Mag dich

Irgendwo tat es in der Stockfinsternis einen lauten Knall und ein rotes Bühnenlicht ging schlagartig an. Konfetti tanzte durch die Luft der Rötnis eines Sonnenaufgangs oder -untergangs. Eine Traummaschine summte in einem unsichtbaren Winkel dieses Daseins und produzierte große und kleine Seifenblasen. Diese schwebten durch den Weltenraum, und es existierte niemand in diesem Wunschiversum, der sie zu fangen versuchte.

Irrtum! Da gab es ja noch Rigoletta. Aber die war dieser Tage anderweitig beschäftigt.
Sie rang gerade mit Oktos, ihrem Angstkraken. Dieser hatte sie mit seinen acht Riesenfangarmen in seine Schwitzkastenmangel genommen und machte kaum Anstalten, etwas locker zu lassen.
Selbst die pinkfarben gestrickten Angstsöckchen und die Pudelmütze, die Rigoletta in Gedanken der Krake auf den Leib imaginiert hatte, wollten nichts bewirken.
Rigoletta war noch immer von Kopf bis Fuß von Oktos Saugnapfarme umschlungen, und ihr draller Körper fühlte sich dabei an wie eine Presswurst in einem viel zu eng geratenen und unerbittlich geschnürten Korsettschlauch.

Dennoch war es ihr irgendwie gelungen eine aberwitzig lange Straußenfeder hervorzuzaubern. Sie hielt diese zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer linken Hand, die lugten gerade noch aus den liebevollen Krakenumarmungen hervor, und kitzelte damit Oktos kopfigen Leib. Seine regenbogenfarbenen Telleraugen blinzelten.

„Drück nicht so fest zu! Ich bekomme sonst keine Luft mehr.“, meldete sich Rigoletta zu Wort.
Der Angstkrake summte sonorisch vor sich hin. Eine Kinderliedmelodie, die ihr unbekannt war.
„Weißt du“, sagte Rigoletta, „das hört sich jetzt bestimmt merkwürdig an. Aber ich hab dich lieb.“
Ihr Untier summte noch immer, lockerte jedoch seine Umarmungen nicht.
„Wie gefallen dir eigentlich meine angstgestrickten Söckchen und die Pudelmütze, die ich dir geschenkt habe?“, versuchte sie ihr Unwesentier in ein Gespräch zu verwickeln.

Oktos hörte auf zu brummen. Können Kraken lachen? Er schien es jedenfalls zu tun.
„Zumindest kommen meine Gaben von Herzen.“, flüsterte Rigoletta.
Der Riesenkrake summbrummselte wieder sonorisch vor sich hin – wie die frühkindliche Echolalie einer kaputten Schallplatte.
Nichts.

Rigoletta hörte nicht auf, ihre hausgemachte Angstkrake mit ihrer Straußenfeder zu kitzeln. Sie tat es wie die Stubenfliege, die immer wieder zum Ort ihrer Begierde zurückkehrte und dabei nie von der Fliegenklatsche erwischt wurde. Denn dafür hätte ihr Unwesenkrake den Griff zumindest eines seiner Riesenfangarme lockern und nach der Ursache des Kitzelns greifen müssen.

„Du bist ein hartnäckiges Wesen.“, stellte Rigoletta nüchtern fest. Sie fuhr fort, „Kannst du dir nicht vorstellen, wie es wäre, mit mir Hand in Hand über meinen Drei-Käsehoch-Mond zu flanieren und miteinander zu plaudern?“
Oktos unterbrach erneut seine gesummte Kindermelodie und lachte auf. Seine acht Tentakelarme schienen ihre

Umarmung ein wenig zu lockern.
„Und wenn du mir ein bisschen Raum zur Selbstentfaltung lässt, das wäre für uns beide ziemlich-sehr entspannter“, fuhr Rigoletta fort. „Ich tanze schon nicht gleich Polka auf deinem kopfigen Leib.“, fügte sie hinzu.

Wieder lachte der Angstkrake auf. Einer seiner Fangarme kringelte sich tatsächlich aus der beklemmenden Umarmung und wedelte nach der Straußenfeder.
Rigoletta lächelte siegesgewiss. „Hast du schon einmal Boccia gespielt? Ich nicht, tät das aber gerne mal mit dir ausprobieren.“
Oktos sonorte, „Kluges Kind! Du willst doch nur, dass ich dich loslasse …“
„Was spräche denn dagegen?“, fragte sie.
„Nichts.“, sagte der Riesenkrake.
„Pass auf!“, sie zwang sich, so tief wie möglich Luft zu holen. „Wir spielen gemeinsam dieses Spiel. Und wenn ich gewinne, dann versuchen wir mal in Friedlichkeit miteinander zu koexistieren. Ist das nicht eine Chance, oder ist das keine Möglichkeit?“

Der Riesenkrake löste den zweiten Fangarm aus seinen Umarmungen und versuchte die Straußenfeder zu fangen. „Und was ist, wenn nicht du, sondern ich gewinne?“, wollte er wissen.
Rigoletta schluckte. Ihr Mund war staubtrocken. „Diese Variante ziehe ich erst gar nicht in Betracht.“, fuhr sie mühevoll fort. Sie schwitzte aus allen Poren, und die Straußenfeder glitt ihr aus den Fingern.

Oktos fing die Feder auf und spielte damit. Er lockerte seine Umarmungen um Rigoletta noch ein bisschen mehr. „Meinst du, mir macht das Freude, dich zu drangsalieren?“, fragte er traurig.
Sie schüttelte den Kopf.
„Weißt du, ich will nur meinen Raum haben zum Dasein, genauso wie du zum (Auf)Atmen.“, fuhr der Krake fort. „Dass ich dabei deine Angst bin, macht mich sehr unglücklich“, brummte er. „Ich wäre viel lieber dein Mut oder deine Freude oder irgendetwas anderes positiv besetztes. Glaub mir!“
Rigoletta fröstelte. „Aber du bist nun mal meine Angst. Daran ist nicht zu rütteln.“, sagte sie leise.

„Ja.“, entgegnete Oktos ihr. Er hatte inzwischen – bis auf einen – all seine Tentakelarme von ihr gelöst, und er spielte Ping Pong mit der Straußenfeder.
Rigoletta tätschelte einen seiner Riesenfangarme und zupfte an einem der Angstsöckchen. „Eigentlich bist du doch ein sinnvolles Gefühl, solange man dich nicht gewaltvoll irgendwo mit der alles fesselnden Ich-mag-dich-Faust einpferchen will, um dich an deiner Existenz zu hindern.“, überlegte sie vor sich hin. „Wenn ich dich sein lasse, wie du bist, dann vergewaltigen wir uns nicht gegenseitig, und du gewinnst nicht so viel Macht über mich und mein Leben.“, sinnierte sie weiter.

Hätte Oktos einen Kopf gehabt, so hätte er jetzt genickt. Stattdessen ließ nun auch der letzte Fangarm Rigoletta los. Seine Stimme sonorte, „Ich war noch nie auf deinem Trabanten. Du hast mich neugierig gemacht. Lass uns einen Ausflug dorthin machen!“
Rigoletta kicherte und nahm Oktos bei einem seiner Fangarme. Dann kurbelte sie am Wunschiversum, um sie gemeinsam dorthin zu bringen. …

© Rose Kane, Le, 11/2017

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magdich - angst III

magdich – angst III

rubrik: gefuehlsbilder
hintergrundbeschallung: die toten hosen – angst
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infos: le, 2013