Schätzecken

Das Lebenshaus meines Dodos war ein gastfreundliches Gemäuer á la Hundertwasser, wo jeder ein- und ausgehen konnte, in dem eigentlich immer Seelennahrung auf den Tischen herumstand, und jeder, der hungrig war, sich daran laben konnte. Das Gebäude befand sich nahe der Steilküste zum Süßmeer. Es hatte fünf Zwiebeltürmchen, die in die dächerne Gartenwelt hineinragten, wie die Zeigefinger von hinweisenden Händen.

Überall tummelte sich die Neugierde und deren nimmersatten Menschenwesen.
Nur die kleine Abstellkammer des Hauses schien ernsthaft verwaist zu sein. Sie war irgendwann in grauer Vorzeit in einem der Zwiebeltürmchen einquartiert worden. Doch ein Niemand hatte je ernsthaft dort vorbeigeschaut und sich darin eventuell sogar verstöbert.
Sondern es lief bisher immer nach demselben Schema ab:
Dodo war einen Umweg gegangen und an einer Wegscheide angelangt. Dann packte ein Niemand Kisten mit Dodos kantigen Erinnerungsballast zusammen, weil dieser lieber der Aufheberitis frönte, anstatt sich dauerhaft zu befreien. Diese Kartons stapelten sich dann vor der Tür besagter Rumpelkammer. Irgendwann erbarmte sich ein Niemand dieser Kistentürme, holte sich bei Dodo den alten Schlüssel ab, öffnete die Tür, verstaute die Kisten dann in irgendeiner freien Ecke und verschloss die Türe wieder mit dem rostigen Vorhängeschloss.
Noch nicht einmal Dodo selbst ist bisher länger als ein paar Atemzüge in der mit, schwierig zu vermarkteten, Lebensballast vollgestellten Kammer drinnen gewesen.
Das sollte sich aber bald ändern, denn ein Niemands Zeit war abgelaufen, und für Dodo war der Moment des Revue-passieren-lassen gekommen. Er wollte in seinem bisherigen Leben eine Kehrtwendung bewerkstelligen, und sollte sich sowie den anderen seinen Mut beweisen und alles anders machen als bisher. Er wollte endlich für seine kreativen Begabungen einstehen.

So stand er also eines Tages mit dem kühlen Eisenschlüssel in den warmen Händen vor der hölzernen Tür. Sie müsste mal wieder gestrichen werden, die Regenbogenfarben sind schon ganz verblichen, blättern allmählich ab und lassen die Natürlichkeit des Holzes zum Vorschein kommen, dachte Dodo, als er entschlossen den großen Schlüssel in das klobige Vorhängeschloss steckte.
Beherzt stieß er die Tür auf und wurde augenblicklich von warmen Lichtfingern überflutet. Sie fielen durch das kreisrunde Buntglasfenster in das zugestellte, runde Turmzimmer hinein und zerschnitten die stickige Luft in grüne, blaue, rote, gelbe und andersfarbige Streifen. Der Fensterladen war halb geöffnet und lies den Blick auf das große Windrad des Dachgartens zu. Staubkörnchen tanzten zu einer nicht hörbaren Musik in diesem Licht- und Schattenspiel.

Guten Mutes trat Dodo ein und stolperte gleich zu Anfang über eine achtlos in den Weg gestellte Umzugskiste mit Erinnerungsballast. Er hatte diesen Karton mit Edding beschriftet. Gesundheitspfleger und Altenpflegehelfer war in Druckbuchstaben darauf geschrieben. Dodo bückte sich und öffnete ihn vorsichtig. Darin fanden sich seine Pflegebücher und Mitschriften, seine weiße Arbeitskleidung und sein Pschyrembel.
Er richtete sich kurz auf und dachte daran, dass Umwege die Ortskenntnis erhöhen. Er musste schmunzeln. „Jetzt

weiß ich wenigstens, was Scapula oder Cranium auf Deutsch heißen.“, murmelte er vor sich hin.

Dodo schaute sich um und fand einen verbeulten Alukoffer, ganz am Rand der runden Turmkammer stehend. Er schlängelte sich um die Kistenstapel herum und kniete sich vor diesen in Mitleidenschaft gezogenen Koffer. Andächtig löste er die Verschlüsse und hob langsam den verstaubten Deckel an. Seine Augen erblickten lauter Tüten mit bunten Glassteinchen, Perlen und Knöpfen.
Er hatte im Blindflug seine damals heißgeliebten Mosaiksachen aufgestöbert. Seit den Wilden-Süden-Zeiten hatte er nicht mehr mosaiziert. Nur schade, dass seine Cheffinnen zu jener Zeit eine gelernte Kollegin bevorzugten. Er selbst wäre sehr gerne dortgeblieben.

Ächzend erhob sich Dodo, streckte seine langen Beine aus und drehte sich einmal um seine eigene Achse. Bei einhundertachzig Grad kam er zum Stehen und hatte vier Kisten übereinandergestapelt vor sich. In die oberste schaute er hinein. Das war seine Ehrenamtskiste. Darin fand er Bücher zum Thema Altern und seine Begleiterscheinungen sowie Arbeiten zum Thema Suchterkrankungen und psychische Handicaps.
Nachdenklich schloss er diese Umzugskiste wieder. Die Zeiten ändern mich, auch wenn sie mich sehr geprägt haben, dachte er. Wobei ich niemals, nie, sagen werde, überlegte er weiter.

Er drehte sich noch einmal um fünfundvierzig Grad und machte zwei Schritte nach links. Zu seinen Füßen stand eine alte, verstaubte Klappbox. Auf ihrem Boden lagen nur zwei Manuskripte. Dodo beugte sich über diese, nahm beide Arbeiten in die Hand und blättere sie daumenkinoartig durch.
Die Kataloge zu meinen Ausstellungen als Studiosus, erinnerte er sich und legte alle beide zurück in die Box. Damit hat meine Kreativreise erst so richtig begonnen, flüsterte Dodo in die Abstellkammer hinein. Das waren wichtige Meilensteine für mein jetziges Leben.

Er richtete sich inmitten all der Kartons, Kisten sowie sonstige Behältnisse auf und wollte schon den kleinen Raum wieder verlassen, als er mit dem linken Fuß an einer großen Metallschatulle hängen blieb. Dabei sprang der Deckel dieses kunstvoll verzierten Kastens auf und verschiedene Fotos purzelten heraus. Abermals kniete er sich hin und beschaute sich diese Kleinode.
Das waren alles Aufnahmen, auf denen er sich mochte und nicht verkniffen drein schaute. Wo er auch mal lächelte, das ist vor allem bei den alten bis älteren Bildern eher selten der Fall gewesen.

Als Dodo alle Fotos wieder eingesammelt hatte und seinen Erinnerungen dazu nachgegangen war, überlegte er, dass dieser kreisrunde, kleine Raum in Wirklichkeit keine Rumpelkammer voller unbequemer Wahrheiten war, sondern über sieben Ecken ein Ort voller Schätze, wie er sie jetzt liebevoll nannte. Seine Schätzecken eben.
Auf leisen Sohlen zog er sich schließlich aus seiner Kammer zurück, so als ob er eine seiner Erinnerungen aufscheuchen und zur Flucht anregen könnte. Das rostige Schloss allerdings hängte er nicht wieder vor die Tür, sondern lehnte diese nur an …

© Rose Kane, LE, August 2017

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