Tauziehen

„Zwei meeresgrüne Augen stubbsten meine Nasenspitze an. Ihr hellbraunes Sternenstreu bauten Brücken ins zärtliche Universum. Sie sagte keinen Ton, doch ihre spazierenden Hände sprachen Bände. Sie waren Reisende jede meiner Hautporen und saugten meinen Duft wie Fährtenhunde auf. Sie sagte keinen Ton, doch ihr Körper erzählte Episoden aus ihrem Leben. Sie hockte wie ein nähebedürftiges Kind auf meinem Schoß und hielt mein Gesicht in ihren Händen. Ihr Kuss schmeckte ganz leicht nach Zigarettenrauch. …“, flüsterte Dodo in die staubige Halle der Arena hinein und stand am Abgrund seiner selbst.

Die Dramaqueen kicherte, beobachtete alles vom Rande des Geschehens aus und spielte mit dem Schlegel in ihren Händen. Dieses Mal gab es kein aufmerksames Publikum. Sie? Sie hatte längst geschwiegen, denn es war alles gesagt. Sie hatte sich wie eine müde Katze gefühlt und sich komplett zurückgezogen, obwohl sich Dodo nach Ansprache sehnte und seine Erkenntnisse gerne teilen wollte … Und die anderen? Tja, die kannten das schon und reagierten eher gelangweilt als amüsiert.

„Ich will das wieder haben!“, sagte Dodo leise und stemmte sich beim dunkel getragenen Gongschlag der zweiten Runde mit aller Macht gegen den Zug des Tauendes in seiner Hand. Sein Gegenspieler war Eckstein. Der stand auf der anderen Seite des Abgrundes und zog tatkräftiglich am dicken Tau. Er war der erwachsene Kopf des Ganzen, während Dodo eher mit dem Kinderherzen agierte.
„Du musst sie gehen lassen“, rief Eckstein zu Dodo herüber und machte einen heftigen Ruck an seinem Ende des Taues.
Dieser jedoch schüttelte entschlossen den Kopf, „Nein, dann verliere ich sie.“ Und das blau-weiß gestreifte Verlusttierchen namens Felix klammerte sich verzweifelt an seinem Hosenbein fest und versuchte Dodo vom Abgrund wegzubewegen.
„Du kannst sie nicht verlieren, denn du hast sie nie besessen“, ertönte Ecksteins Stimme laut. „Sie ist kein lebloses Ding wie ein Stock oder ein Hut.“, fuhr er fort.

Das Publikum saß schwatzend auf den Rängen und in den Reihen der unteren Bereiche. Es war bunt gemischt.

Männer wie Frauen, Jung und Alt, Groß und Klein sowie dick und dünn. Erneut kicherte die Dramaqueen und rieb sich die Hände. Sie betätigte abermals den Gong, und die Dritte Runde begann. Die gesamte Szenerie erzitterte, so als ob jemand ausversehen an den alterschwachen Filmprojektor gestoßen wäre …

Eine Riesenkrake schoss mit ihren acht Fangarmen aus dem Abgrund hervor und schlängelte ihre emporschnellenden Arme über die Felsklippen, um Ecksteins und Dodos Beine und auch um das gespannte Tau. Es tat einen gewaltigen Ruck und alles erstarrte in seiner Bewegung. Der Leib des Ungetüms war tätowiert. Nähe stand in filigranen Lettern auf der glitschigen Haut der Krake.

Dodo und Eckstein kämpften um ihr Terrain, und auch Felix ließ nicht locker.
Er flehte Dodo an, „Lass nicht los! Lass bloß nicht los!“
Dodo und Eckstein verdrehten jeweils die Augen, und Schweiß rann ihnen über die Stirn. Beide waren inzwischen verstummt und rangen mit ihrem Atem.

Ein kleiner Junge aus der ersten Reihe stand plötzlich auf und zupfte ganz aufgeregt seiner sich mit dem Sitznachbarn unterhaltenden Mutter am Ärmel. Er deutete auf die Riesenkrake und lachte laut auf. Er verstand noch nicht.

Das Krakenungetüm begann mit sonorem Bass eine alte Kindermelodie zu summen.
Es brummte, „Alle meine Entchen schwimmen auf dem See, schwimmen auf dem See, Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh.“ und spannte dabei einmal kurz seine Fangarme an.
Das Tau zerriss mit einem lauten Ratsch. Dodo und Eckstein rutschten über den Abhang und fielen der Krake entgegen. Felix konnte sich gerade noch an einem hervorstehenden Felsen festhalten und hing nun hilflos über dem brodelnden Abgrund.
Das Ungetüm summte immer noch vor sich hin, pflückte Felix vom Fels, lies ihn fallen und verschlang ihn wie die anderen beiden vor ihm auch …

„Zwei rot geäderte Telleraugen taxierten und fixierten mich. Sie zogen mich in die tiefe Nähe der Riesenkrake“, dachte Dodo, nun im lichtlosen Leib des Untieres hockend.
„Ich will das nicht wiederhaben“, stellte er ernüchtert fest, „Das ist mir zuviel.“
Doch nun war es zu spät.

© Rose Kane, Le, 20. November 2016

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