Molochonius

der Traumfresser

Es war kurz nach sieben Uhr morgens, als Dodo – bis zum Kinn eingemummelt – in der feuchtwarmen Straßenbahn einen raren Sitzplatz am Fenster ergatterte. Die Fahrgäste standen dicht zusammengedrängt – wie die Ölsardinen in der Fischbüchse – im Mittelgang und im Eingangsbereich der Bahn.
Alles dunstete hier drinnen in seinem Michelinmännchendasein vor sich hin. Und draußen war es novembrig. Dodo hatte seine Stirn gegen die kalte Scheibe gelehnt, und schaute der schier endlosen Perlenkette aus lauter paarigen Lichtkegeln auf der regennassen Straße zu. Das erste Morgengrauen lugte hinter den finsteren Baumgerippen des Dornröschenparks hervor.

Doch es blinzelte noch etwas anderes in der Ferne zwischen der Nacktheit der emporgereckten Baumarme, -hände und -finger hervor. Eine Turmsilhouette, die von rötlich farbenen, teilweise blinkenden Scheinwerfern angestrahlt wurde. Das sah ein bisschen nach einem schlafenden Ungetüm aus.
Dieses hatte Dodo beim Vorbeifahren bisher noch nie wahrgenommen. Jetzt allerdings durchdrang er fasziniert die laublosen Baumschatten mit seinen Augen.
Er nestelte hastig an seinem Rucksack herum, um sein Spickometer, so eine Art Kaleidoskopfernrohr, was die Zeit verlangsamt und auch unkörperliche Dinge wie Geräusche und Gerüche heranzoomen und erfahrbar machen konnte, herauszuholen und mit diesem jedes Detail des Turms zu beobachten.

Als er es endlich in den Händen und sich vors linke Auge hielt, fiel ihm auf, dass die Silhouette über und über mit alten, wetterzerschlissenen Filmplakaten bepflastert war – wie eine dicke Litfaßsäule.
Sein Blick schweifte beispielsweise über die Plakatfetzen vom „Kabinett des Doktor Parnassus“.
Oder er entdeckte Reste eines Bildes der Schokoladenfabrik, die Charlie besuchen durfte, weil er eine der goldenen Eintrittskarten in einer Willy-Wonka-Schokoladentafel gefunden hatte.
An einer anderen Stelle der Turmsilhouette fand Dodo das zerrissene Plakat des Filmes „Anleitung zum Unglücklichsein“.
Unmittelbar darunter hing noch der Schriftzug aus dem Streifen „Die fabelhafte Welt der Amélie“.
Und da drunter warb der halb herabhängende verrückte Hutmacher für „Alice hinter den Spiegeln“.

So ging das munter weiter. Es folgten noch viele weitere Filmplakatreste. Und die Straßenbahn schien extra langsam den Park entlang zu zuckeln, um den Turm so lange wie möglich in Dodos Blickfeld zu halten.

Es schien fast so, als sei Dodo mit dem Spickometer am Auge eingenickt, als die Bahn quietschend ruckte. Eine wabernde Nebelhand erschien aus dem Nichts in der Szenerie, bog die nackten Baumgerippe beiseite und gab den Blick auf die rötlich angestrahlte Turmsilhouette komplett frei.

So konnte Dodo mithilfe seines Kaleidoskopfernrohrs Einblick auf den Fuß des Turms nehmen. Dort sah er einen angegrauten, verwahrlosten Bettler neben einem Kinderwagenanhänger fürs Fahrrad auf den Bordstein sitzen. Das Spickometer trug einen strengen Geruch nach gesellschaftlichem Außenseitertums herüber, und Dodo rümpfte seine Nase.
Der Fahrradanhänger war vollgepackt mit allerlei Kisten, prallen Tüten und Taschen. Obendrauf saß eine Porzellangliederpuppe mit nur einem Auge und ohne Haarschopf. Von Weitem sah es so aus, als würde sie ihm zuzwinkern.
Neben dem Bettler stand eine angefangene Schnapsflasche. In der einen Hand hielt er ein aufgeklapptes Kinderbuch, was er wie eine brennende Fackel in er Luft hin- und herschwenkte und daraus rezitierte. In der anderen Hand hielt er eine alte Zaunslatte. An deren oberen Ende war ein großes Sperrholzschild genagelt. Auf diesem Schild hatte er in groben, schwarzen Pinselstrichen, „Das ist Molochonius, der Traumfresser …“, geschrieben.

Dodo setzte kurz das Spickometer ab und rieb sich verwundert sein linkes Auge, bevor er erneut durch das wundersame Fernrohr schaute. Sein Blick war zur Turmspitze hingewandert und blieb dort hängen.
Man hatte dem Turm eine mechanische Wetterfahnenschlange auf das Dach montiert. Diese bewegte sich träge in der langsam erwachenden Novemberluft. Am Kopf der wettrigen Mechanik war ein großer Leuchtstoffröhrenmund angebracht. Der hatte volle Lippen, die in neonrot erleuchtet waren. Der Mund war weit geöffnet, er bewegte sich und sang in den Himmel hinein. Dabei zeigte er makellos weiße Neonröhrenzähne.
Dieser Singsang klang metallen und durchdrang die gesamte nördliche Hemisphäre. Der Turm namens Molochonius sandte seine Botschaft durch die pendlervollen Straßen, um die Häuser herum, in die offen stehenden Fenster hinein. Bis an ihr Ziel: Tief in die Gehirnwindungen der Menschen.
Hervorgelockt wurden all die Tag- und Nachträume. Wie nebulöse Silberfäden schlängelte sich dieser Traumstoff aus den Augen, Ohren und Nasen der Menschen dieser Stadt und all den anderen Ortschaften dieser Nordhalbkugel hin zu Molochonius gierigem Schlund. Dieser unterbrach zwischendrin immer wieder seinen Gesang. Dann spitzte er seinen Leuchtstoffröhrenmund und saugte begierig den vor ihm wabernden Traumstoff ein.

Erschrocken senkte Dodo sein Spickometer und hielt sich abwechselnd seine Augen, die Nase sowie seine Ohren zu. Leise hörte er noch das raukehlige Lachen des Bettlers zu Füßen des Turms. „Molochonius, der Traumfresser. Was für eine Vorstellung!“, flüsterte Dodo vor sich hin und rieb sich erneut sein linkes Auge.

Er würde bald aussteigen müssen, um seinen Alltagsgeschäften nachzugehen. Was er jedoch mit dem traumfressenden Molochonius alles anstellen wollen würde, wenn er denn die Gelegenheit dazu bekäme, das steht hier nicht geschrieben. …

© Rose Kane, LE, 11/2017