Nesaul

„Neee-Saul! Das sind alles abgelaufene oder ungültige Tickets, mit denen darf ich dich nicht nach Hohlundrien transportieren lassen.“, sagte der Dengel. „Und die fünf Klöneriche reichen nicht aus für eine neue Fahrkarte. Es fehlen aber nur noch zwei Klöneriche. Vielleicht hast du ja noch welche in deinen Taschen?“, fuhr er fort und schaute sein Gegenüber fragend an.

Der Dengel trug eine knallrote Minirock-Bolerojäckchen-Uniform. Mit einer schwarzen Netzstrumpfhose, weißen, hochhackigen Stiefeln und einer schneeweißen, fast durchsichtigen Bluse. Die Uniform war an den Säumen mit Polarfuchsfell abgesetzt.

Nesaul hob müde sein unrasiertes, angegrautes Gesicht. Noch immer war er unterwegs, hin zu seinem Schatz. Er kramte tief in den vielen Taschen seines abgetragenschwärzlichen Stockman-Ölmantels. Doch er fand nur lauter Seelentand. Wie z.B. das fast blinde Stückchen Zerrspiegel, was er vor Jahren während einer seiner zahlreichen Abenteuer erobert hatte. Oder die daumengroße Kuhglocke, die er Ludmilla im Land der kleinen Leute abgeluchst hatte …
Er grunzte verzweifelt. Er wollte unbedingt sein Schätzelchen wiederfinden, überhaupt erst einmal entdecken und dann in den Armen halten. Doch es fehlten noch zwei Klöneriche bis in die Nähe seines Zieles. Sein spitzer Adamsapfel bewegte sich auf und ab, als er nicht geweinte Tränen hinunterschluckte und in den mattgrünen Samtsitz zurücksank.

„Du wirst an der nächsten Station aussteigen müssen.“, fuhr der Dengel fort, und sein braungebranntes, blondes Dreitagebartgesicht schaute streng drein. Die meterlangen Schwanenflügel raschelten auf seinem Rücken.

Das Schweigen der Waggoninsassen, was auf dieser Szenerie folgte, konnte man wie eine Überraschungstorte mit dem Messer anschneiden. Nur ein Geschwisterpärchen, ein kleines Mädchen und ein etwas größerer Junge, tuschelte aufgeregt miteinander. Sie hielten eine bunt bestickte Börse in den Händen und zankten sich darum.
Als das kleine Mädchen die Oberhand über ihren Bruder gewann, griff sie beherzt in die Geldbörse. Sie holte geschwind zwei Klöneriche heraus und reichte diese dem Dengel mit den Worten, „Hier! Für das Ticket des alten Mannes. Er sieht so traurig aus.“

Der Dengel lächelte betreten, als er das Geld an sich nahm. Trotz seiner Gesichtsbräune sah man eine gewisse Röte auf seinen Wangen erscheinen. „Tut mir leid, Nesaul“, murmelte er, „Aber am Ende muss meine Kasse stimmen.“, fuhr er fort. Dann verstaute er die Klöneriche fein säuberlich in seiner schwarzledernen Bauchtasche und drehte sich einmal um seine eigene Achse. Diesen Waggon hatte er fertig kontrolliert. Beim Hinausgehen flüsterte er, „Es gibt sie also doch noch, die herzensguten Menschengeister.“ Er drückte die Zwischentür hin zum nächsten Waggon voller Seelen auf …

Nesaul aber strahlte übers ganze Gesicht und erhob sich halb aus seinem Sitz. Er reichte dem kleinen Mädchen, was allein auf dem Mittelgang stand, seine knochigen Hände und fragte, „Soll ich dir und deinem Bruder eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen?“ Das Mädchen nickte zaghaft, winkte ihrem Bruder, es ihr gleich zu tun und folgte dem alten Mann mit zwei Schritten hin zu seiner Sitzgruppe am gegenüberliegenden Waggonfenster …

© Rose Kane, Le, 12/2017