Schüttinginthebirn

Zwei punkyschicksnmixy Revoluzzer saßen gleich vorne an der Kreuzungsampel im Schneidersitz auf ihrer Tagesdecke und debattierten lautstark über die Alternative(n) für Deutschland.
Ob sie Weiblein oder Männlein waren, konnten die vorübereilenden Passanten auf den ersten Blick meist nicht erkennen. Und für einen zweiten oder dritten Hinschauer reichte oft nicht deren Zeit.
Zwischen diesen beiden punky Revoluzzern stand ein Pappschild – an eine Sammelbelbüchse gelehnt – mit der Aufschrift „Wein auf Bier, das rat ich dir.“

Der eine von den beiden war in eine zerschlissene, grasgrüne Karostoffhose und einen tannengrünen, flauschigen Fransenponcho gekleidet. Von fern sah er wie ein lebendiger Grashügel aus. Sein Irokesenhaarschnitt und die Boots an seinen Füßen bildeten dazu einen orangefarbenen Kontrapunkt.
Sein Gegenüber hatte eine tätowierte Glatze und trug eine gebatikte, kaminrotschwarze Bundeswehrhose und ein selbstgenähtes Hemd aus mehreren Flaggen der ehemaligen Sowjetunion.

Beide Revoluzzer waren so in ihr Phrasengespräch vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, wenn sich der eine oder die andere Vorbeigehende schnell bückte und ein bisschen Kleingeld in die Sammelbüchse warf.
Sie hockten auf ihrer in Pastelltönen geblümten Tagesdecke wie erregte, von sich überzeugte Politiker in einer Podiums-Talk-Runde vor laufenden Kameras.
Hinter ihnen stand auf einem niedrigen Podest ein Glasballon. Dieser war zu viertelst mit Rotwein befüllt.

Fast am Boden des Ballons lugte ein Doppelhahn hervor, bestückt mit jeweils einem dünnschwarzen Gummischlauch. Am anderen Ende der Schläuche war je ein schmales Mundstück befestigt.

Beide Punkyschicksnmixies hielten einen der Gummischläuche in den Händen.
Einer von ihnen nuggelte auch justament in kräftigen Zügen an seinem Mundstück, während er die enthusiastischen Ausführungen des zweiten Revoluzzers aufmerksam verfolgte. Er ließ den Wein in seinem Mund hin- und hergleiten, kaute etliche Male auf dem Geschmack herum, um die Flüssigkeit schlussendlich in einem Schluck seine Kehle hinunterfließen zu lassen.
Als sein Gegenüber endlich mit Reden geendet hatte, legte er schließlich den Gummischlauch in seinen Schoß und gestikulierte mit den Händen feststellend, „Dann bleibt uns gar keine andere Alternative, als unser Vertrauen ins Jamaikabündnis zu legen.“

In diesem Augenblick stand das Kreuzungssignal der Fußgänger gerade auf Gelb. Einen Wimpernschlag lang war nicht klar, ob dies nun in den nächsten Sekunden für das passantierende Volk „Gehen“ oder „Stehen“ bedeuten würde.
So fühlte sich jedenfalls der zweite Revoluzzer. Er hob seinen Trinkschlauch zum Mund, sagte laut „Amen“ in die abwartende Situation hinein und nahm mehrere große Schlucke Rotwein aus dem Glasballon.

© Rose Kane, Le, 09/2017

—- kleiner insider 😉 —-

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