Rattatam

Die alte Dampflock rattatamte durch den frühmorgendlichen Altweibersommer und zog einen Schwanz aus bunt bemalten, eisernen Wohnwaggons hinter sich her. In einem dieser saß Dodo mit seiner Ich-Gang und hing gemeinsam mit den anderen in den orangesamtenen Sesseln ab.
Nur das stetige Rattatam unterbrach die schläfrige Stille.

Dodos Gesicht war dem Fenster zugewandt, und die Lider seiner Augen waren halb geschlossen. Sein Kopf lehnte an der Kopfstütze, und die großen Ohrenhalter links und rechts sahen sehr bequem aus.
Die dunstige Landschaft floss in goldenen Lichtstreifen an ihm vorüber. Ihm kam es wie ein Projektionstunnel vor. Er sah abgeerntete Stoppelfelder an sich vorbeiziehen. Baumgruppen mit gelbgrünlich betupften Blätterdächern kreuzten sein Blickfeld. Hier und da auch schon kleine bis mittlere Ausreißer von Rot- bis Brauntönen. Vereinzelt waren auch Kirchtürme mit unterschiedlich großen Wohninseln drumherum zu sehen.

Es Rattatatamte in einem fort. Dodo war fast eingeschlafen …
Wann gibt es endlich etwas zu essen, hallte es durch seine Gehirnwindungen, und seine Augenlider hoben sich ein stückweit an. Er sah eine meertönig gescheckte Kuh auf einer abgegrasten Weide stehen. Ihr fleischfarbener Quastenschwanz winkte ihm zu. Und sie schleckte sich mit violettener Zunge über das Maul. Ach nein, die Zeiten haben mich verändert. Ich bin ja schon groß. Damals waren wir noch Kleinkinder, dachte er weiter. Ein Lächeln huschte über seine Lippen.

Ein besonders lautes, vor sich hin stolperndes Rattatatatam drang zu seinen Trommelfellen vor und schwang behände die Gehörknöchelchen.
Hier bin ich noch vor ein paar Monden immer ausgestiegen, kam es ihm in den Sinn.
Der Zug machte plötzlich an einem vereinsamten Bahnsteig mit verwitterter Bahnhofshalle halt. Ein verblichenes Schild hing schräg an der vernagelten Schwingtür. Betreten verboten, war mit blassroten Lettern darauf geschrieben. Die Fensterscheiben waren eingeschlagen, und ein einsames Graffiti prangte an der Frontwand des Gebäudes.
Vereinzelt standen kniehohe Knallfliegenpilze zwischen den geborstenen Steinplatten des Bahnsteiges herum. Sie schienen innerlich zu leuchten, hatten aber keine Münder. So blieb ihre Unterhaltung eine stumme.
Kein Seelenmensch mehr da, der mich kennenlernen und mögen könnte, überlegte Dodo. Sie sind alle für immer ausgeflogen, fuhren seine Gedanken fort. Ein wehmütiges Gefühl beschlich ihn und schmerzte sein Herzelein.

Es tat einen Ruck durch seinen Wohnwaggon. Die Lock stieß einen Dampfwolkenzischler aus, und ein tiefkräftiges

Pfeifen war zu hören. Der Zug nahm Fahrt auf, und rattatamte weiter.

Es verging eine gewisse Zeit.
Das Lied des ewigen Unterwegsseins und der Suche nach etwas, was man nicht fassen kann, kam es Dodo in den Sinn. So erging es mir damals oft, dachte er weiter.
Die Lider seiner Augen waren wieder halb geschlossen. Zu beiden Seiten des Waggons drang ein endloser Film aus Licht- und Schattenspielereien herein und tauchte alles in einen verwaschenen Glanz, so als ob sich die Welt noch im Halbschlaf befände …

Was macht eine Riesenspinne, wenn eine Dampflock durch ihr fußballfeldgroßes Netz rast, überlegte Dodo im Dämmerzustand. Sie stellt sich tot, zieht die Beine ein und rollt sich auf den Rücken, kam es ihm in den Sinn.
Die Bremsen des Zuges quietschten langanhaltend und laut auf. Dodo riss die Augen auf. Er sah zu beiden Seiten seines Wohnwaggons durch die Fenster ein zum Zerbersten angespanntes Netz aus fingerdicker Spinnenseide. Die Stränge vibrierten und gaben ein Summen von sich. Sie schillerten in den Facetten des prismagebrochenen Sonnenlichtes, und handtellergroße, regnerische Tautropfen schienen wie Seifenblasen durch die Luft zu schweben …

Alles stand – wie in Schockstarre – still. Nur die Tautropfen platschten hier und da zu Boden. Dodo hatte aufgehört zu atmen. Sein Herzschlag raste davon, so als ob dieser vor etwas davonlaufen müsse. Dodo war mit einem Male hellwach.
Eine kratzige, blecherne Lautsprecherstimme ließ verlauten, dass der Zug hier halte, weil die Endstation erreicht sei. Und es sollten doch bitte alle aussteigen und auch auf ihr Gepäck achten.

Das Rattatatatam noch in den Ohren stand Dodo schließlich etwas orientierungslos am Gleis. Er beobachtete die anderen Mitreisenden, wie sie mit ihren ganzen Koffern, Reisetaschen, Rucksäcken, Handtaschen und ihrer sonstigen Habe ameisengleich davon wuselten. Er war sich nicht sicher, ob dies auch sein Ziel und sein Heimatbahnhof sei. Er überlegte, ob er den Walrossschnauzer von einem Schaffner ansprechen sollte. Schließlich dirigierte dieser geschäftig die Reiseströme von A nach B des großen Bahnhofs.
Nur soll ich allen Ernstes in solch entscheidenden Fragen jemandes wildfremden Urteil vertrauen, fragte er sich. Oder soll ich nicht doch lieber auf mein Herzelein hören, überlegte er weiter …
Mechanischen Schrittes lief er an dem dicken Schnauzbart vorbei und ließ ihn links liegen. Er durchschritt zunehmend sicherer werdend die Bahnhofshalle und ließ das Getümmel hinter sich. Er wusste nun, wo er hingehörte.

© Rose Kane, Le, September 2017