The Race

Es war eine laue Mainacht. Der Supermond stand kaltweiß und voll am Himmel. Er dominierte den von bunten Diskolichtern verwaschenen, milchigen Sternenhimmel. Er war der Erde so nahe zugeneigt, dass man sogar die Mondkrater mit bloßem Auge sehen konnte …
Doch dieser Umstand blieb größtenteils unbemerkt. Denn zu Füßen des Käsetrabanten herrschte ein reges Kleinmessetreiben. Und die Menschen hatten anderes im Sinn, als den Mondtrabanten zu bestaunen.

Eckstein, die Fee, Dodo, der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat, Bordolina, die Dramaqueen und Zissi standen dichtgedrängt vor dem Kassenhäuschen des märchenhaft glitzernden und in Regenbogenfarben blinkenden Autodroms. Sie hatten mit dem Dreitagebartbesitzer eine Wette abgeschlossen. Ein Wagnis darüber, dass sie es mindestens dreißig Minuten schaffen würden, in den Autoskootern sitzen zu bleiben und sich nicht durch den jeweils eingebauten Schleudersitz hinausbefördern zu lassen.
Das war ein tollkühnes Unterfangen. Das hatte vor ihnen noch niemand gewagt. Denn der unrasierte Dickbauchbesitzer war niemand anderes als der nihilistische Luzifer. Der Gefallene unter den Engeln.

Eckstein visierte Luzifer an.
„Maximal dreißig Minuten? Ja?“
Luzifer lächelte, „Ich will verdammt sein, wenn ich mein Wort nicht halte.“
Eckstein musste schlucken. Seine Hände griffen neben und hinter sich. Sie tasteten blind nach seiner Ich-Gang. Ihm war flau im Magen …

Er betrachtete die Autoskooter. Eigentlich sahen sie ganz harmlos aus. Für jeden von ihnen war ein spezieller da. …

Sein eigener war zum Beispiel mit lauter – in Einmachgläsern eingelegten – Blumenkohlgehirnen bemalt. Diese standen auf den deckenhohen Regalen einer Denkfabrik. Und jedes dieser konservierten Gehirne symbolisierte eine selbstreflektorische Denkaufgabe. Das waren viele kleine Um-die-Ecke-Denk-Sportler.
Während auf Dodo seinem Skooter Dodos Konterfei prangte, wie es mit Totenkopfbongos trommelte und Düstermusik veranstaltete. Drumherum waren einige surrealistische Gefühls-Traum-Bilder drapiert, die von einem Hasengrubenkind bespielt und am Ende verschlungen wurden.
Und den Autoskooter der Fee hatte man beispielsweise mit einem gediegenen Dameschloss, eingerahmt von einem farbenfrohen Sommergarten, bemalt. Dieses Schloss war größtenteils in Weinrot und Smaragdgrün gehalten. In dem Garten fand sich ein alter, großer, übermütterlicher Kochofen, und in der Luft hingen lauter verlockende Zutaten und Kochutensilien herum.
Im Gegensatz dazu war das Gefährt von Bordolina mit lauter in sich zerrissenen, zweigeteilten Frauenporträts gestaltet. Diese spiegelten einerseits eine in kindlichen Freufarben gehaltene, zufriedene Gesichtshälfte und andererseits eine mit ernsten Schwarz-Weiß-Tönen gemalte und traurig zermarterte Gesichtshälfte wieder.
Wohingegen der Skooter vom Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat mit seinem geliebten Chaosgarten Chaotica Maxima bemalt war.
Dagegen hatte der unsichtbare Künstler auf den Autoskooter von der Dramaqueen das Schwarz- und das Weißtierchen gezeichnet, wie sie mit ihren Gummiarmen miteinander rangen und die Waage, auf deren Wagschale sie gegeneinander kämpften, zur Verzweiflung brachten.
Das Siebente Gefährt war für Zissi bestimmt. Es war mit lauter Klunker-Mietzen-Dingelchen beklebt und vorne auf Haubenschnauze war ein güldener, barockverzierter Ich-Spiegel gemalt mit einem massiven, samtbezogenen Thron davor.

