Schwester Bine

Es ist Lichtmess. Draußen schneit es Hühner und bedeckt die pinkfarbenen Kunststoffweihnachtbäume und Plastikkrippen der Nachbarschaft mit Weiß, und es stürmt um die bunt bemalten Rundhäuser …

Bine steht über den offenen Geschirrspüler gebeugt und hantiert in ihm herum. Sie hat ihren schwarz-gelb gestreiften Ganzkörperanzug an. Den, der nur den Kopf mit ihrem kurzen Wuschelhaar und ihre Hände frei lässt und ihren großen Po so schön birnenförmig betont.
Sie steht also vornüber gebeugt da, arbeitet irgendetwas und reckt mir dabei lasziv ihr Gesäß entgegen …
„Ihm fehlt das Salz in der Suppe“, murmelt sie in den runden Raum hinein.
Doch ich weiß nicht, wen oder vielleicht sogar was sie mit ihm meinen könnte.
Meine Augen hängen an ihrem schwarz-gelb gestreiften Gesäß, und ich erinnere mich …

Damals, der Name der Stadt, in der wir uns gefunden hatten, tut nichts zur Sache, waren wir uns an einem regnerischen Frühlingsnachmittag auf einem Jahrmarkt begegnet. Ich wollte meine Arbeitswoche vergessen, und sie war auf der Suche nach etwas.
(Nach was genau, das hat sie mir bis heute nicht verraten.)
Es war der Käfig mit dem Brillenbären, vor dem sie stand, als ich mit nieselnassen Haaren und feuchtem Sakko an ihr vorbeischlenderte. Sie hatte einen knallgelben Regenmantel mit schwarzem Gürtel und schwarzen Knopfverzierungen an, dazu eine schwarze Reiterhose und gelbe Gummistiefel.
Sie fiel mir sofort ins Auge. Nicht nur wegen ihrer Kleidung. Nein. Sie stand dort vor dem Käfig und machte für den Brillenbären allerlei Faxen …
Sie imitierte zum Beispiel mit Daumen und Zeigefinger zwei Brillengläser und hielt sich diese vor die Augen. Und sie erzählte ihm die Geschichte von der Schildkröte, die Geburtstag hat und ahmte dabei anschaulich jedes der darin vorkommenden Tiere nach.
Das rührte mich so sehr an, dass ich mich zu ihr gesellte, neben ihr verweilte und ihrer Geschichte von der Schildkröte lauschte. Sie schien mich erst, als sie geendet hatte, zu bemerken und schaute mich schließlich von der Seite her an.
Doch sagte sie kein Wort und gab auch sonst keinen Laut von sich. Erst als ich mich nach einer schier unendlichen Zeit des Schweigens verlegen räusperte, hörte ich ein leises Lachen ihrerseits.
Dann nahm sie mich an die Hand und führte mich fort, hin zur Schießbude weiter hinten im zurückhaltenden Getümmel.
„Wetten, dass du nicht triffst?“
Sie hatte ihre Kapuze geöffnet und zurückgeschlagen, und ich sah zum ersten Mal ihr damals schon kurzes Wuschelhaar. Ich sah auch ihr breites Lächeln, und ich schluckte.

Ich wusste nicht genau, was ich hätte darauf antworten sollen, fühlte mich aber bei meinem Ehrgeiz gepackt. Und so legte ich dem Budenbesitzer ein paar Taler auf den Tisch.
„Fünf bitte“, sagte ich etwas zu laut.
Mir stockte der Atem, als der Dreitagebart die große Waschschüssel mit Honigmelonen auf den wackligen Tisch stellte und sich seine behaarten Hände rieb.
„Du gewinnst, wenn du einmal triffst. Deine Freundin darf natürlich auch.“
Ich schaute dem Budenbesitzer in seine kleinen Knopfaugen und wollte ihm schon entgegnen, dass dies doch gar nicht meine Freundin sei. Doch ich unterließ es und nahm stattdessen eine der Honigmelonen in die Hände.
Sie wog nicht so schwer, wie ich es mir ausgemalt hatte. Und ich schätzte meine Chancen ab, einen der Gegenstände, die aus den Körbchen der quietschenden, alten Seilwindenbahn hinausschauten, mit dieser Melone zu treffen …
Der Nieselregen hatte inzwischen aufgehört.
„Ich möchte den kleinen schwarzen Plüschpanther.“
Wieder sah ich das breite Lächeln in ihrem Gesicht, und ich wollte alles richtig machen. Mit klopfendem Herzen und klammen Händen versuchte ich zu zielen. Doch ich wusste nicht so recht, ob ich nun mit beiden Händen von unten werfen sollte oder ob es besser wäre, die Melone so wie beim Kugelstoßen auf das Ziel zu richten.
So stand ich zögernd an der niedrigen Tischkante. Neben mir das breite Lächeln im gelben Regenmantel, dessen Lächeln mit jeder Sekunde noch breiter wurde.
Der Dreitagebart atmete laut aus und ließ die Fernsteuerung seiner Seilwindenbahn fallen. Ich zuckte vor Schreck zusammen. Dabei stieß ich die erste Honigmelone unkontrolliert von mir weg und traf nur die Budenwand.
Neben mir lachte es auf. Und der kleine schwarze Plüschpanther war mittlerweile in seinem Körbchen weitergefahren. Nun musste ich warten, bis er wieder vorbei kam …
Das breite Lächeln ließ es mich insgesamt vier Mal versuchen, dann nahm es die Melone selber in die Hand. Und siehe da …
„Ich habe dich erkannt“, flüsterte sie in mein Ohr, als sie mir einen Kuss auf die Wange gab. Dann steckte sie den schwarzen Plüschpanther in die Tasche ihres gelben Regenmantels und nahm mich erneut bei der Hand und zog mich mit sich fort.

Heute, Jahre später, sitzt der kleine schwarze Panther noch immer inmitten seiner Plüschtierfamilie auf ihrem Regal überm Bett und wacht über ihren Schlaf.

Die Tür des Geschirrspülers klickt zu. Bine richtet sich schwungvoll wieder auf und dreht sich zu mir herum. Ihr Po verschwindet aus meinem Sichtfeld. Sie lächelt mich an. Ihre Pupillen sind blutrot. Die langen Wimpern und die Augenbrauen hat sie in einem warmen Orange geschminkt, während ihre Lider einen sonnengelben Ton tragen.
„Du bist gern die Königin“, stelle ich fest.
Sie greift nach meinen Händen und zieht mich ganz nah zu sich heran. Sie bedeckt ihr Gesicht mit meinen Händen und atmet ihren Duft.
„Sie riechen nach Honig“, flüstert Bine und küsst meine Fingerspitzen.

© Rose Kane, Co., 2013