Krakarax & Desdemonia

Es war Samstagvormittag. Ein Allerweltsvormittag. Eigentlich. Doch nicht für Dodo. Er stand inmitten seiner ungeputzten Wohnung und überlegte, wo er und vor allem wie er anfangen sollte. Er wollte der fünfmondigen Putzflaute endlich ein Ende setzen …

Seit seiner Trennung von der Mondsichelgesichtigen war er jede freie Minute kreativ gewesen und hatte das leidliche Putzthema einfach weit von sich geschoben.

So stand Dodo in seinen vier Wänden, betrachtete die großen Staubflusen in den Ecken. Das total versüffte Toilettenbecken hatte er schon über Nacht mit dem WC-Reiniger eingeweicht. Da half auch kein Fantasieliebesperlengeplauder mehr …
Peu a peu hatte er sich in den letzten Tagen etappenweise an dieses Thema herangetastet. Weil das Ganze in ihm sozusagen alte Versagens-Säufer-Ängste wach rief und er sich mit seinem Vergangenheits-Ich konfrontiert sah. Immer, nach jeder längeren Herumschlunz-Nichtputz-Phase, war das so. Das hatte er selbst nach zehn Jahren Trockenheit noch nicht auflösen können.

Sein Kopf war voller lauter Gedanken – wie ein misstönendes Orchester ohne einen guten Dirigenten. Er musste an die Mondsichelgesichtige denken, und er sah vor sich nur den gefühlten Riesenberg an Arbeit …
Er hatte seinen Bügelkopfhörer auf den Ohren. Der neue MP3-Player steckte in der Seitentasche seiner alten Bundeswehr-Putz-Hose. Und seine Seelenmusik war bis zum Anschlag aufgedreht.

„You will follow me down“ von Skunk Anansie erklang gerade aus dem Kopfhörer in Dodos Gehirn hinein, als er eine krächzende Stimme an seinem linken Ohr wahrnahm.
„Du wirst mal nie ein zufriedenstellender Putzsklave sein“, sprach diese.
Dodo zuckte erschrocken zusammen und lies beinahe das Staubsaugerrohr fallen. Er war daran gewöhnt, dass seine inneren Ich-Instanzen mit ihm sprachen. Aber eine wildfremde Stimme? Aus heiterem Himmel? …
„Wer bist du?“, fragte er und blickte nervös auf seine linke Schulter.
„Ich?“, ertönte erneut die Stimme heiser und ein Kolkrabe erschien plötzlich auf Dodos Schulter, so als ob ein Blitzskribbler diesen in einem Bruchteil einer Sekunde mit einem Fingerwisch gezeichnet hätte.
„Ich bin Krakarax. Eigentlich bin ich ein weißer Rabe, wurde aber der lieben Mode wegen von den Göttern mit schwarzer Tinte eingefärbt.“
„Aha …“ Dodo war nicht wohl dabei. Er kämpfte immer noch mit seinen Ängsten, obwohl er schon fleißig mit dem Staubsauger zugange war und Eckstein mit seinem Gedankenkonstrukten, wie er was tun sollte, erfolgreich in seine Schranken verwiesen hatte.
Er sah sich, wie er in seiner alten Behausung mit einer gebrauchten Zahnbürste versuchte, über dem Schimmel in den Fliesenfugen seiner Duschkabine Herr zu werden. Und er beobachtete sich vor seinem inneren Auge, wie er total betrunken in der Ecke seiner Küche kauerte und sich am liebsten in den dunklen Fugen des verdreckten Fliesenfußbodens versteckt hätte, als es an seiner Wohnungstür klingelte.
„Vielleicht will ich gar kein Putzsklaven sein? Noch nicht mal ein schlechter …“, fuhr er gepresst fort. Er konzentrierte sich darauf, auch ja jedes umherwirbelnde Staubflüschen mit der Staubsaugerbürste einzufangen.
„Stimmt. Das willst du nicht.“, fuhr der eingefärbte Rabe fort. „Deswegen bin ich dir auch nicht erschienen.“