Luzifer räusperte sich. „Was nun? Wollt ihr es versuchen?“, fragte sein verschlagenes Lächeln die vor ihm stehende Ich-Gang.
Eckstein drehte sich, mit den Schultern zuckend, zu den anderen um. Er war sich des bevorstehenden Selbsterfahrungstrips nicht sicher …
Keiner von den anderen schaute besonders selbstsicher drein. Und dennoch nickte Eckstein schlussendlich mit dem Kopf und tat einen zielgerichteten Schritt vorbei am Kassenhäuschen des Autodroms. Der Rest der Ich-Gang folgte ihm.
So bestiegen also Eckstein, die Fee, Dodo und die anderen des inneren Ich-Teams ihren jeweils individuellen Autoskooter und harrten der Dinge, die da noch kommen sollten …

Luzifer lachte laut auf und rieb sich die Hände. Er betätigte einen kleinen, roten Joystick in seiner Nadelstreifenjackettasche und hauchte so seinem Autodrom Leben ein.
Die Musikbox erschallte und spielte „Mein kleiner, grüner Kaktus“ in Dauerschleife. Die Autoskooter ruckten an und sausten wie von Geisterhand los.
Eckstein und der Rest seiner Ich-Gang konnten nur geistesgegenwärtig nach dem Lenkrad ihres jeweiligen Skooters greifen, sich daran festhalten und versuchen, die Steuerung zu übernehmen.

Max Raabes Stimme hallte weithin über den Festplatz der Kleinmesse. Die Saxophone, Trompeten und anderweitigen Blasinstrumente schmetterten ohrenbetäubend die Noten über den Äther hinweg, so dass sich alle möglichen Leute die Ohren zu hielten. Diese Musik lies alles, sei es nun Mensch oder Maschine, in ihren Bewegungen erstarren und tauchte die Atmosphäre in eine gespenstisch übersättigte Grellfarbenstimmung.
Einzig das Autodrom erschien als ein wabernder, quicklebendiger Nebelkrake. Das Märchenhafte hatte es verloren. Es wirbelte wie ein wild gewordenes Untier umher. Es drehte sich wie irre um die eigene Achse und schleuderte die Autoskooter

mit ihren Insassen in einer rasanten Aufwärtsspirale in den Nachthimmel, um diese im nächsten Augenblick in einer schnellen Abwärtsbewegung wieder der Erde zuzuführen …

Eckstein war speiübel. Sein Skooter führte die Rennschlange, dicht gefolgt von Dodos Gefährt und dem von Bordolina, an. Die Dekoration seines Skooters war vor seinem inneren Auge zum Leben erwacht, tanzte nun in aberwitziger Fahrt um ihn herum und stellte ihm die schwierigsten Kopfnüsse. Trotz des Fahrtwindes schwitzte er aus jeder Pore seines Körpers und reflektierte in rasender Geschwindigkeit über seine eigenen Schwachstellen.
Er bereute es schon jetzt, in die Wette mit Luzifer eingeschlagen zu haben. Denn so wie ihm erging es auch den anderen seines inneren Ich-Teams. Das wusste er mit Sicherheit …

Die Autoskooterrennschlange tat plötzlich einen Rechtsruck und sauste wieder dem Supermond entgegen. Die Fee schrie laut auf. Doch wurde sie von niemandem gehört, denn die Musikbox mit ihrem Endlosschlaufenlied übertönte alles.
Die Fee war nahe dran, den Schleudersitz ihres Gefährtes zu betätigen. Sie sah auf einer imaginären Leinwand, wie Dodo bei einem seiner vielen Drahtseilakte selbstmörderisch balancierte. Und sie konnte ihn selbst mit ihren besten Speisen und Führsorglichkeiten nicht davon abbringen. Es zerriss ihr schier das Herz, als sie mit ansehen musste, wie er ohne Sicherungsseil abstürzte und sich dabei eine blutige Nase und noch so einige andere Blessuren abholte. Sie fühlte sich macht- und hilflos …
Ihr Skooter tat einen Linksschlenker und überholte dabei den von Zissi.

Zissi hatte die Hände vom Lenkrad genommen und hielt sich die Augen zu. Sie wollte die inneren Bilder aus ihrem Kopf vertreiben. Sie mochte sich selbst, so wie sie sich sah, nicht leiden. Sie wollte nicht wahrhaben, dass sie selbstverliebt war. Sie mochte ihr Zeige- und Erzählschwein nicht, und sie hasste die Rampensau … Doch sie ließ sich nicht hinausschleudern. Nein, sie biss die Zähne zusammen und lies ihren Wuttränen freien Lauf.
Ähnlich erging es dem Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat. Er raufte sich die Haare. Denn sein ganzer Klimbim war ihm bei diesem halsbrecherischen Rennen aus seinen Hamstertaschen gerutscht. Und er verfluchte sein inneres wie äußeres Chaos. Eigentlich wollte er ganz normal sein und ein gewöhnliches Leben führen, doch das wollte ihm nie gelingen. Denn sein Chaosgarten stand ihm im Weg. Außerdem, wenn er ehrlich zu sich selbst war, kokettierte er auch mit seinem Anderssein.

