The Ghost Runners

 

Am 05. 01. 2002 in B.

>>I wish I was a stranger / Who wanders down the sky / I wish I was a starship / In silence flying by / I wish I was a princess / With armies at her hand / I wish I was a ruler / Who’d make them understand //<<

9.00 Uhr, Cassiopeia, die örtliche Radiostation sendet ihre allmorgendlichen Charts. Irgendeine Nachrichtenansage unterbricht kurz den aktuell laufenden Song.
Es gibt Tage, denen sollte man am besten aus dem Weg gehen, sich in die kuschelige Decke verknoten, von der Wärme einlullen lassen und das Bett nur verlassen, wenn es unbedingt nötig ist.
Der heutige ist so einer. Lola hat sich gerade eben dem Schlaf entrungen, um trotz allem pflichtbewusst die Aufgaben des Tages anzugehen. Das Radio ist ihr dabei behilflich.
Lola heißt eigentlich gar nicht Lola, den Namen hat sie sich vor über 3 Jahren aus dem Kinofilm >>Lola rennt<< abgekuckt, und seitdem hört sie nur noch auf diesen.

Die Geschichte des Ringkrieges liegt, halb unters Bett gerutscht, auf dem nackten Dielenboden. Der Buchdeckel ist aufgeschlagen, die ersten Blätter sind umgeknickt. >>… Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden …<< ist auf der nun obersten Seite in filigranen Buchstaben zu lesen.
Sonnenstrahlen jazzen über Lolas zerwühltes Bett und treiben neckische Licht-und-Schatten-Spielchen mit dem Innenleben des Zimmers. Das Fenster steht sperrangelweit offen und lädt die klirrende Januarkälte ein, sich ein wenig umzutun.

Tiefe Schatten um Lolas Augen herum deuten auf eine Nacht hin, die kaum Erholung gebracht hat. Lola zeigt ihrem Spiegelbild den Stinkefinger und versucht, unter der Dusche zum Tagesrhythmus überzugehen. …

>>Lauf! Lauf! Lauf um dein Leben! Sonst holen dich die Ghost Runners.<<
Höhnisches Gelächter verstopft Lolas Ohren. Panik ergreift sie, katapultiert sie zurück in ihren Traum, der sie letzte Nacht gequält hatte.
>>Ach, fuck you! Lass mich in Ruhe!<<
Wieder Gelächter.
>>Nimm dich in Acht! Sie sind dir immer noch dicht auf den Versen. Und Fidibus, dieser alte Trottel, der sich immer wieder in die Träume der Menschen einmischen muss, liegt geknebelt in der Raumzeitschleife. Der kann dir also diesmal nicht helfen. Niemand kann das!<<
Klick. Die Stimme ist verstummt. Wasser spritzt zwischen Schlauch und Brausekopf heraus und trifft Lola hart im Gesicht. Sie hat den Dichtungsring schon längst austauschen wollen, ist jedoch nie dazu gekommen. …

>>I wish I was a writer / Who sees what‘s yet unseen / I wish I was a prayer / Expressing what I mean / I wish I was a forest / Of trees that do not hide / I wish I was a clearing / No secrets left inside //<<

10.10 Uhr. Die schwere Eichetür des maroden Wohnhauses fällt ins Schloss. 20 + C + M + B + 02 ist auf den Türrahmen geschrieben. Ob dieser Segen irgendetwas in diesem weiteren Jahr ihres Lebens bewirkt wird, weiß Lola nicht.
Sie lässt das Haus und ihre Erinnerung an die Nacht hinter sich. Die Stollensohlen ihrer Boots knirschen im Großstadtneuschnee. In wenigen Stunden wird sich dieser, durch das Salz des Winterdienstes zerfressen und aufgeweicht, der Farbe der Straßen und des Schmutzes angepasst haben. >>Wish<<, der Song, der Lola vor über 1 Stunde geweckt hat, ist für heute ihr Ohrwurm. Mit ihm zusammen läuft sie los.
Morgen ist der Tag der >>Heiligen Drei Könige<<, ein Feiertag. Lola hastet diesen 24 Stunden entgegen, will sie erleben, ohne an die eigentliche Bedeutung des Festtages zu glauben.

