Meckerlings Klöbser

Die Sonne stand niedrig am Horizont und verbarg sich teilweise hinter finsteren Wolkenschlachtschiffen. Der Wind pustete alles ordentlich durch und wirbelte das buntgefärbte Laub vor sich her.
Ganze kinderbewehrte Familien waren am Elsterflutbecken unterwegs, um die flüchtigen Sonnenfinger mit ihren alten Einkaufnetzen, die sie immer wieder wie farbenfrohe Herbstdrachen in die Lüfte schwangen, einzufangen, sich hungrig daran zu laben und für finstere Zeiten zu horten.
All diese Spaziergänger waren von Kopf bis Fuß in gedeckten Farben eingehüllt – wie die über viele Monate ruhenden Nachtfalterpuppen – um auf geneigtere Zeiten zu warten. Nur ganz wenige Menschenfarbtupfer – zumeist Kinder – waren unterwegs.

Dodo zum Beispiel. In seiner kaminrot gefärbten Bundeswehrhose mit schwarzen Batikflecken im Gewebe. Dazu trug er rote Boots an den Füßen und obenherum sein schwarzrotes Pilzies-Familie-Kapuzenshirt. Die schwarze Regenjacke bildete den windabweisenden Abschluss.
Sie bot seiner ganzen Ich-Gang Schutz und lies diese dichtgedrängt um Dodo herum da sein. So nach dem Motto: Einer für Alle und alle für einen!

Die Fee, Eckstein und er tuschelten aufgeregt miteinander. Denn sie alle sind vor einigen Tagen mit sehr gemischten Gefühlen ihrer jugendlichen Vergangenheit begegnet und haben sich dennoch – mit einigen Selbstunsicherheiten – gut unterhalten.
Und jetzt resümierten sie wie wild das Flutbecken entlang und ließen in all dieser herbstlichen Zeit eine quirlige Gedankenlandschaft aus lauter traumverwischten Erinnerungen entstehen.

Den Anfang machte eine kleine Hausbootgondel, welche Kafkas „Heimkehr“ parabellisieren sollte. Eine kaltgräuliche Szenerie, die alles mit neugierigen Geheimnissen behaftete aber kaum eine gegenseitige Annäherung (er)schuf.
Danach folgte ein quietschgelbes Bananenboot mit einer bunten Partylichterkulisse aus lauter Spielzeugfahrgeschäften, die das Lied „Frau Antje aus Holland“ zu Dodos Ich-Gang herüber plärrte.
Als Drittes kam dann Gretels bunt glasierter Pfefferkuchenhäuschenkahn ins Sichtfeld. Sie stand vor der Herzenstüre und ward umringt von lauter lachenden, mit dem Finger auf sie zeigenden Grüppchen aus kleinen sowie größeren Jüngelchen und Mädelchen. Sie alle hatten übergroße Eierköpfe auf den Schultern und ellenlange Gummiarme, und die spottenden Zeigefinger waren aus bitterer Herrenschokolade geformt, die mit Liebesperlen bestreuselt waren.
Das vierte Gefährt, was das Elsterflutbecken hinunter schipperte, gehörte einem einbeinigen Wesen, das davon träumte, zwei Beine zu haben. Dabei bemerkte es gar nicht, dass es die Kellerwände der Schule ala Keith Haring mit farbenfrohen Strichmännchen bemalen durfte und dieses mit anderen Jugendlichen auch tatkräftig tat.

So setzte sich das abwechslungsreiche Treiben auf dem Wasser fort, während Dodo, Eckstein, die Fee und seine anderen Gefährten erinnerungsbeladen mit ihrem Lebensrucksack am Ufer entlangschlenderten.
Die flüchtigen Sonnenstrahlen sollten bald gänzlich

hinter den Wolkenbergen verschwinden und den Horizont abendrötlich einfärben. Doch noch tauchten sie das herbstliche Blätterringelreihen und die halbnackte Baumkulisse rundherum in honiggoldenes Zamonienlicht.

So auch die spaziergängerlich gut bevölkerte Sachsenbrücke, an der sie vorbeikamen. ASPs „Ballade von der Erweckung“ schallte von der Parkbühne herüber.
Dort lag – mitten auf der autofreien Allee – ein dunkles Bündel und rührte sich nicht. Es war halb bedeckt vom bunten Laubchaos. Keiner der Fußgänger beachtete dieses leblose Etwas. Nur hier und da huschte ein scheeler Seitenblick zur besagten Stelle hin.

Die Fee blieb neugierig wie angewurzelt stehen und flüsterte den anderen zu, „Liegt da etwa ein Mensch?“
Eckstein runzelte die Stirn, „Natürlich! Dazu noch besinnungslos betrunken …“, empörte er sich und hielt sie am Arm zurück. Diese wollte nämlich zu diesem Bündel aus augenscheinlichen Kleidern eilen und nachschauen, ob sie vielleicht helfen könnte.
Dodo jedoch zögerte. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er den Krankenwagen mit seinem Handy rufen würde und dann auf diesen warten müsste. Und eigentlich wollte er nicht den heldenhaften Retter spielen. Dennoch gab er sich einen Ruck und näherte sich vorsichtig dem dunklen Etwas.

Je näher er diesem Bündel – mitten auf der Allee zur Sachsenbrücke – kam, desto mehr stieg ihm ein modrig erdiger Laubgeruch in die Nase, bis er sich schließlich zaudernd über dieses Etwas beugte und es zaghaft an der Stelle berührte, wo eigentlich die menschliche Schulter hätte sein sollen.
Jedoch, er erkannte ein Gewand aus tausend und abertausend perlmuttartig schimmernden Schmetterlingspuppen. Und da wo normalerweise der Menschenkopf zu finden war, saß eine dicht verknäulte Kugel aus Nebelschlieren.

Bei Dodos Berührung tat das Wesen einen tiefen Seufzer und geriet in wallende Bewegung. Es drehte sich herum, lag immer noch auf dem Asphalt und öffnete seine Augen. Von unten herauf sah es Dodos Gefährten an. Zwei schwarzviolettene, kleine Bergseen bohrten sich tief in ihre Seelen.
Dann öffnete sich ein zerrissenes Loch in der Nebelkugel und Schwärme von großen Nachtfaltern brachen aus dem Inneren des Rätsels hervor. Und es rief mit einer hohlen Grabesstimme, „Meckerling! Meckerlings Klöbser!“
Dies wiederholte sich unendliche Male, bis es Dodo endlich dämmerte …

Ein einzelner Wolkenberg hatte sich unmerklich vom Horizont losgelöst und war bis zur Stelle gesegelt, wo Dodo, Eckstein, die Fee und der Rest seiner Gefährten verweilte. Es tat aprilplötzlich einen kräftigen Schauer aus Regen und Graupel, und ein Doppelregenbogen erschien am spätnachmittäglichen Himmel.

Dodo lächelte wissend, als er und seine Ich-Gang sich leise erhoben. Sie würden vielleicht irgendwann wieder zu so einem höheren Pennetreffen eines Jahrgangs lauter Ehemaliger gehen. Trotz oder gerade wegen ihrer gemeinsamen Erinnerungen. Denn hatten diese ihn unter anderem nicht zu dem werden lassen, was er heute war? …

© Rose Kane, Le, 10/2017