Staubidisaugi

Es war Samstagvormittag. Draußen stand die Luft schwül herum und legte sich auf die Alufolienkegeldächer der stahlblauen Igluwohnsäulenhäuser. Die Straße war wie leergefegt, als Dodo sich, matt wie er sich fühlte, auf die Bordsteinkante draußen vor der Eingangstüre setzte und auf Godot wartete.
Er dachte darüber nach, dass ihm sein Herzelein viel zu klein vorkam. Denn es pumpte und pumpte den lieben langen Tag gegen das Seelenweh an und schmerzte ihm am Ende immer noch. Insbesondere jetzt, nach zehn Jahren farbenfroher Mosaikarbeiten am gemeinsamen Freundschaftshaus, wo das Streunerkatzenwesen – nicht ganz überraschend – ausgezogen war, um neuen Menschen Platz zu machen.

Dodo hockte schwitzend am Straßenrand und wartete. Er wartete auf Godot. Doch dieser wollte einfach nicht vorbeikommen. Und so erhob er sich schließlich, streckte seine müden Glieder und wandte sich seinem säulenartigen Igluhaus zu.
Er würde jetzt gleich das dämmrig kühle Innere seiner Wohnstatt betreten, überall die Lichtfunzeln entzünden, den klobigen Staubsauger aus dem Keller holen und alles mal gründlich durchsaugen, dachte er. Vielleicht hilft das ja, überlegte er.

Gedacht, getan. ….
Als der Staubidisaugi schlussendlich seine Bürstenzunge aus seiner breiten Schnauze kreiseln lies und wie ein kaputtes Auspuffrohr beständig vor sich hin röhrte, war Dodo für den Augenblick etwas wohler zumute. Sein Kopf schien plötzlich wie leergesaugt, das Herz war ihm leichter, und die Arbeit machte ihm Freude.
Er genoss die Gedankenstille und betrachtete den Sauger, wie sich dieser nur schwergängig durch den Raum bewegen ließ.
Was, wenn das ein Staubschwein wäre, welches Gefühle und Gedanken frisst, kam es Dodo plötzlich in den Sinn. Dann

wäre ich sozusagen Nahrungsquelle und Hirte zugleich, fuhr er in seinem ansonsten gedankenleeren Kopf fort.
Was für ein widerborstiges Konstrukt, schwebte diese einsame Gedankenfluse durch sein Gehirn. „Davor gruselt es mir“, murmelte er in den Staubsaugerlärm hinein.
Nein, ich stelle mir jetzt nicht vor, dass der Staubidisaugi eine Schweineschnauze hat, mich hinter sich herzieht und überall, so auch in meinen Gehirnwindungen, wild herumrüsselt. Nein, nein, das schlage ich mir gleich wieder aus dem Kopf, dachte Dodo geschwind.
Er bugsierte den Sauger von Bodenfliese zu Bodenfliese und begann herumzueiern, so als seien die Fliesen wackelige Steininseln im Gedankenmorast.

Die Luft in seinem runden Wohnzimmer begann zu flirren. Es roch nach Ozon. Und Dodos gesamte Körperbehaarung stellte sich auf und sprühte bei Berührungen Funken.
Das Staubsaugerrohr mit dem Bürstenkopf bekam augenblicklich ein seltsames Eigenleben. In Dodos Händen schlängelte sich von jetzt auf gleich ein fleischlich rosaflecktarniger Rüsselschlauch mit zwei platt gedrückten Nasenlöchern am Ende.
Dieser lange Rüssel wickelte sich um Dodos Hände, während dem Staubidisaugi Schweinsohren wuchsen und ein Ringelschwanz. Der Sauger öffnete seine violett glitzernden Sternchenaugen und tat einen tiefen Grunzer:
„Gib mir Futter! Ich will Seelenschmerzeriche fressen! Ich bin so hungrig.“
Dodo schluckte und wrang seine schwitzigen Hände aus. „Nun gut“, sprach er in den Lärm hinein, machte seinen Kopf sperrangelweit auf und öffnete das Herzelein.
Kurz bevor der Staubidisaugi sein Tagwerk vollenden sollte, hatte Dodo noch ein Geistesblitz. Er dachte daran, wer denn danach die ganze blutige Sauerei aufräumen würde. Er selbst wohl eher nicht?

© Rose Kane, BS, Juli 2017