10.15 Uhr. Etwa 500 Meter neben, der vorbei rennenden, Lola unmittelbar vor einer, um diese Zeit sehr belebten, Einkaufspassage geht eine Autobombe hoch. Deren Druckwelle fegt Lola von den Füßen.
>>Irgendwo in der Nähe muss eine Kirche sein, dieses Geläute, es will einfach nicht von meinen Ohren ablassen.<<
Lola liegt, der Länge nach ausgestreckt, auf den frostigen Steinplatten des Gehweges. Ein gehetztes Manngesicht, aufgepfropft auf einer blutbespritzten Sanitäterjacke, beugt sich über sie, , um eine erste Hilfe zu gewährleisten.
Sekunden später ist Lola wieder obenauf. Scheinbar hat ihr die Autobombe nichts anhaben können. Erstaunt blickt sie auf die zerfetzten Reste der Körperpatronenhülsen. Dieses viele Blut … Übelkeit überkommt sie, und trotzdem durchwühlen ihre Augen das Chaos der Zerstörung, um …

>>Wo? Oh, scheiße! Wo, verdammt noch mal, ist meine Leiche geblieben? Dieses Durcheinander, ich kann sie nicht finden. Bin ich etwa nicht …?<<
>>Nein! Noch lebst du. Aber sieh dich vor! Die Ghost Runners, ich kann sie schon hören. Sie kommen. Kommen, dich zu holen.<<
Erneutes Hohngelächter verdrängt das leiser werdende Glockengebimmel aus Lolas Ohren. Wieder macht sich Panik in ihr breit. Lola ist wütend über sich selbst, weil sie sich ernsthaft fragt, ob sie verrückt geworden ist.
>>Was zum Teufel?<<
Das Lachen der Stimme hält an. Aber da ist noch etwas anderes in ihren Kopf. Etwas, was sich langsam in den Vordergrund schiebt und lauter wird. Zuerst hört es sich wie das verwischte Geräusch unzähliger, eiliger Mäusebeinchen an, dann irgendwann wie ein anschwellendes Rudel vieler Bluthundepfoten, das seine Beute jagt und zu Tode hetzt.

10.20 Uhr. Die Luft bebt erwartungsvoll.
Der Januarfrost ergreift Besitz von Lola. Trotzdem macht sich Angstschweiß auf ihrer Haut breit. Er durchweicht das, was sie unmittelbar am Leib trägt, bildet kleine Rinnsale, auf dem Rücken ein großes Delta, dass sich genau in ihrer Pofalte sammelt.

Lolas Atem dampft. Die Gesichtsmaske fällt ihr vor die Füße und kullert über den Rinnstein hinaus auf die Straße.
Ein weiterer Krankenwagen rast heran, heult Lola mit seiner Blaulichtsirene an und zerbricht dabei die verlorene Maske in Tausende Puzzleteile, noch bevor sie sich diese wieder holen kann.

>>Lauf!<<

10.21 Uhr. Irgendwo explodiert ein verspäteter Silvesterböller. Alles schwankt, droht zu kippen, zu zerbersten, sich umzukrempeln. Und plötzlich sind die Ghost Runners da, jagen in wilder Hatz auf Lola zu.
Hunderte rot glühender Augenhöhlenpaare wippen im Laufrhythmus einer dynamischen Einheit auf und ab, starren in Lolas Richtung, ohne sie sehen zu können und lechzen nach dem nahen Opfer. Eine Armee aus wilden Bestien, Wesen zwischen Tod und Leben … Ein Sog des Grauens, der jede menschliche Gefühlsregung und Lebensenergie in sich hineinsaugt, atmet, verbraucht und die Opfer zu seinesgleichen macht.
Lola ist vor Entsetzen erstarrt. Die Füße wollen ihr nicht gehorchen, sind fest mit dem Gehweg verwurzelt. Ihr Umfeld allerdings bekommt nichts von diesem Schauspiel mit, ist vollauf mit der Autobombe und der Bewältigung derer Folgen beschäftigt.
>>Blut! Blut! Ja, Blut! Wir haben Hunger. Gib uns dein Blut! Wir riechen es, spüren seine pulsierende Wärme. Wir dürsten danach. Komm her zu uns! Schenk uns deine Seele! Wir brauchen sie. Der Hunger quält uns. Komm her zu uns! Gib dich uns hin! Dann bist du nicht mehr allein. Dann wirst du eine von uns. Wir wandeln dich. Komm her zu uns! Denn Flucht ist sinnlos. Wir finden dich, egal wo du dich versteckst. Wir riechen dich, brauchen keine Augen. Komm her! …<<

>>I wish I was a hunter / In search of different food / I wish I was the animal / Which fits into that mood / I wish I was a person / With unlimited breath / I wish I was a heartbeat / That never comes to rest //<<

>>Ach, es ist zum Kotzen. Ich hätte heute einfach im Bett liegen bleiben sollen … Und dieses blöde Lied, es nervt. Ich höre Stimmen, sehe Dinge, die es eigentlich gar nicht gibt. Mann! Dr. Fidel wird’s freuen. Ob die Lassagne ’nen Stich hatte, die ich mir gestern bei diesem Italiener geholt habe? Ich werd dem ’ne saftige Beschwerde hinlegen, wenn ich hier heil rauskomme und diese bescheuerten untoten Hunde überlebe. Ob mir vielleicht dieser Jesus helfen kann?<<

