Rockismus?

Ein blondtierter Irokesenschnitt saß im Wartebereich des Bahnsteigs Nummero Zwei und stierte vor sich hin, als Dodo die Treppe heraufkam, um zu schauen, ob sein Zug nach Nirgendwo auf diesem Gleis abfahren würde. Als er die elektronische Anzeigentafel zu Gesicht bekam, sich die Buchstaben und Zahlen zu einem Gesamtbild zusammenfügten und seine Gehirnwindungen die Informationen verarbeitet hatten, machte er auf dem Absatz kehrt und lief die Treppe wieder abwärts.
Eine samtene Männerstimme riss ihn aus seinen Gedanken, „Entschuldigung!“, rief diese Stimme
Dodo reagierte nicht.
„Entschuldigen sie bitte! …“, rief die Samtstimme abermals.
Dieses Mal stoppte Dodo seinen Schritt, drehte sich aber noch nicht um.
Abermals rief die Stimme, „Der Zug ins Nirgendwo, fährt der nicht hier ab?“
Dodo verrenkte seinen Oberkörper ein wenig – um die eigene Achse – nach hinten, allerdings ohne seine Hüfte zu bewegen und sagte, „Nein. Das steht doch auf der Anzeigentafel.“ Dann ging er die Treppe weiter nach unten, um schließlich zum Bahnsteig Drei zu gelangen.
Der blondtierte Irokesenschnitt folgte ihm stumm.

Als sie schließlich am richtigen Gleis angekommen waren, stellte Dodo seinen Lebensrucksack im Wartebereich ab und kramte sein trockenes Brötchen und den Tee hervor. Er schaute auf die Anzeigentafel. Noch fünfundfünfzig Minuten, dachte er. Was stellt man mit fünfundfünfzig Minuten reiner Lebenszeit an, fragte er sich und machte mit dem Brötchen in der einen Hand und der Trinkflasche in der Anderen einen Rundumblick über den Bahnsteig.
Ihm fiel sofort auf, dass kein einziges Taubentier auf den akribisch gesäuberten Steinplatten herumtrippelte. Doof das, dachte er, da kann ich ja nicht einmal in Gedanken das Vergiften-im-Park-Lied durchspielen, wie langweilig …

Dodo blickte neben sich, und sah den blondtierten Irokesenschnitt auf einer der metallenen Sitzgelegenheit warten, seine Beine waren dabei vornehm übereinandergeschlagen. Dieser hatte sich inzwischen eine Cola aus dem Automaten rechts neben Dodo geholt und sich linkerhand ein paar Gelegenheiten weiter neben Dodos Lebensrucksack gesetzt.
Das Gesicht des Irokesenschnittes sah androgyn geschnitten aus und wirkte blass. Er trug eine verwaschene, an den Knien zerrissene, schwarze Stretchjeans, ein schwarz-gelb gestreiftes Lycra-Shirt und gelbe, knöchelhohe Canvas-Sneakers an den Füßen. Um seinen Hals prangte ein Mercedesstern an einer schmalen Panzerkette. Seine Finger spielten feingliedrig mit der Colaflasche, während sein rechtes Ohr mit Musik zugestöpselt war.

Was er wohl hört, fragte sich Dodo. Nur nicht allzu offensichtlich hinstieren, sonst springt er mir noch vor Ende der Wartezeit auf und verschwindet irgendwohin, wohin ich ihm gedanklich nicht folgen kann beziehungsweise ihm dann per Pedes nachgehen muss, dachte Dodo und senkte seinen Blick auf die Steinplatten unmittelbar vor seinen Füßen.
Schnuckelig sieht er ja aus, dachte Dodo weiter, kaute auf seinem trockenen Brötchen herum und trank ein paar Schlucke Tee. Und nein, ich stelle ihn mir jetzt nicht im gelben Mini mit schwarzen Punkten und Pumps an den Füßen vor, überlegte er. Aber geil fände ich das schon, sinnierte er vor sich hinlächelnd. Ich würde ihn hier in aller Öffentlichkeit feiern und vor aller Passantenaugen ausführen, überlegte Dodo weiter. Ganz bezaubernd wäre das, dachte er …
So als ob Dodos Gedanken für den blondtierten Irokesenschnitt laut hörbar gewesen wären, sprang dieser wie von der Tarantel gestochen auf und tigerte den Bahnsteig entlang.
Schade, dachte Dodo. Ob er jetzt wohl die Steinplatten zählt, fragte er sich still und zerkaute den inzwischen letzten Bissen seines trockenen Brötchens.

Der Zug ins Nirgendwo fuhr in elf Minuten ein.
Es krawatterte in der Ferne und finsterschwere Wolkentürme zogen mit rasanter Geschwindigkeit auf. Blitze durchäderten den Himmel und marmorierten flüchtig die droiende Stimmung.

Reisende verschiedener Naturen hatten sich inzwischen am Gleis drei eingefunden, und es wurde allmählich gut bevölkert auf dem Bahnsteig. Sie alle schauten nervös auf die Anzeigetafel und fragten sich, ob sie hier richtig waren.
Man hatte es versäumt, die geänderte Abfahrtszeit und den anderen Abfahrtsort sowie den Umstand, dass die Strecke zumindest teilweise mit Schienenersatzverkehr umgeleitet wurde, ausreichend mit Hinweisen zu beschildern.
Doch Dodo wusste das inzwischen, denn er war mehrmals in der Woche auf dieser Strecke unterwegs.

Er atmete tief durch und beobachtete von seinem überdachten Standpunkt aus die losgebrochenen Naturgewalten am Himmel. Als der Regen mit seinen platschenden Geräuschen einsetzte, fuhr der Zug nach Nirgendwo auf dem Gleis drei ein, und die Reisenden drängelten sich im Regen an der Bahnsteigkante.
Einer nach dem Anderen stiegen sie in den Zug, so auch der blondtierte Irokesenschnitt.
Dodo suchte sich einen Sitzplatz ihm schräg gegenüber. So konnte er noch ein Weilchen seinen wunderbaren Tagträumen nachhängen und die Gedanken frei herumfliegen lassen …

© Rose Kane, Le., 04/18