Schrull

Thomasius, der Schlüsselwart, kam justament in dem Augenblick um die Ecke der Seufzergasse gebogen, als Dodos Hexchen an ihren fünf schmucken Strasswarzen im Dekolleté drehte, so als ob sie die Knöpfe eines Weltenempfängers bedienen würde, um einen gescheiten Radiosender zu hören.

Sie war gerade dabei, eine kleine – die alljoholische Jährung ausdünstende – Altmännerreisegruppe aus dem nahen Zug nach N-Irgendwo zu locken, um diese zu bezirzen und in lustgrunzend nackte, beriemte und beschirrte Erdferkel zu verwandeln. Während die eine Säufernase noch grölte, „Och-nee-due. Zugfohn mochd soe gor keen Spoß. Soe longe rummsitzn, och-nee-due. Mio sinn doch glodd die Ochn zugefolln, soe miede worsch schonn longe nisch mäehr.“, tat es unmittelbar hinter ihnen einen lauten Knall, und die alten Männer trugen fleischige Langschwänze sowie je ein Paar Erdferkelohren an ihren nackten Ärschen …

Thomasius hatte hellviolettfarbene, lang glatte Haare. Sie reichten ihm bis zu den Pobacken. Sein Gesicht war babysanft, und er trug Tunnels in den Ohrläppchen. Die schlaksigen Beine steckten in einer getigerten Röhrenjeans, und sein nackter Spargeltarzanoberkörper war von einer Nietenlederjacke bedeckt. In einer der

Gürtelschlaufen trug er einen schweren Ring. An diesem hingen zig Tausende von Schlüsseln. Er war unterwegs in die Kopffüßlerstraße und wollte dort seinen Dienst in der Anstalt antreten. Doch nun war er dem Hexchen und ihrem Dodo begegnet, und beäugte dieses Pärchen im Vorbeigehen. Die Altmännerreisegruppe hingegen ließ er links liegen.

Das Hexchen war großblumig und ausladend berockt, und sie trug eine schulterfreie Rüschenbluse. Der Kopf war vom rotblonden, schulterlangen Wuschelhaar eingerahmt. Sie kicherte geheimnisvoll, als sie ihre Strasswarzen betätigte, und blinzelte verführerisch ihren Dodo an. Dieser jedoch blickte perplex zwischen ihr und Thomasius und der Reisegruppe der alten Männer hin und her und wusste gar nicht, wie ihm geschah …

Plötzlich fand er sich umringt von lauter lustgrunzenden Menschenerdferkeln, die sich an seinen Beinen rieben. Und sein Hexchen lachte ihr Lachen. „Sie haben es nicht anders gewollt.“, liebäugelte sie ihm zu, als sie Dodo umarmte und zärtlich an seinen Lippen knabberte. Dann zog sie ihn mit sich fort, um ihm ihre Liebherzigkeiten zuzuflüstern und mit Worten und Taten zu streicheln …

© Rose Kane, Le, 04/2018