Die Rennschlange küsste fast den käsigen Trabanten, als sie am Scheitelpunkt dieser Bergfahrt für einen Augenblick inne hielt, um die rasante Szenerie kurz zu Atem kommen zu lassen.
Meeresgrünlich schillernde Florfliegen umschwirrten die Autoskooter und ihre Insassen. Sie hatten eine Flügelspannweite von bis zu anderthalb Metern, und ihre gestreckten, dünnen Körper waren fast ein Meter lang. Ihre großen Facettenaugen waren goldfarben, und ihre Flügel schimmerten perlmuttartig.
Sie tanzten zu den verzerrten Tönen der alles beherrschenden Musikbox. „Mein kleiner, grüner Kaktus“ war schon lange nicht mehr ohrenwohlgemut anzuhören. Es war kaum mehr als Musik zu erkennen. Ein Alptraum aus zerrissenen Klangteppichen …

Die Skooter setzten sich wieder in Bewegung.
Und die Dramaqueen hielt sich die Ohren zu. Sie konnte das Wort Kaktus nicht mehr hören. Denn sie wusste nur zu gut um ihre eigene Stacheligkeit. Sie wusste, dass sie das Schwarz- und Weißtierchen nur für die eigenen Dramagrabenkämpfe missbrauchte, um am Ende als noch mehr umsorgungsbedürftig dazustehen, als sie es eh schon war. Sie mochte es nicht, wie sie um Aufmerksamkeit zubitten pflegte … Aber sie hatte kein probates Mittel dagegen. Zumindest glaubte sie das.

Eine besonders große Florfliege hatte sich an Dodos Autoskooter festgekrallt und wollte dort ihre Eier ablegen. Sie war gerade dabei, im eiligen Fahrtwind, die Eistiele zu produzieren. Das sah aus, als würden sich entrindete Babyweidenruten dem Orkan der Zeit beugen …
Dodo schaute interessiert zu. Er war keineswegs am Rande seiner Emotionskräfte. Für ihn war das eine interessante Grenzlandfahrt, und er sehnte sich sogar noch nach mehr. Nur so entstanden seine Gefühls-Traum-Bilder. Und er wollte sogar, dass sie am Ende vom Betrachter verstandesmäßig gegessen und verdaut wurden.
Der schillernden Riesenflorfliege war es gelungen, unter den widrigsten Bedingungen eins ihrer Eier auf einem ihrer Eistiele zu pflanzen. Das Ei schimmerte, ähnlich wie ihre großen Flügel, perlmuttfarben.
Das ist bezaubernd anzusehen, dachte Dodo, und er blickte sich nach Bordolina um. Denn er wollte wissen, wie es ihr erging, ob ihr auch so übel mitgespielt wurde wie den anderen der Ich-Gang …
Als er den Kopf drehte, erhaschte er einen Blick auf das Kassiererhäuschen des Autodroms. Luzifer stand noch immer an Ort und Stelle, machte inzwischen aber ein Gesicht wie ein Gewittersturm. Er sah seine Fälle dahin schwimmen …
Denn auch Bordolina machte keine Anstalten, den Hebel ihres Schleudersitzes zu betätigen. Im Gegenteil. Sie erfreute sich, ähnlich wie Dodo, dieser aufregenden Grenzfahrt. Es kam ihrer Natur entgegen. Auch sie war gerne grenzgängerisch unterwegs. Und ihre Sicht auf ihre Mitmenschen schockte sie keineswegs …

Luzifer knirschte mit den Zähnen. Er hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Seine Finger spielten unwillig mit dem Joystick in seiner Jackettasche … Er war es nicht gewohnt zu verlieren … Und er würde jetzt andere Seiten aufziehen.
Doch da klingelte auch schon der Wecker. Eckstein und sein inneres Ich-Team pellte sich aus dem verschwitzten Bett. Keiner von ihnen hatte wirklich gut geschlafen. Und der Traum würde ihnen noch Tage nachhängen, so real hatte er sich angefühlt …

© Rose Kane, Le, Februar 2017