Krac-h-ell

„// Mach hoch die Tür, das Tor macht weit. / Es kommt die Krac-h-ell in Herrlichkeit. / Sie ist das Gewissen aller Seelen, / die Königin der reinen Herzen. / Reelle Farben sind ihr Metier, / so malt sie Mensch und Getier, / so heilt sie Leben, Wunsch und Träume / und sammelt Totholz unter den Bäumen, / um zu zündeln an dem Lagerfeuer deiner Seele. //

 // Mach hoch die Tür, das Tor macht weit. / Es kommt die Krac-h-ell in Herrlichkeit. / … //“,

summte es durch meinen Kopf, als ich darüber nachdachte, was Heldonius Hinkebein für ein Mensch sein könnte und was es mit Krac-h-ell auf sich haben könnte.

Kennen sie Krac-h-ell? Ich schon …
Krac-h-ell war beziehungsweise ist eine Gesichtsbommel. Die machte sich seit einiger Zeit immer dann auf Heldonius Hinkebeins Nase breit, wenn er das Flunkern begann.
Und Heldonius Hinkebein flunkerte sehr, sehr oft. Er war ein wahrer flunker-re-icher Meister. Und, ich weiß nicht mehr seit wann, aber Krac-h-ell tauchte ab einem unbestimmten Zeitpunkt immer dann auf, wenn er dies tat …
Sie bommelte dann auf seiner Nase herum und färbte diese glührot. Auch ließ Krac-h-ell sie in die Länge wachsen – je nachdem wie groß die vorausgegangene Flunkerei gewesen ist.

Dabei quiekte sie herzergreifend, „Lügen haben rote und lange Nasen!“, rückte Heldonius Hinkebein bis kurz vor die Stirn und tippte ihm mit einem ihrer Flauschfäden an die linke Augenbraue, so dass dieser schielen musste, um sie noch im Auge behalten zu können …

Niemand außer Heldonius Hinkebein und natürlich ich, werter Leser, sahen und hörten diese Krac-h-ell. Doch das genügte schon …
Heldonius Hinkebein hatte sich irgendwo in dieser Welt mit Krac-h-ell infiziert, und seitdem fielen die Kartenhäuser seiner Flunkereien schon in der ersten Etage zusammen. Auch fühlte er dabei einen nagenden Zweifel, ob und wieso überhaupt und weil und vielleicht ja auch nicht.
Er wusste nur, dass er immer ein Held sein wollte, aber eigentlich gar keiner war. Ihm war auch klar, dass er nur seine eigene, kleine Welt hegen und pflegen und liebhaben wollte, doch irgendwie war ihm das nicht vergönnt.
Stattdessen war er in den letzten Jahren zumindest innerlich durch sein Leben gehinkt, wie ein angeschossenes Reh, und hatte für andere und ganz vor allem für sich selbst nur den Schein um des lieben Scheines wegen aufrechterhalten.

Und jetzt besaß er eine Nasenbommel namens Krac-h-ell, die ihm seine reichen Flunkereien madig machte …
Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, wie es sich anfühlte, nur er selbst zu sein …
Was für ein Abenteuer!

© Rose Kane, Le., 02/2018

spitzentanz

spitzentanz

rubrik: gefuehlsbilder
hintergrundbeschallung: auf die spitze getrieben
tags: aufdenpunktgebracht, balanceakt, punkttanz, aufmessersspitze, spitzentanz, eskönnteauchschiefgehen, sollichdasgleichgewichtverlieren, waspassiertwennichdanebentrete, abwägen, geisteshaltung, geistbeherrschung, …
infos: le, 02/2018