Clownstränen

Neulich war ich mit meiner Tochter Lisa im berühmten Zirkus Harlekino. Ich hatte ihr die Karten für die Premiere zu ihrem 25. Geburtstag geschenkt. Das Gros der Besucher bestaunte verzückt die Artisten und deren farbenfrohen Attraktionen. Für Lisa allerdings und auch für mich war es eine Reise in die Phantasiewelt der Märchen und Träume.

Lisa, das sollten sie, sehr geehrter Leser, zur Geschichte noch mit auf den Weg bekommen, lebt seit dem zweiten Lebensjahr auf ihrem eigenen Planeten. In meiner Welt und auch in ihrer, werter Leser, ist sie eine Fremde. Sie sieht, fühlt und versteht auf ihre Art und Weise.

Ihre Tochter ist anders als andere Kinder, sagten mir damals die Ärzte. Sie ist ein autistisches Kind, klärten sie mich auf. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was das heißt. Ich dachte, das wird sich schon auswachsen. Heute nach 25 Jahren mit ihr an meiner Seite weiß ich es. Ich habe gelernt, sie anzunehmen. Sie ist ein Mensch. Sie ist meine Tochter. Ich liebe sie.

Vor ein paar Jahren, es ist, glaube ich, an Weihnachten gewesen, hatte ich Lisa so wie jedes Jahr über die Feiertage zu mir nach Hause geholt. Sie, sehr geehrter Leser, müssen wissen, dass ich lange Zeit mit ihren Eigenarten überfordert gewesen war. Deshalb lebte sie seit ihrem siebten Lebensjahr in verschiedenen Einrichtungen für geistig behinderte Menschen. Ich holte sie aber so oft wie möglich zu mir nach Hause oder besuchte sie dort.

Damals, als sie jenes Weihnachtsfest bei mir zu Hause verbrachte, hatte ich einen recht guten Draht zu ihr. Sie war trotz der ungewohnten Umgebung und trotz des veränderten Rhythmus weniger aggressiv und auch viel ruhiger als die Besuche davor.

Ich saß gerade am Computer und wollte ein paar dringende Briefe erledigen, als sie laut vor sich hin trällerte, angestürmt kam, kurz vor meinem Schreibtischstuhl stehen blieb und mich anstrahlte. Ich zog einen weiteren Stuhl heran und bedeutete ihr, sich neben mich zu setzten, was sie ohne Widerspruch tat.

Die Tasten klapperten. Mit dem einen Auge überschaute ich den Monitor, während ich mit dem anderen Lisa beobachtete. Diese murmelte die Bildschirmröhre an und wippte sanft mit ihrem Oberkörper vor und zurück. Ihre Augen verfolgten fasziniert das Geschehen auf dem Computermonitor, während ihre Hände teilnahmslos auf der Tischkante lagen.

Das Telefon klingelte, lenkte mich ab. Lisas linke Hand schnellte zur Tastatur hin und landete etwas unsanft auf dieser. Anstatt wie sonst nervös oder wütend zu reagieren, suchte ich, so als ob ich die Reaktion schon längst erwartet hätte, den Augenkontakt zu ihr. Lisa allerdings fing an, lauthals zu lachen und deutete dabei mit der anderen Hand auf den Bildschirm. Ich musste ebenfalls lachen. Die wahllosen Tastaturzeichen zerstörten gerade meine offene Worddatei.

Ein paar Minuten später beruhigte sich Lisa langsam. Sie zog sich vom Computer zurück. Ich bemerkte, wie sich ihr Wesen allmählich wieder verschloss. Rein intuitiv nahm ich ihre linke Hand in meine und führte diese, trotz meiner Befürchtung das könnte im aggressiven Fiasko enden, noch einmal zurück zum Ausgangspunkt des Ereignisses. Ich ließ sie etliche Minuten unmittelbar über der Tastatur schweben und beobachtete interessiert das Geschehen. …

Diese kleine Anekdote sollte der Anfang vom Ende der Reise meiner Tochter in ihrem abgeschotteten Kosmos sein.

