Rednaxela

Beethoven schwallte schicksalsschwanger aus den unsichtbaren Lautsprecherboxen des sonnigen Bahnsteiges, und niemand sagte etwas dazu. Die Schatten waren noch nicht hervorgekrochen, und die Reisenden suchten geschäftig ihren Sitzplatz im wartenden Zug. Die Dampflokomotive zischte und vibrierte. Sie pfiff dreimal kurz hintereinander, stieß dabei große Mengen an Wasserdampf und Rauch aus und verhüllte sich und den einen Waggon teilweise im Dunst.
Dodo hatte schon seinen Platz – nahe dem Eingangsbereich unmittelbar hinter der Lock – eingenommen und drückte sich verträumt seine Nase an der Waggonfensterscheibe platt. Denn er beobachtete gerade, wie Rednaxela mit seinem klapperigen Damenfahrrad auf den Plan trat.
Hager sah dieser aus, trug einen bunt geflickten Samtanzug, der ihm viel zu groß war, und auf dem graumelierten, zotteligen Haarkranz seines Kopfes saß ein alter Zylinder, dem er allerlei Klimbim an die Hutschnur gehängt und unter diese gesteckt hatte. Aus den großen Ohren wuchsen ihm grüne Bohnen hervor, und aus seinen Nasenlöchern spross Nieswurz. Irgendwie brachte er die Beethovenmusik zum Verstummen und sang lauthals vor sich hin, dass er heute backen und morgen brauen und übermorgen der Königin ihr Kind holen würde …
Als eine Mutter mit ihrem fünfjährigen Jo-Jo-Jungen auftauchte und diesen andauernd – für alle passantierenden Reisenden hörbar – beschimpfte, dieses oder jenes gefälligst zu unterlassen, unterbrach Rednaxela seinen Singsang und beobachtete die Beiden aufmerksam. Dabei blinzelte er den rauchigen Dampf der Lokomotive hinfort und blickte Dodo für einen Moment direkt in die Augen. Dieser musste mehrmals
Schlucken, denn er ahnte, dass nur er Rednaxela sehen und hören konnte.
Der Jo-Jo-Junge hingegen wusste nichts. Er zappelte hier und faxte dort herum. Er kletterte die metallene Sitzgelegenheit im Wartebereich des Bahnsteiges hinauf und hinunter, rüttelte an der wackeligen Lehne und brabbelte irgendetwas vor sich hin.
Seine Mutter allerdings spürte Rednaxelas Anwesenheit, auch wenn ihre Augen und Ohren ihn nicht wahrnehmen konnten. Sie wurde immer kleinlauter, so als ob ihr das Verhalten ihres Jo-Jo-Jungen und auch ihre eigenen ungeduldigen Ermahnungen dazu peinlich gewesen wären. Unruhig griff sie nach ihrem Sohn, zog ihn hastig an sich, umarmte ihn und strich ihm im selben Augenblick die Haare glatt, bevor sie ihn mit sich hin zu dem wartenden Zug nahm, um einzusteigen.
Rednaxela aber lächelte sein bestoppeltes Lächeln, zog einen Flachmann aus der Innentasche seiner Anzugsjacke, nahm einen kräftigen Schluck, holte sich sein Pfeifchen aus der anderen Tasche seines Jacketts, hängte sich diese zwischen die Zähne – in den linken Mundwinkel – und fuhr mit dem Damenrad auf und davon …

© Rose Kane, Le., 05/2018

P.S. Das ist sozusagen eine „in-direkte Fanfiction“. Rednaxela ist eine Figur aus Jonathan Carrolls Buch „Schlaf in den Flammen“, also dieses Mal zumindestens vom Namen her nicht meiner Fantasie entsprungen. Wobei ich in meiner Geschichte einen indirekten „Namens- und Figurentausch“ veranstaltet habe. Aber um das nachvollziehen zu können, muss man das Buch gelesen haben.