Telling Stories

Es hatte einen lauten Knall getan, ein bockiges Motorenstottern war zu hören gewesen. Der Papierflieger war abgestürzt und unsanft auf dem Minitrabanten Zissihausen gelandet. Jetzt befanden sich alle inmitten einer staubigen, zerklüfteten Landschaft, unter einem grandiosen Sternenhimmel des unendlichen Weltraumes.

Dodo hockte neben dem kleinen Papierflieger, streichelte über die zerdellte, zusammengeknautschte Flugnase und jammerte vor sich hin, „Du hast es übertrieben und ihn kaputt gespielt. Wie soll ich ohne ihn je wieder ins Dodolonthium kommen?“
Zissi hingegen drehte und wendete sich vor dem imaginären Spiegel ihres Ichs und meinte nur mit hochgezogener Augenbraue, „Ach was …“
Während Eckstein leise,
„There is fiction in the space between
the lines on your page of memories
Write it down but it doesn’t mean
You’re not just telling stories
There is fiction in den space between
You and me”,
vor sich hin summte und die Fee dabei beobachtete, wie sie gedankenverloren auf einem der vielen größeren Meteoriten saß und die weite Sternenlandschaft betrachtete.

Keiner von ihnen hätte im Voraus erahnen können, dass ihr Trip hier so plötzlich enden würde. Der Papierflieger sah müde und traurig aus. Seine Schlagzeilen flimmerten nicht mehr in grellbunter Druckerfarbe über die Tragflächen, sondern krochen nur noch ganz langsam und regenverwischt dahin. Sie flackerten wie defekte Schwarz-Weiß-Neonröhren ständig an und aus …
Bildüberschriften wie „Kaputte Togethernessmachine revolutioniert die Beziehungsarbeit“ oder „On-off-Beziehungen sind der letzte Modeschrei“ oder „Alltägliches Tauziehen stärkt die Körper- und Geisteskondition“ oder aber auch „Emo-kria und welche Drogen nehmen sie?“ waren deshalb nur noch schwer zu lesen.

Keiner von ihnen verweilte auf diesem Trabanten gern. Nur Zissi vielleicht. Denn er war ihr zu Hause. Aber auch ihr war es im Grunde genommen unangenehm, hier zu sein. Denn Zissihausen war ihr viel zu abseits und einsam gelegen, um an diesem Ort sie selbst sein zu können. Sie benötigte dafür andere Menschen um sich herum.

„Du bist ein Zeigeschwein, eine Rampensau und ein Erzählschwein obendrein“, stieß Dodo zwischen seinen Zähnen hervor.
Er kniete immer noch neben seinem Papierflieger und strich ganz sanft über dessen Spitze, so als ob er den Absturzschaden mit seiner puren Händezärtlichkeit ausmerzen könnte.
„Du hast uns andere nie gefragt, ob auch wir uns im Scheinwerferlicht wohlfühlen. Stattdessen hast du ohne Hemmungen über uns erzählt, hast uns authentisch aussehen lassen und hast alles wohl durchdacht.“, fuhr Dodo fort.

Der Papierflieger lag bewegungslos im Staub. Weitere Schlagzeilen schlichen über dessen Tragflächen: „Schrei dir die Seele aus dem Leib, und werde doch nicht erhört“, ruckelte es in schwarzen Buchstaben über den schmuddelig weißen Hintergrund. Und dann war da noch „Tauche ab und fühle den röhrenden Hirsch“ zu lesen …

Die Fee sagte noch immer keinen Ton. Sie verschränkte die Hände ineinander, spielte mit ihren Fingern das beliebte Fadenspiel, nur ohne Faden, und beobachtete den Lauf der Sterne. Sie wusste, was jetzt kommen würde …

Dodo war inzwischen aufgestanden und bewegte sich ganz allmählich weg vom papiernen Flieger hin zu Zissi. Seine Boots und die bunt gebatikte, viel zu weite Bundeswehrhose waren schmutzig. Die Hände hatte er zu Fäusten geballt in die Jackentaschen seines übergroßen, ebenso knalligen Jacketts gestopft.
Zissi jedoch bemerkte das alles nicht, denn sie war viel zu sehr mit sich selbst und ihrem Spiegel beschäftigt. Sie bewegte sich um die eigene Achse und betrachtete sich vor dem inneren Auge in ihrer goldfarbenen, maßgeschneiderten Abendgarderobe. Nichts hätte sie aus der Ruhe bringen können.

Eckstein stand nahe dabei und fühlte sich als Beobachter des Geschehens. Er wirkte in seinem dunkelgrauen Anzug mit dezent orange getupfter Krawatte äußerlich eher kühl, und dennoch sang er kaum hörbar vor sich hin:
„There is fiction in the space between
You and reality
You will do and say anything
To make your everyday life
Seem less mundane
There is fiction in the space between
You and me“
Er hatte Ms Chapmans Lied vor ein paar Tagen im Netz gehört, und nun wollte es nicht aus seinem Kopf weichen. Es hatte sich wie eine hungrige Python um seine Gehirnwindungen gelegt und wrang nun seine Gedankengänge förmlich aus.
Er fragte sich, ob die Songwriterin Recht damit hatte, ob sie alle zusammen fiktive Realitäten im gemeinsamen Ich erschufen. Und er überlegte, warum er sich davon so angesprochen fühlte. … Ging es ihm wirklich nur einzig und allein um ein interessanteres Leben? Er hatte keine Antwort darauf …

Dodo hingegen wusste schon, wer an der ganzen Fliegermisere Schuld war. Er kochte vor Wut und wollte Zissi an den Kragen. Er stand inzwischen unmittelbar hinter ihr und hatte die Hand nach ihr ausgestreckt, als die Fee plötzlich neben ihm zum Stehen kam und ihrerseits die Hand auf seine Schulter legte.
Sie war in ihrem weinroten Barockkleid eine imposante Persönlichkeit. Und das dazugehörige dunkelgrüne Korsett unterstrich noch ihre weibliche Fülligkeit. Die hochhackigen Stiefel waren im selben Farbton gehalten wie das Mieder.
Ihre Stimme erklang melodiös, als sie sprach, „Na, na, du wirst doch nicht Deinem eigen Fleisch und Blut etwas antun wollen. Oder?“
Sie zwinkerte Eckstein ironisch zu.