Heute ist Lisa fähig, am Computer auf mich zu zugehen. Über das Schreiben kann sie Kontakt nach außen aufnehmen, kann, wenn sie es denn möchte, ihr Gefängnis der Sprachlosigkeit und des Igeldaseins verlassen und mich an ihrer Welt teilhaben und verstehen lassen. Lisa ist keineswegs geistig behindert, nein, nur anders als andere Menschen. Aber wer ist das nicht?

Durch diese offene Tür zwischen unseren Welten ist mein Verhältnis zu Lisa und umgekehrt viel besser geworden. Manchmal, wenn sie mich ganz besonders berührt, nenne ich sie meinen Sonnenschein. Sie verzaubert mich mit der Art, wie sie ihr Umfeld durchschaut und die Dinge in Frage stellt. Sie aber gibt mir in ihren Texten oft den Namen die Andersmenschin.

Unser abendlicher Zirkusbesuch an Lisas Geburtstag war wunderschön. Wir lachten, freuten uns, genossen die Stimmung und weinten auch. Dabei fielen wir dem Publikum wohl störend auf, denn die Leute drehten sich laufend zu uns um und zeigten mit Fingern auf uns. Fast wären wir aus dem Zelt verbannt worden.

Einige Stunden nach unserem Premierenbesuch, am Vormittag des nächsten Tages, schaute ich bei Lisa vorbei. Sie, werter Leser, sollten wissen, dass meine Tochter sehr eigen ist, was ihre Unabhängigkeit angeht. Sie bewohnt die Einliegerwohnung im gemeinsamen Haus. Diese hat zwei Eingänge, einen separaten zur Straße und einen internen. Lisa besteht darauf, dass ich mich, bevor ich ihr kleines Reich betrete, immer über das Haustelefon bei ihr anmelde. Das habe ich an diesem bewussten Samstag auch getan.

Kaum hatte ich ihre Türschwelle betreten, zog sie mich in ihrer Art mit sich zum Computer. Mir fiel dabei sofort auf, dass sie nicht einen Moment in dieser Nacht geschlafen haben konnte. Denn sie zeigte verstärkt Autoaggressionen, die sie für gewöhnlich im ausgeruhten Zustand nicht bis kaum an den Tag legte. Ihre Sachen von gestern lagen überall im Zimmer verstreut herum, das Bett war ungemacht und einige Bücher stapelten sich vor den Regalen, standen nicht, wie gewohnt geordnet, in diesen.

Lisa bedeutete mir unter einem Schub wilder Schläge ihrer Hände gegen die Stirn und Magengrube, dass ich lesen sollte, was sie aus ihrem Schweigen heraus gekämpft und am Computer geschrieben hatte, was sie mir sagen wollte.

Ich war erstaunt, denn bisher hat sie diesen Weg selten allein gewählt, oft meine Hand, meine Nähe während des Schreibens gesucht und gebraucht. Ich ahnte, dass der Druck in ihr wohl noch nie so drängend gewesen sein konnte wie in den letzten Stunden.

Mit einem flauen Gefühl in mir setzte ich mich vor den Rechner, während Lisa durch die Gegend turnte. Ich begann ihre Gedanken so wie immer in diesen Fällen laut zu lesen, ihr vorzulesen. Das liebte Lisa sehr und beruhigte sie meistens ein wenig:

>Harlekino weint. Die Anderen, sein Publikum, krawallen herum, nennen es Freude, Leben, Liebe oder Menschsein, er aber weint allein in der Masse. Niemand bemerkt es. Sie krawallen, und er stirbt langsam seinen Tod, jeden Tag, jede Vorstellung, wie ein sich verzehrender Phönix. Er weint Clownstränen, stirbt im Feuer seines Erbes, löscht den Tod mit seinen Tränen aus und gebärt sich neu, immer wieder, ein ewiger Kreislauf. Die Anderen, die Andersmenschen, sie, du und ich töten ihn. Wir krawallen und töten ihn.

Ich sehe Harlekino weinen, ich bin ein Clown wie er, weine auch, nur trage ich keinen Feuervogel in mir.<

Das war’s, was Lisa geschrieben hatte. Sie saß inzwischen zusammengekauert auf dem Teppichboden ihres Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmers. Sie, mein Sonnenschein, wirkte auf mich müde und traurig. Ihre Hände trafen ab und an noch ihren Kopf, die Aggressivität war aber verloschen. Sie war still.

© Rose Kane, Lb., 12. Februar 2004