Seelentand?

Der käsig löchrige Trabant stand tief am Discohimmel. Die Herzinsel schien tief im Schlaf versunken zu sein. Selbst die Kettenhunde und Hofkatzen waren verstummt. Nur an Ort und Stelle, inmitten der herzförmigen Insel, brannte noch Licht.

Es war das mit allerlei handtellergroßen Muscheln und Schneckenhäusern dicht an dicht verzierte Blockhäuschen, welches dort auf zwei Nashornbeinen stand und sich unbeholfen um die eigene Achse drehte.
Die Fenster waren mit buntem Seeglasmosaik, eingefasst in Bleirähmchen, bestückt und standen sperrangelweit offen. Aus dem schummrigen Inneren drangen leise Jazzklänge in die späte Nacht, tanzten über das herzensgroße Eiland, bis über dessen Ränder, hinaus auf das offene, platte Meer.
Über der mit regenbogenfarbenen Kalkschalen besetzten Eingangstür zum Häuschen war ein Willkommensschild angebracht. Auf diesem stand in ungelenken, ausgefranzten Druckbuchstaben „Katzenhausen“ geschrieben. Mit der Musik drang auch ein geschäftiges Herumrumoren aus dem Inneren, und eine Schattensilhouette bewegte sich vor den mit Dämmerlicht angefüllten Fensterhöhlungen hin und her.
Zu Füßen von „Katzenhausen“ stand ein alter Karton mit der Aufschrift „zu verschenken“. In diesem fand sich allerlei Seelentand einer gut zehnjährigen Freundschaft, die anscheinend schon seit Längerem aufgeräumt und ins Regal der vergänglichen Beziehungen wegsortiert wurde.

Dodo trat aus dem Schatten der Nacht und beugte sich zu der Kiste mit den ausrangierten Sachen hinunter. Die Schönwetterfahne stand hinter ihm und beugte sich über seine Schulter zu ihm herab. Sie zeigte keinerlei Luftbewegung an, also eigentlich ideale Bedingungen für einen Besuch in „Katzenhausen“. Doch wie er da so vor dem Seelentand kniete und in diesem herumstöberte, traute er sich nicht, anzuklopfen und das Streunerkatzenwesen,

das längst ein Zuhause gehabt hat, um gastfreundschaftlichen Einlass zu bitten.
Stattdessen zog er ein abgegriffenes Büchlein mit dem Titel „Eine Reise ins Dodolonthium und wieder zurück“ aus der Kiste und begann darin daumenkinomäßig zu blättern. Text und Bild und wiederum Text und Bild rauschten an seinen traurigen Augen vorüber. Er kannte den Inhalt des Buches bis ins Detail, schließlich hatte er es für das Katzenwesen und natürlich auch für sich selbst geschrieben und illustriert. Mit einem leisen Seufzer legte er sein Kleinod zurück in die Seelentandkiste des Streunerkatzenwesens und richtete sich langsam wieder auf.

Dodos Gesicht wurde von der Heimeligkeit des Hausinneren beschienen. Er wusste genau, wie es darin aussah und wie es roch. Das war eins seiner Wohlfühlzuhäuseriche. Doch er klopfte nicht an. Denn er hatte das Gefühl, dass der gemeinsame Zug längst abgefahren sei, allerdings ohne dass sie gemeinsam rechtzeitig eingestiegen waren.

Die Nacht war schon alt, und der Tag würde bald anbrechen. Das fahle Trabantenlicht ruhte auf Dodos Schultern, als er auf seinen Absätzen kehrt machte und zu seinem Ruderboot am Strand lief. Abschiednehmen war nicht seine Stärke.
Er schob das Boot ins seichte Wasser, klettert über die niedrige Bordwand, setzte sich auf die Ruderbank und legte sich tatkräftig in die Riemen.

Mit jedem Zug der Ruderblätter durch das wellenlose Wasser legte Dodo ein Stückchen Trauer ab. In Gedanken faltete er daraus kleine Papierschiffchen und setzte diese, jeweils mit einer brennenden Schwimmkerze in der Mitte versehen, ins Wasser. Er gab ihnen Kraft seiner Phantasie einen sanften Schubs und beobachtete, wie sie sich langsam vom Ruderboot entfernten und die Wasseroberfläche ganz allmählich in einen breiten Streifen Lichtermeer verwandelten.

Wie lange er rudern musste, bis er an sein eigenes Herzensufer kommen würde, wusste er nicht. Aber er war guten Mutes …

© Rose Kane, BS, Juli 2017