Mangolia

Sie war von kleinem Wuchs und trug immer einen umgekippten Papierkorb auf ihrem Kopf. Die zusammengeknüllten Papierfetzen waren ihre Haare, und der Korb ihr Sonntagshut. Manchmal hatte sich noch eine braune Bananenschale in ihr Haupthaar verirrt. So auch heute.
Immer wenn ich ihr begegnete, hatte sie ein nachtblaues Regencape an, verziert mit goldenen Sternen. Das Cape reichte ihr bis zu den ebenso dunkelblauen Gummistiefelspitzen. Auch auf diesen fanden sich blinkende Himmelskörper. Unter dem wetterfesten Umhang trug sie einen weinroten Trainingsanzug mit goldfarbenen Streifen auf den Außennähten.

Mangolia hatte asiatisch anmutende Augen. Ihre Augeninnenwinkel und die Augenbrauen bildeten ein imaginäres Doppelspitzdach. Ihr Gesicht war ein Vollmondgesicht, und ihr Gemüt war eher kindlich gehalten.
Sie lachte viel. Und wenn sie einmal traurig war, dann lies sie den Tränen ihren ungehinderten Lauf. Ihre Lieblingsbeschäftigung war das Tanzen. Auch vor Publikum. Insbesondere dann. Sie tanzte gerne durch die Fußgängerzone und umarmte dabei wildfremde Passanten. Dann fragte sie diese meist, ob sie miteinander befreundet sein können. So auch heute.

Sie hatte ein altes Kassettenradio mitgebracht, was den „Freunde“-Song von den Toten Hosen metallisch herunterleierte. Gerade bewegte sie sich aber nicht zur Musik, sondern kniete vor dem Radio und hielt das Tape in den Händen. Ihre Wimpern waren tränenfeucht.
Ich beugte mich zu ihr herunter und tippte ihr von hinten auf die Schulter. Als Mangolia sich meiner gewahr wurde, erhob sie sich rasch, drehte sich um ihre eigene Achse

und umarmte mich in Hüfthöhe.
„Gehen wir ein Eis essen?“, fragte sie in meinen Bauchnabel hinein und überraschte mich. „Ich bin heute nur Ungeheuern begegnet.“, fuhr sie fort und steckte die Kassette in die Tasche ihres Regencapes.
„Wie das?“, entgegnete ich.
„Na, sie haben mich entweder ausgelacht.“ Mangolia griff mit der einen Hand nach dem Kassettenrekorder und mit der anderen umfasste sie meine Finger. „Oder sie haben mich grob herumgeschubbst.“
„Hm“, machte ich.
„Freundlich war heute jedenfalls niemand zu mir.“, fuhr sie fort und zog mich mit sich mit.

Wir gingen eine Weile so dahin und sagten nichts. Die Spatzen tschilpten lauthals in der Januarsonne und flogen um uns herum. Vertrauensselig setzten sie sich auf Mangolias Sonntagshut und Schultern und pickten nach ihrem papiernen Kopfhaar …

Dann fragte sie, ob es okay sei, dass man sie eine Irre schimpfte, nur weil sie etwas anders als andere sei.
Daraufhin verspürte ich eine gewisse Enge in meiner Herzensgegend und fühlte mich hilflos. Fest umfasste ich ihre kleine Hand und lies sie erst wieder los, als wir an der Eisdiele ankamen.
„Wie immer?“, fragte der Eisverkäufer, und Mangolia nickte mit dem Kopf.
Sie genoss ihr Bananen-Himbeer-Joghurteis mit Pistaziensplittern, während sie in eine Decke gehüllt, mit dem Rücken zum flüchtig wärmenden Heizpilz saß und die vorbeieilenden Menschen beobachtete …

© Rose Kane, Le., 01/2018