Mäandalus

Dandalus-wandalus …, schande über mich, dachte Dodo. Das ist mal ’ne Frau, sickerte es durch seine Hirnwindungen, als er Mäandalus zum ersten Mal zu Gesicht bekam.
Mäandalus war die Rubensweiblichkeit einer Göttin, mit einem Oktopus als Kopf und bodenlangen Flügeln anstatt von Armen. Sie wartete in einer Kuppelhalle, auf einem Teppich aus erdig braunem Samt, und neben ihr ruhte ein ein-Meter-langer, sehr schwarzer – mit violetten Punkten versehener – Raupulus ab. Seine Mahlzähne käuten seine langsamen Gedankenströme wieder, und sein fleischiger, dicker Leib war bespickt mit grasgrünen Stacheln, die sich gegenseitig Gewitterfunken zu sprühten, wie ein physikalisches Experiment.

Mäandalus stand Dodo gegenüber und hypnotisierte ihn mit ihren Oktopusfangarmen, die rhythmisch herummäandrierten und einer nicht hörbaren inneren Musik folgten. Sie summte mit Grabesstimme. Und Dodo kam es in den Sinn, sich vor ihr splitterfasernackt auszuziehen, und das tat er dann auch …

Die Innenseite des Daches wurde von irgendwoher am Boden mit Bildfrequenzen eines organischen Gewebes aus Augengesichtern vieler Raupulusgeschwistern projiziert, das sich ständig in Bewegung und Veränderung befand und mit Abermillionen von brennenden Gaskügelchen beleuchtet wurde.

Dodo stand wie angewurzelt vor Mäandalus und bedeckte schüchtern seinen Busen und seine Vulva mit den Armen und Händen. Er fühlte sich innerlich entblößt, und war peinlich berührt von seinem eigenen Frausein.

Mäandalus jedoch streckte ihre Flügel nach Dodo aus, umfing seine Nacktheit mit ihren kräftigen Schwingen und zog ihn an sich. Ihre acht Fangarme umkringelten und umspielten mit ihren Saugnäpfen seinen Körper. Er schloss dabei die Augen und fühlte die herannahende Metamorphose seiner eigenen Leiblichkeit.

Als Mäandalus mit ihrem Wirken geendet hatte, schob sie Dodo von sich weg, zauberte einen großen ovalen Spiegel aus dem Nichts hervor und hielt ihm diesen vor sein Antlitz.
Er staunte nicht schlecht. Sein nackter Körper hatte sich zum Mannsein gewandelt. Seine Vulva war nun ein männliches Geschlecht, und er hatte keinen Busen mehr. Hier und anderswo sprossen vermehrt störrische Härchen auf seiner Haut. Sein Kreuz war breiter als vorher, und insgesamt war sein Leib etwas muskelbepackter.

Dodo trat einen Schritt zurück, nahm einen kräftigen Atemzug Luft in sich auf, drehte sich einmal um die eigene Achse und lachte aus tiefstem Herzen …

Er kicherte noch immer, als er sich aus seinem Schlaf entrang und langsam realisierte, wo er war, und wer er war. Müde rieb er sich seine verklebten Augenwinkel und erhob sich und kletterte von seinem Hochbett herunter. Als er im Flur vor den Garderobenspiegel trat, blickte ihn ein Wesen mit Busen und spärlichem Damenbartansatz und unrasierter Vulva entgegen. Das war eine unumstößliche Realität.
Dodo fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, so als ob er seinen reell existierenden Körper ausziehen und einen ideell Anderen anziehen wollte. Dann machte er eine neunzig-Grad-Kehrtwendung und verschwand schlussendlich im Bad.

© Rose Kane, Le., 05/2018