„So, weswegen denn?“, fragte Dodo artig. Ihm war warm. Er hatte seine Putz-Fleece-Jacke bereits ausgezogen und über die Bürostuhllehne gehängt.
„Wegen Desdemonia.“, übertönte der Kolkrabe Dodos Seelenmusik und sein unstimmiges Gedankenorchester. Der Player spielte gerade „Blind“ von Korn.
„Hä?“ Dodo hielt kurz inne, um zu Atem zu kommen. Er überlegte, ob er einen Schluck von seinem inzwischen kalten Krümel-Milch-Kaffee nehmen sollte. „Wer oder was ist das?“, wollte er von Krakarax wissen.
„Die vom Schicksal verfolgte.“, erwiderte dieser.
„Die was?“, fragte Dodo irritiert. Er hatte das Staubsaugerrohr kurz abgelegt, um von seinem Kaffee zu nippen.
„Deine exotische Mondfrau. Sie begleitet dich seit vielen Jahren. Ich bin ihr Bote, sozusagen ein Götterbote und soll dich zu ihr geleiten.“, sagte Krakarax weiter.
Dodo, „Hmmmte“. Die Kopfhörer gaben gerade „Funky Shit“ von The Prodigy wieder. Und er fragte sich tatsächlich, ob er gerade high war …

Der Staubsauger gab von einem Augenblick zum anderen ein lautes Puffgeräusch von sich, verteilte eine dichte, große Staubwolke im Raum und hüllte Dodo und Krakarax darin ein …
The Prodigy crossoverten noch immer „Funky Shit“, als sich die Wolke aus Dreck langsam lichtete …
Dodos Wohnung war verschwunden. Stattdessen befand er sich mit Krakarax in einer Nebelsuppe aus wabernden Schattengestalten. Nur hier und da lugte eine blaugraue Baumgerippelandschaft und der violettschwarze Nachthimmel hervor. Es war wie der endlose Reigen längst vergessener Geister. Sie lockten Dodo, ihnen in die Abgründe zu folgen.
Doch Krakarax krächzte nur, „Nicht!“
Am milchsuppenverwischten Rande dieser schlummernden und bizarren Landschaft prangte ein großer, in roten und pinknen und violetten Farbtönen flimmernder Trabant hervor, wie eine himmelsgroße Leuchtboje.
Das sah, wenn man die Augen zusammenkniff und etwas schielte, ein bisschen so aus wie der Blick auf eine dieser Wackelkarten, stellte Dodo erstaunt fest. Seine Vergangenheitsangst war wie weggeblasen, und er war neugierig, auf das, was jetzt kommen würde. Krakarax zupfte ihm am linken Ohr. …

Dodos Gehirn war erfüllt von Veljanovs tragender Stimme. Er sang gerade „Return“, einen Deine-Lakaien-Song, als Dodo von einem grauen Wesen mit geschwungenen, drachenartigen Lederflügeln auf Kniehöhe angeschrien wurde. Es war plötzlich aus einer der Nebelschwaden aufgetaucht.
„Willkommen auf Erdemoniagraumulus, dem Tor zu Desdemonias Welt, deinem Schicksal.“, erklang eine überraschend sonore Bassstimme.
Dodo neigte seinen Kopf nach unten, um zu sehen, wer ihn da gerade angesprochen hatte. Dabei kramte er nach seinem MP3-Player, um die Musik leiser zu stellen. Er sagte aber keinen Ton.

„Ich bin Gnomnomufux, der Wärter hier.“, antwortete das kleine Wesen mit einem breiten Lächeln. Und seine gelben, wackeren Backsteinzähnchen kamen zum Vorschein und sahen gar nicht gefährlich aus.
Neben ihm „Hmpfte“ es unverständlich.
Ein glattrasiertes Sahneschnittchen von einem Mann stand neben Gnomnomufux. Anstelle von Füßen war da ein bunt mosaizierter, alter Blumentopf zu sehen. Das fiel Dodo als erstes ins Auge. Und dieses wohlgestaltete, männliche Wesen hatte eine Lederweste, Lederchaps und einen ledernen Slip an. Die Chaps waren bis zu den Knien mit Lederbändern zugeschnürt. Auch trug der Fremde einen Ballknebel, lederne Handfesseln, Armstulpen und ein Halsband. Und seine Glatze war mit einer Schirmmütze bedeckt. Um seine verschnürten Beine schlang sich zusätzlich noch eine Schling-Kletter-Pflanze.
Ein sehr muskulöser Leatherboy, dachte Dodo süffisant. Mit dem tät ich mich gerne mal vergnügen, sickerte es weiter durch seinen Kopf …
Gnomnomufux räusperte sich, „Das ist Leopold. Mein ganz persönliches Sexblümchen. Stets willig und mir immer zu Diensten.“

Krakarax krächzte laut auf, „Der ist nichts für dich. Zuallererst musst dudeine Prüfung bestehen, indem

du Desdemonia begegnest. Dann sehen wir weiter …“

Dodo musste schlucken. Irgendwoher wusste er, dass er den sicheren Boden vom nebelversunkenen Erdemoniagraumulus verlassen musste, um mit dem Luftikusfliegurus hinüber zu Desdemonias Trabanten zu reisen, und ihm stockte der Atem.