Dieser jedoch schien das gar nicht zu bemerken. Er stand regungslos daneben und sang weiter, dieses mal allerdings etwas lauter, so dass auch Dodo seine Worte hören konnte:
„There’s a science fiction in the space between
You and me
A fabrication of a grand scheme
Where I am the scary monster
I eat the city and as I leave the scene
In my spaceship I am laughing
In your remembrance of your bad dream
There’s no one but you standing”

„Siehst du! Ich wusste es … Zissi ist das grauenhafte Monster!“, keifte Dodo laut auf, machte einen Ruck nach vorne und legte seine Hände um ihren Hals. Seine Augen streiften dabei den ironischen Blick seiner Fee.
Diese hielt ihn aber an der Schulter fest und sagte im strengen Ton, „Das lässt du schön bleiben, Freundchen!“ Ihr Griff war unerbittlich, und ihre Stimme hatte jegliche Melodiösität verloren.
„Zissi mag sein, wie sie ist und ihre Fehler haben. Aber sie ist kein alles zerstörendes Ungetüm, und sie hat auch nicht deinen Papierflieger zu Fall gebracht. Und ganz bestimmt nicht, lacht sie dich aus …“
Stille.
Dodo rang nach Atem. Er hatte inzwischen seine Arme von hinten um Zissi geschlungen, presste sie an sich, so als ob er ihr die Luft zum Atmen nehmen wollte und weinte stumme Tränen.

Wie zur Bestätigung eines ungeschriebenen Gesetzes seufzte der Motor des lädierten Papierfliegers kurz auf und ein letzter Bildtitel spazierte langsam über die Tragflächen. „Abgebranntes rosarotes Brillenland – Meiden sie es! Das gibt nur Ärger.“ war da in anklagenden Lettern zu lesen.

Eckstein zeigte auch weiterhin keine Gemütsregung und sang noch lauter werdend:
„Leave the pity and the blame
For the ones who do not speak
You write the words to get respect and compassion
And for posterity
You write the words and make believe
There is truth in the space between”

Niemand sagte etwas. Nur Zissi lachte. Sie versuchte, sich aus Dodos Umklammerung zu befreien. Ihrer Meinung nach war sie im Recht. Sie wollte nur so sein, wie sie nun mal war. Ihr war nicht nach Schweigen. Sie wollte auch niemandem die Schuld geben. Sie wollte schreiben, sagen, zeigen, was sie bewegte. Ihr war es egal, ob sie damit die Nachwelt anrührte, ob sie Mitleid bekam, und auch der Respekt anderer Leute interessierte sie nicht wirklich. Sie wollte nur ihre selbstverliebte Herzensseele offenbaren.

Eckstein schrie inzwischen fast. Er hatte seine Flüstertüte zu Hause vergessen:
„There is fiction in the space between
You and everybody
Give us all what we need
Give us one more sad sorbid story
But in the fiction of the space between
Sometimes a lie is the best thing”

Dodo weinte nicht mehr. Er hatte Eckstein während der letzten Liedstrophe nicht aus den Augen gelassen. Er fand es komisch, wie Eckstein sich einen abschrie und nach außen hin so aalglatt wirkte, das man meinen könnte, er hätte gar keine Gefühle. Doch das stimmte nicht, und er wusste es nur zu gut …
Er glaubte nicht daran, dass hier irgendwer traurige und schmutzige Geschichten verbreitete. Er wusste auch, dass Zissi in ihrer Art nicht log. Denn sie versuchte immer authentisch zu sein.
Das Einzigste, was er Ms Chapman einräumte, war der Umstand der Subjektivität. Es gab immer eine persönlich gefärbte Wahrheit. Eine, die eben nicht objektiv war. Aber deshalb alles gleich eine Lüge zu nennen, hielt er für einen groben Fehler.
Er wusste auch um die Marshall-Francis-Macht aus dem Buch „das Land des Lachens“. Er wusste, dass er, dass Zissi, dass sie alle eine eigene Welt erschaffen konnten, in die sie alle ihre Leser einladen und mitnehmen konnten. Aber dennoch verschwanden sie als Ich darin nicht, sondern blieben in seinen Augen für die Leser immer als Person spürbar.

Und so schloss Dodo zaghaften Frieden mit Zissi, nahm sie an die Hand und ging mit ihr zum Papierflieger zurück. Eckstein und die Fee folgten ihnen auf dem Fuß. Gemeinsam wählten sie den 42er-Notruf des demolierten Fliegers und warteten auf den Abschleppdienst des Universums …
Dodo wusste, dass es seine Zeit brauchen würde, bis er, sie alle, auch Zissi, wieder ins Dodolonthium fliegen konnten. Und er ahnte ebenso, dass sich über kurz oder lang auch eine neue Gefährtin einfinden würde, über die dann die Schlagzeilen des Papierfliegers erneut zu berichten wussten.
Es würde alles so sein, wie er sich das vorstellte. Nein! Es würde alles so sein, wie es dann real eben sein würde … Er war zufrieden und lächelte vor sich hin.

© Rose Kane, Le, Dezember 2016