Sternensammlerin

Unter Resi Klee brach der Boden weg. Der gegenüberliegende Leuchtturm sackte in sich zusammen und verschwand in einem abgrundtiefen Loch. Und Resi Klee hing über dem Rand dieses Nichts.
Sie versuchte sich und den schwerkranken Gunstieger mit jeweils einer Hand festzuhalten. Doch Gunstieger wog so schwer, dass er Resi Klees Hand und natürlich auch sie in Person mit sich in den Abgrund hinab zog. Und sie beide fielen ins Bodenlose bis nicht einmal mehr die freiliegenden Baumwurzeln nach ihnen griffen …

Als sich plötzlich der finster rötliche Schlund in einen nachtblauen Sternenhimmel mit Wattewölkchen auftat, fiel Resi Klee eine Himmelsleiter hinauf, wohingegen Gunstieger im wahrsten Sinne des Wortes wie vom Erdboden verschluckt blieb.
Sie hielt sich mit ihren Händen am eisigen Stahl der Steigleiter fest, und ihre Füße fanden Halt auf den Sprossen. So fing sie an zu klettern und betrachtete staunend die blinkenden Sterne links und rechts neben sich. Es schien fast so, als täten diese ihr zuzwinkern. Doch sie traute ihren Augen nicht recht.

Irgendwann, während ihres Aufstieges, sah sie plötzlich einen Enterhaken an der einen Sprosse der Himmelsleiter hängen. Und an diesem Haken war ein buntes Tragetuch befestigt. Sie löste dieses Tuch und wickelte es sich um das Handgelenk.
Dann trat sie mit dem linken Fuß auf eine der benachbarten Wattewölkchen, verlagerte ihr Gewicht, lies die stählerne Leiter los und balancierte sich aus. Sie machte einen vorsichtigen Schritt in Richtung der Himmelskörper und jauchzte auf …
Das Tragetuch schlang sie sich um Hals und Taille und begann darin die Sternelein einzusammeln, die ihr am heftigsten zuzwinkerten.

Als sie schließlich keinen Platz mehr in dem großen Tuch vor ihrem Bauch hatte, musste sie von dem Sternenstaub, der ihr heharrlich in die Nase stieg, beherzt niesen. Sie lachte, wie nur ein Kind das konnte und wachte davon auf …

Gunstieger aber lag im Krankenhaus und schlief seinen bleiernen Schlaf.

© Rose Kane, Le., 01/2018