Meereis

Matterlaus war ein hochgewachsener Rauhaardackelbesitzer, der die Statur einer Bohnenstange hatte. Er zählte sechzig Lenze und war ein jonglierender Zahlenmensch von Beruf. Jetzt allerdings hantierte er nicht mit Nullen und Einsen und ihren Konsorten herum, sondern ging mit Bommel, seinem presswurstdicken Hundemann spazieren.
Dieser war ein träger Hundevertreter. Sein Bauch schleifte bei jeder seiner Bewegung fast am Boden der Tatsachen entlang, während seine Vorder- und Hinterläufe viel zu kurz und dünnbeinig schwach erschienen. Justament in diesem Augenblick versuchte er das linke Hinterbein zu heben und die Stelle an der groben Backsteinmauer zu markieren, schwankte dabei allerdings bedrohlich, so dass er stattdessen die Duftmarken anderer Leidensgenossen und -genossinnen, die sich schon an der großen Hundemauer verewigt hatten, beschnupperte …
Matterlaus blieb geduldigst stehen, lies Bommel gewähren und hielt die Hundeleine locker in den Händen. Währenddessen beobachtete er am anderen Ufer des Kanals de Grandelarus ein Schauspiel ohnegleichen:

Dort hatte nämlich der Schneeexpress außerplanmäßig gehalten, und fünf Zwerge waren dem Gebirgszügli entstiegen. Schwer beladen, wie es Matterlaus erschien. Denn jeder von ihnen trug ein großes Stück von der Meerjungfrau aus Eis. Einmal ausgestiegen setzten sie dieses Fischweib zusammen und stellten es auf ein kleines, eisernes Podest.
Während die Zwerge dies taten summten sie eine alte Nordmelodie, deren Text sie längst vergessen hatten, und fünf Zipfelmützen wippten unter dem azurblauen Himmel. Eine karmesinrote, namens Dengli. Eine Mitternachtsblaue, namens Dungli. Eine Sonnengelbe, namens Dingli. Eine Grasgrüne, namens Dongli, und eine Erdbraune, namens Dangli. Keiner von den Fünfen tat auch nur einen Seitenblick aufs andere Ufer des Kanals de Grandelarus, so schwer beschäftigt waren sie mit dem Errichten ihrer Meerjungfrau …

Matterlaus beobachtete das Geschehen interessiert, während Bommel weiter die Hundemauer im Rücken seines Herrchens beschnüffelte …
Matterlaus war erstaunt darüber, dass das Fischweib gar keine Schwanzflosse hatte, sondern zwei beschuppte Beine und diese wie Teleskopstangen eingefahren und vor der Brust zusammengeklappt hatte. Er fand, dass sie mit ihren zottigen Eishaaren, die ihr in einem ausgewaschenem Meeresgrün kraftlos über die Schulter hingen, traurig ausschaute. Ihre Mundwinkel lächelten jedenfalls nicht, und ihre Augen schienen in Eistränen zu schwimmen.
Das jedenfalls glaubte Matterlaus vom anderen Ufer aus zu erkennen, und es rührte ihm sein Zahlenherz. Auch die scheinbare Tatsache, dass die kräftige Frühjahrssonne dabei nichts ausrichten konnte, machte Matterlaus

seelenspürig, denn das Eis der Meerjungfrau schmolz nicht.

Die fünf Zwerge jedoch kümmerte das sehr wenig. Sie vergötterten ihr zweibeiniges Fischweib aus Eis, indem sie einen Schritt-Schüttel-den-Bart-Brummsummserum-Schritt-Tanz, immer rundherum um die Statue, vollzogen. Gelegentlich tanzte einer nach dem anderen aus der Reihe, um mit ihren langen, lilafarbenen Zungen an ihrer Meerjungfrau zu lecken und dann gen Sonne zu frohlocken …
Dies ging so lange gut, bis Matterlaus von den fünf Zwergen wissen wollte, wonach denn das Fischweib aus Eis schmecken würde.
Da rief Dangli aus, „Wie ein altes Fischbrötchen“. Dabei verzog er sein bärtiges Gesicht, und seine erdbraune Zipfelmütze wippte zustimmend.
Das ließ Dengli nicht auf sich sitzen. Er schüttelte energisch seinen karmesinrot bezipfelmützten Kopf und sprach, „Nee, die schmeckt nach Sonnenschnee.“
Woraufhin Dongli mit dem Tanzen aufhörte und somit das Schüttel-Summen-Dingsda-Gehabe vollends unterbrach. Er zog sich seine grasgrüne Mütze vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Quatsch“, brummte er, „Sie schmeckt nach gesüßtem Sternenstaub.“
Daraufhin lachte Dungli laut auf. Die Spitze seiner mitternachtsblauen Zipfelmütze kiekste ihm ins Auge, als er die Fäuste in die Taille stemmte, tief ein- und ausatmete und dazu meinte, dass sie alle unter Geschmacksverirrungen leiden würden, weil diese, ihre, Meerjungfrau nach nichts schmecken würde. Sie sei ja nur ihrer Fantasie entsprungen.

Der einzige der fünf Zwergen, der nichts dazu sagte, war Dingli. Er nahm sich die sonnengelbe Zipfelmütze vom Kopf, legte diese fein säuberlich an der Uferböschung nieder und setzte sich darauf. Er schaute zu Matterlaus herüber und blickte in dessen erweichtes Zahlenherz.
Da schnippte er mit den Fingern, und die Beine der Meerjungfrau verschwanden. Anstelle dieser wuchs ihr ein Fischschwanz. Dann erwachte sie im Wimpernschlag einer Sekunde zum Leben, räkelte sich kurz in der Frühlingssonne und verschwand schließlich im inzwischen eisfreien Kanal de Grandelarus …
Matterlaus atmete auf und würde sich zukünftig mit einem fühligen Herz seinen Zahlen widmen. Wohingegen die Zwerge, derer Fünfe, sich wieder in die Nordlande zurückzogen. Vielleicht um einen neuen Kult zu ersinnen? Wer weiß das schon …
Nur Bommel ließ das alles völlig kalt. Er schnüffelte noch immer an der – für ihn – himmlischen Hundemauer, bis sein Herrchen ihn endlich mit sich fortzog, und die Geschichte ihr Ende fand.

© Rose Kane, Le., 03/2018