Krakarax knabberte liebevoll an seinem Ohrläppchen. „Das schaffst du!“, krächzte er, „Du musst doch nur dir selbst begegnen.“
Dodo glaubte, ihn lachen zu hören, und er fragte sich, ob Kolkraben das können …

Gnomnomufux zupfte Dodo am Ärmel. „Folge mir bitte. Der Luftikusfliegurus ist startklar, hat seine Nebelscheinwerfer sowie die Schlussleuchte geupdatet und wartet schon auf dich.“
Dodo zögerte. Plötzlich erschien ihm die bizarre Baumgerippelandschaft von Erdemoniagraumulus als besonders heimelig. Er wollte hier nicht weg.
Seine Ohren waren mit Marilyn Mansons Lied „The Fight Song“ ausgefüllt, als er ein wenig wackelig in den Knien in das Lufttaxi stieg.

Der Flug dauerte nur wenige Minuten, als Dodo schließlich auf dem Mond Desdemonia ankam …
Die roten und violetten und pinknen Farbtöne waren hier so grell flimmernd, dass Dodo seine Sonnenbrille aus den tiefen Seitentaschen seiner alten, schwarzen Bundeswehrhose zückte und sich auf die Nase schob.
Er war in einem Gemälde gelandet, wie es ihm schien. Alles war in Rot, Pink und Violett gehalten. Inmitten einer menschenleeren, kraterigen Mondlandschaft stand ein langer Tisch, gedeckt mit allerlei Speisen und Getränken. Acht Stühle waren um diese Tafel gereiht, aber nur bei zweien, jeweils an der Stirnseite des Tisches, waren auch Gedecke hingestellt worden …
Dodo wusste nicht, ob er eingeladen war, sich zu setzen und zu speisen. Außerdem fand er es unhöflich, nicht auf seine Gastgeberin zu warten.

Sein Player spielte gerade das „Buch des Vergessens“ von ASP, und er fragte sich, was er hier eigentlich sollte. Mal abgesehen von seiner kurzen und intensiven Zweisamkeit mit der Mondsichelgesichtigen lebte er schon seit vielen Jahren asexuell und hatte – trotz allem – ein sehr ausgefülltes und zufriedenes Leben.

Warum sollte er also seiner exotischen Mondfrau und sich selbst begegnen wollen, überlegte er …
Neugierig war er trotzdem. Irgendwie hatte er keine Vorstellung darüber, wie seine Traumfrau, Desdemonia, aussehen würde.
Und so blieb er neben Speis und Trank stehen und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten …, während er an seinem MP3-Player herumnestelte. Dieser spielte gerade „Omnia Sol Temperat“ von In Extremo, als er verwundert feststellte, dass im Prinzip alles, sogar das Essen und die Getränke, auf diesem Trabanten mit einem silbern glitzernden Staub bedeckt war.

Dodo fragte sich, ob er diesen Glitzerstaub mitessen müsse, als er am Horizont eine Farbverschiebung ins Schwarz wahrnahm. Eine unsichtbare Hand hatte eine Himmelstüre aufgetan, und Desdemonia, die Hausherrin, trat in die Szenerie hinein …
Sie loderte wie das Sonneneruptionsfeuer auf, und die Mixtur aus Rot, Pink und Violett sprengte Dodos Sonnenbrille. Er musste seine Augen schließen und versuchte durch seine abgedunkelten Gläser zu blinzeln. Doch erfolglos. Desdemonias Abglanz machte ihn blind, und so vertraute er auf sein eilig pochendes Herz.

Es verging nur ein Wimpernschlag an Zeit, als sie unmittelbar vor Dodo stand und ihn mit ihrem pulsierenden Strahlenkranz umfing. Ihm wurde warm ums rasende Herz. Seine Hände schwitzten, und er musste schlucken.
„Hast du Hunger?“, fragte Desdemonia, „so setz dich und iss von den Kostbarkeiten.“
Dodo schüttelte nur aufgeregt mit dem Kopf. „Du bist also meine Traumfrau?“, fragte er blind ins ihn umarmende Farbfeuer hinein. „Machen wir jetzt BDSM?“, fuhr er ungeduldig fort.
Desdemonia lachte auf, „Zuerst begegnest du dir selbst und dann wird dir deine Phantasie den Weg weisen“, entgegnete sie Dodo und umschlang ihn sanft mit ihren Eruptionsarmen.

