Sancta Anna

„Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön, …“, dudelte es halblaut aus dem Schiffslautsprecher der Sancta Anna und machte alle Anwesenden an Board scheinbar glücklich.
Es war ein kleines Ausflugsmotorbötchen mit einer beschaulichen Kaffeefahrtentafel an Deck. An dieser saßen sieben Personen bei Thermoskannenkaffee und einem großen Blech Buttermilchkuchen.
Den hatte Jesus, der vollbärtige, kugelbäuchige Rentnerkapitän des Bootes gebacken.
Er hatte eine Sonnenbrille mit großrunden, blau-orange getönten Gläsern auf der sonnengegerbten Nase. Seine Glatze war mit einer orange gestreiften Strickschirmmütze bedeckt. Und er trug ein dunkelblaues Jackett über dem grau behaarten Bauch, welches mit orangefarbenen Blumen bedruckt war. Die Cordhose, die er anhatte, war orange gebatikt und war recht knapp um die Hüften geschnitten.
Jesus hockte am Heck seiner Sancta Anna und lehnte mit seinen Lenden an der Bordwand. Er hatte die Pinne des Steuerruders in der Hand und überblickte die überschaubare Kaffeetafel.
Dodo und seine Ich-Gang sowie die schwarze Wölfin waren seine Gäste. Sie saßen an zwei zusammengestellten Campingtischen vereint und wirkten irgendwie leicht gezwungen. Vor allem der Wölfin und dem Dodo war das anzumerken. Sie hockten sich in diesem Bötchen an den jeweiligen Stirnseiten der Kaffeefahrtentafel gegenüber und wollten sich doch liebend gerne aus dem Wege gehen. Auch wechselten sie kein direktes Wort miteinander …

Die Wölfin trug ein schwarzes Wolfspelzcape um die Schultern. Ihr Gesicht war um die Augen, Stirn und Nase herum von einer Wolfsmaske aus dünnem, ebenso schwarzem Latex verdeckt. Man hätte meinen können, dass man ihr dadurch keine beziehungsweise kaum eine Gemütsregung hätte ansehen können. Doch dies war ein Irrtum. Das Gegenteil war eher der Fall. Die Maske verstärkte noch einmal jeden ihrer gedachten Gedanken und betonte auch ihre sehr aussagekräftige Mundpartie …
Nichts hätte lauter sein können als ihr Unwohlsein. Sie wechselte höfliche Worte mit Jesus, vermied es aber sonst, irgendjemand an Bord direkt anzuschauen. Es wirkte ganz so, als sei die Wölfin körperlich gar nicht anwesend und von dem Künstler der Vollständigkeit halber, weil Dodo gerne mit ihr geredet hätte, nur nachträglich in die Szenerie hineingemalt worden.
Oder war es vielmehr umgekehrt, also, dass Dodo eher geistig abwesend war und sich nur seine Körperhülle – wie eine vergessene Spielfigur am Rand des Spielfeldes – auf das Boot verloren hatte?

Tja, es war jedenfalls so, dass Dodo mit dem Rücken zu Jesus saß. Er hatte seine Beine an die Brust gezogen, knabberte an einem Stückchen vom Buttermilchkuchen, beobachtete, wie sich die Wölfin quer über die Campingtische mit Jesus unterhielt und schwieg vor sich hin …
Er war ganz in Dunkelpink gekleidet und trug keine Schuhe an den Füßen.

Der Bordlautsprecher der Sancta

Anna tönte in Endlosschlaufe, „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön …“ Die Sonne stand hoch am azurblauen Serviertabletthimmel. Kleine, vereinzelte Schäfchenwolken segelten wie Zuckerwatteflauschies gen Horizont.

Dodo dachte, es war ein Fehler, mich der Wölfin gegenüber zu outen, jetzt redet sie bestimmt schlecht über mich und meine Ich-Gang und lacht uns aus.
Die Fee, die zur Rechten Dodos saß, schüttelte unmerklich den Kopf und griff nach Dodos Hand. Wohingegen Bordolina und die Dramaqueen, beide hatte Jesus zu Dodos Linken platziert, laut auflachten. Sie schossen sich Gedankenbälle zu.
Die Dramaqueen dachte zum Beispiel in Bordolinas Richtung: Ja, genau, die Wölfin erzählt jetzt überall, dass wir eine perverse Lesbe sind und lässt dabei kein gutes Haar an uns. Bordolinas Gedankenpendant dazu war: Sie wird nicht mit uns befreundet sein wollen, kein Wort mehr mit uns wechseln, unser eins ausweichen und uns anders behandeln als vor unserem ersten, sehr offenen Privatgespräch mit ihr.
Warum musste ich ihr auch ein paar Tage später freundschaftlich den Arm um die Schultern legen wollen? Da musste sie sich doch einfach wegducken, grübelte Eckstein. Er sah unglücklich und verbiestert drein, so als ob er ihr etwas antun wollte und auch könnte.

Dodo überlegte, wie soll ich denn mit ihr über das Vorgefallene reden, sie umgibt sich ja ständig mit Leuten?
Er fühlte sich elend und ungeliebt und klein, so wie früher, als er noch ein Kind gewesen ist. Er war wieder der gehänselte Einzelgänger von damals, nur dass er jetzt Erwachsen war und ihm die Kinderschuhe nicht mehr passen wollten. Er sah und hörte und spürte Vergangenheitsgespenster, wo in Wahrheit gar keine ihr Unwesen trieben …
Er wusste nicht, wie er sich richtig verhalten sollte und war mit der Gesamtsituation überfordert.

Die Fee allerdings lächelte vor sich hin. Sie kniff in Dodos rechte Hand und sprach in Gedanken zu ihm:
Wir werden uns gegenüber der Wölfin so normal wie möglich verhalten und ihr natürlich nicht ausweichen. Und du wirst ihr einen Brief schreiben, in dem du ihr kurz darlegst, dass du nur an einem rein freundschaftlichen Kontakt interessiert bist und keinerlei sexuelles Interesse hegst. Dann drückst du ihr kein fremdbestimmtes Gespräch aufs Auge, und sie kann selbst entscheiden, wann sie deinen Brief lesen möchte und wann eben nicht …

Dodo, hmmte, hörbar, und die Wölfin blickte flüchtig zu ihm herüber.

Sancta Anna schlingerte und legte mit einem Rumoren im Außenbordmotor am Landungssteg an. Jesus entließ seine kleine Kaffeefahrtenrunde mit einem wissenden Händedruck von Bord. Und alle streuselten sich im Nu in alle Himmelsrichtungen davon.

Dodo schlenderte hinterdrein. Er war tief in sich versunken, doch es ging ihm schon deutlich besser … Irgendwie wusste er, dass der Brief der richtige Weg sein würde, die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

© Rose Kane, Le, Mai 2017