Therapy

Karl, ein Zwei-Meter-Mann saß auf seiner Kaktus-Couch. Die halbvolle Ru(h)mflasche stand neben ihm. Er trank seit dem frühen Feierabend. Im Fernsehen liefen zu diesen Nachmittagsstunden nur hohlphrasige Serien. Deshalb hatte er ihn auch auf stumm geschaltet und lies ihn den Hintergrund seiner Behausung berieseln.
Karl hatte Besuch von seinem Hausdrachen Hugenotschie. Dieser saß neben ihm auf der Couch und unterhielt sich mit ihm, während sie eine Runde Therapy spielten.
Hugenotschie war ein besonderer Drache. Er war Karls Freund, genauso wie die Ru(h)mflasche, und er kam regelmäßig vorbei. Im Prinzip immer dann, wenn Karl betrunken war. Also täglich. Und das Spiel spielten sie in den Fällen, in denen es Karl emotional schlecht ging. Also auch jeden Tag. Immer nach der Arbeit, wenn die Flimmerkiste lautlos lief und der Stress des Tages von Karl abfiel und die Langeweile anzuklopfen drohte.

Jeder kannte scheinbar jeden wie seine eigene Westentasche, und trotzdem machten sie sich seit Jahren gegenseitig etwas vor und lebten in einer Scheinwelt. Karl wollte oder konnte das auch nicht ändern. Stattdessen vegetierte er in einer verwahrlosten Wohnung dahin und hielt nach außen den Schein aufrecht. Es würde schon niemand bemerken, dachte er sich regelmäßig …

So saß er also mit seinem Hausdrachen Hugenotschie auf der Kaktus-Seelen-Couch, trank hier und da ein Schlückchen aus seiner Ru(h)mflasche und spielte dieses Brettspiel.
Er war gerade mit seiner Spielcouch in Hugenotschies Therapiefeld vorgerückt und hatte eine der Therapiekarten gezogen. Er las seinem Hausdrachen die darauf stehende Frage vor, „Ey, isch binn eher sonn ährlischer Dyb? Was meinstn du, stimmt das oder nich?“
Hugenotschie schwieg eine Weile. Er ließ Karls verwaschene Stimme in seinem Drachenhirn nachklingen und blinzelte mit seinen Telleraugen, bis er schließlich ein, stimmt, mit zehn Punkten auf seinem Notizblock notierte. Als auch Karl sich auf seinem Schreibblock eingeschätzt hatte, legten sie die Blöcke nebeneinander und verglichen die Ergebnisse.
„Iss nich wahr!“, nuschelte Karl freudestrahlend. „Isch bin würglisch n ährlischer Mennsch.“, gluckste er. Hugenotschie griff sich einen der

Geschafftstifte, um ihn in seine Spielcouch zu stecken.

Dann ging es weiter. Der Hausdrache war an der Reihe mit Würfeln. Als er mit seiner Spielcouch vorgerückt war, landete er auf einem Phantasiefeld. Karl nahm die zuoberst liegende Phantasiekarte. Er zeigte dem Drachen den aufgedruckten Tintenklecks und fragte ihn, „Iss das eher n Arscheobderix oder n Elefannd oder n Zebra?“
Hugenotschies Antwort war falsch, und er musste postwendend ins Psychosezentrum. Er musste auch einen seiner Geschafftstifte abgeben …

So ging das eine Weile hin und her, und weder Karl noch Hugenotschie konnten das Gewinnerruder an sich reißen. Karl reagierte allmählich ungehalten und faselte etwas von der Welten Ungerechtigkeit und Schlechtigkeit, während sein Hausdrache immer verschlagener und gemeiner wurde …

Die Zeit verging wie im Fluge. Die Uhr schlug schon zur Fünften Nachmittagsstunde. Und die Sonne stand tief am Horizont. Sie warf lange Streifenschatten durch die heruntergelassenen Außenjalousien und tauchte das Wohnzimmerchaos in ein staubkornfeines Licht-und-Schatten-Spiel, das liebevoll alles Herumstehende umspielte. Sogar den Unrat, den Karl achtlos hatte überall liegengelassen.

Karl war inzwischen schläfrig geworden. Sein wütender Weltschmerz hatte sich nach innen gekehrt und ihn die ganze Ru(h)mflasche leer trinken lassen. Er hatte das Spielbrett nachlässig beiseite geschoben, die geleerte Flasche auf die schmuddelige Glasplatte des Couchtisches abgestellt und Hugenotschie fort geschickt.
Benommen lag er jetzt auf der Kaktus-Seelen-Couch und schlief unruhig seinen Rausch aus. Dabei bemerkte er gar nicht bewusst die Stacheligkeit seiner Schlafstatt …
Aber er träumte Albdrücke darüber, wie er sich vor einem namenlosen Grauen versteckte und sich vor unangenehmen Aufgaben drückte. Er träumte davon, wie er sich für jemand anderes ausgab, ohne zu wissen, wer er in Wirklichkeit war. Und er träumte davon, nie irgendwo anzukommen und innerlich immer auf der Suche zu sein.

Bis zum nächsten Morgen, wenn er wieder funktionieren und zur Arbeit musste.

© Rose Kane, Le, Februar 2017