Dodos Kopfhörer knackten und schnarrten ganz laut. Die Seelenmusik hatte plötzlich ein Ende, und es gab Sternenmusik der Nasa-Sonde Voyager auf die Ohren …
Dodo fühlte sich nackt und klein und mutterseelenallein. Er spürte seine alte Säuferangst tief in sich drinnen, wie sie an ihm nagte, seinen Mut zernagte und ihn lähmte. Er sah all die nicht gelebten, zerronnenen Jahre vor sich aufgetürmt als nutzloser Haufen alter Ton-, Glas- und Porzellanscherben.
Er sah aber auch sein unerschütterliches Kämpferherz. Er sah sich selbst, wie er den Scherbenhaufen um sich herum Stück für Stück zu einem wunderschönen, bunten Wandmosaik klebte, mit lauter Blumengesichtern und Fabelwesen drinnen. Und er wusste, dass ihn das geflügelte Nashorn nie verlassen würde.
Das laute, misstönende Gedankenkonzert hatte ein Ende. Dodo hörte nur noch die Sternenmusik durch sein Gehirn rieseln. Er war ganz ruhig, und Desdemonia wärmte ihn innen wie außen. Ihr Licht drang in jede von Dodos Poren und Körperöffnungen. Es füllte ihn komplett aus und tauchte ihn in ihre pinknen, roten und violetten Farbtöne. Er schwebte in einem Kokon aus Licht …

Er sah sich und Klara, wie er sie mit Seilen ein- und verschnürte, es zumindest lachend mit seinen zwei linken Händen versuchte und wie sie sich dabei selbst in ein apfelgrünes Schlangenseil verwandelte und ein heilloses Wirrwarrknäuel stiftete. Sie hatte ihn ja vorgewarnt, dass sie nicht für seine Erotik bestimmt sei …
Er sah sich mit Julius, seinem Zofenschwanzmädchen, auf der Sommer-Party-Wiese, wie Julius ihm die Fußnägel blau lackierte und schließlich noch eine Verwöhn-Nacken-Massage verpasste. Er hatte Julius bewusst in ein weißes Latexkleidchen mit pinkfarbenen Pünktchen gesteckt. Die fliederfarbene Latexrüschenschürze und die dazu passenden halterlosen Netzstrümpfe sowie die orangefarbenen Plateaustiefel waren aufeinander abgestimmte Accessoires. Während Julius ihn verwöhnte, hatte er untenherum nichts an. Julius schämte sich dafür, und doch macht es ihn geil …
Dodo sah Paula, wie sie dem charmanten aber selbstunsicheren Gothic mit ihrem Klappmesser ihre Telefonnummer in die haarlose Brust ritzte. Er spürte, wie ihn Paulas frivole Art anmachte. Und er erinnerte sich noch sehr gut an ihre Fummelei im Clara-Zetkin-Park. Ach, das waren noch Zeiten …, dachte er. Er vermisste sie und ihr Vampirzähnelächeln sehr.
Er sah sich und seine Fee, wie er sie vor Jahren bei einem nächtlichen Flug mit dem Papierflieger in der Passagierkabine ohrfeigte, wie er ihr befahl, sich selbst zu befriedigen und wie sie sich anfänglich genierte. Er sah sich, sie mit dem Gürtel malträtieren und fühlte am Ende wieder ihre Umarmung und ihre nackten, großen Brüste.
Und schließlich sah er, wie ihn die Mondsichelgesichtige mit verbundenen Augen blind durch den Raum führte, wie er ihr vertraute, wie sie vorsichtig seinen Körper erkundete und ihn mit dem Flogger spielerisch streichelte.

Die Voyager-Sternen-Musik verklang langsam in Dodos Ohren, und Desdemonias Licht zog sich ganz allmählich zurück. Der MP3-Player verstummte komplett.

Die freundliche Märzsonne schien ihm ins Gesicht. Ausgelassene Sonntagsspaziergänger flanierten an ihm vorbei, während er auf einer Bank saß. Mit dem Smartphone in der Hand schrieb er eine Email an seine neue Herzensflamme. Nebenbei beobachtete er die Jugendlichen auf der anderen Kanalseite, wie sie herumflachsend am Landungssteg saßen und in den Tag hinein lebten …
Er hatte das Angsttal durchschritten und seine Wohnung fertig geputzt. Er fühlte sich wie ein Kind, dass einen bunt bemalten Luftballon in die Lüfte steigen lies. Vielleicht ein bisschen traurig, weil er nun endgültig losgelassen hatte, aber dennoch beschwingt und frei.

© Rose Kane, Le, März 2017

mysterisch

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hintergrundbeschallung:
weltausstellung – sprung aus der rille I

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infos: le, 2017