kamen, später dann mit allerlei Brimborium wieder ausgepackt wurden und in seinem neugewonnenen Zuhause ihren Seelenplatz einnahmen.

Jetzt stand Dodo, nach einem guten halben Jahrzehnt, vor dem inzwischen riesigen Baulochwüste und beobachtete das gelb behelmte Wurmgewimmel darin.
Er stellte sich vor, wie er entgegen seiner ausgewachsenen Höhenangst in einem der schlanken, schwindelerregend hohen und gelbfarbenen Baukränen saß, den Teleskoparm ausfuhr, um ein behelmtes Aufgabenwürmchen nach dem anderen nur mit der Kneifzange anzufassen, ein bisschen zu malträtieren und später dann in seine unangenehmen Einzelheiten zu zerlegen …

Mit einem tiefen Seufzer wandte sich Dodo ab. Er griff in Schulterhöhe nach den Rucksackträgern, um die Last ein wenig anders zu verteilen und schlenderte über die Brücke hin zum Park. Ihn lockten die jahrhundertealten Platanen und anderen Baumriesen. Außerdem war er mit dem seit damals befreundeten Chamäleon verabredet, das er seit seinem Kopfballondasein von vor fünf Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Das nächste Mal würde er nicht wieder so viel Zeit ins Land verstreichen lassen, bis er an Ort und Stelle zum Besuch zurückkehrte. Das stand nun fest. Denn er hatte festgestellt, dass er zwar Teil einer Geschichte war, diese aber letzten Endes in seiner eigenen Hand lag und er eigentlich gar keine Angst davor haben brauchte …
Eigentlich! Und was war eigentlich uneigentlich?

© Rose Kane, Le, 09/2017