10.23 Uhr. Instinktiv löst sich Lolas Körper aus der Erstarrung. Die Angst treibt sie nun voran. Ohne darüber nachzudenken, wohin sie fliehen soll, rennt sie los.
Alles um sie herum verfällt in Zeitlupe. Niemand interessiert sich für Lola und ihre grausigen Verfolger. Das eigene alltägliche Leben will bewältigt werden. Ein gemeinschaftliches Wegschauen. Eine graue Anonymität, die einsam macht.
Lola hastet quer durch die Stadt. Menschenverstopfte Einkaufpassagen oder Fußgängerzonen, U-Bahnen oder Autostaus auf den Hauptverkehrsadern der Stadt oder Häusermauern stören sie dabei nicht. Sie zerpflügt alles, so als ob es gar nicht existent wäre. Kommt es dabei doch einmal zu Raum-Zeit-Irritationen, stößt Lola mit irgendeinem gesichtslosen Passanten zusammen und wirft diesen kurzzeitig aus seiner gewohnten Bahn. Der glotzt sie dann meist verwirrt mit großen Augen an, um sich im nächsten Augenblick wieder in seinen schnellen, monotonen Rhythmus einzutakten. Oder er ereifert sich aufbrausend über die unangepassten Irren, die Asozialen, deren Spinnereien, seiner Meinung nach, zu nichts nütze sind.

Trotz Lolas rasanter Schnelligkeit nehmen ihre Augen Dinge war, denen sie sonst keine große Beachtung geschenkt hätte. Diese springen sie an, bohren sich in ihre Augen und klammern sich an ihr fest.
Der junge Modeschnösel mit dem kakaobraunen Gesicht und dem zugleich schneeweißen Nacken, der sich andauern hypernervös zum desinteressierten Nichts umdreht, erobert Lolas flüchtige Aufmerksamkeit.
>>Ob der unter ’nem Verfolgungswahn leidet?<<
Ein kleines Mädchen zupft Lola im Vorbeirennen neugierig am Mantelärmel und lächelt sie vertrauensvoll an.
>>Ob sie ein Engel ist?<<
Rote und weiße Lichtblitze necken Lolas Augenwinkel. Doch immer, wenn sie beschließt diese zu erhaschen, ist nichts zusehen.
>> Aua! Boah, Shit! Dieses doofe Stopschild habe ich ganz übersehen. Na toll! Das gibt bestimmt ne Riesenbeule auf meiner Stirn. Ach, da ist ja das Auslagenschaufenster vom Verlagshaus >Tratscher<. Na, das kann ich getrost links liegen lassen. In deren Zeitung steht sowieso immer das Gleiche drin. …<<
Flugs setzt sich Lola wieder in Bewegung. Denn der Oberguru der Ghost Runners, ein besonders hässliches Exemplar, hat sie fast eingeholt. In der Eile rempelt sie einen handybewaffneten Südländer derb an, irgend so ein Geschäftsmann, der lauthals und impulsiv telefoniert. Sie kommt dabei auf dem rutschigen Asphalt fast zu Fall.
Wut kocht in Lola hoch. Sie will sich für den verkorksten Tag rächen. Sie würde dem Typen am liebsten das Handy aus der Hand reißen und es, als Anzahlung für ihre kaputte Gesichtsmaske, auf der Straße zerschellen lassen. Doch sie unternimmt nichts der Gleichen. Besser gesagt, sie ist gezwungen, tatenlos zu bleiben. Denn sie hat auf der Flucht unbemerkter Weise ihre Hände verloren. …

>>I wish I was a stranger / Who wanders down the sky / I wish I was a starship / In silence flying by / I wish I was a princess / With armies at her hand / I wish I was a ruler / Who’d make them understand //<<

11.55 Uhr.
>> Rien ne va plus.<<
Wieder lacht die Stimme voller Hohn in Lolas Ohren.
>>Du hast verloren.<< …

11.57 Uhr. Lolas Handy klingelt. Dessen schriller Ton reißt sie aus ihrem Tagtraum. Totenstille in der Leitung, wahrscheinlich falsch verbunden. …

© Rose Kane, Lb./Stg., 24. Januar 2004, überarb. 3. September 2004

Quellen: >>Herr der Ringe<<, J.R.R. Tolkien
>>Wish<<, Franka Potente & Thomas D, Film: >>Lola rennt<<, Filmmusik von Tykwer, Klimek und Heil

 

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