Kompliziert

Die Luft roch nach Ozon, und finstere Wolkengebirge zogen über den Abendhimmel. Schwere Regentropfen klatschten auf das tränennasse Kopfsteinpflaster, während Dodo auf dem Rinnstein hockte und den Kopf auf seine an den Oberkörper herangezogenen Knie gelegt hatte.
Ein feuerroter Stelzenvaterich – mit einem grobstolligen Fahrradmantel um die vertikale Körperachse – stakste mit seiner meergrünen Stelzenfraulichkeit, die ein fünfköpfiges Lochnessungeheuer mit einem meterlangen Schwanz gewesen ist, die Straße entlang.
Doch Dodo bemerkte diese Paarlichkeiten gar nicht. Seine Fee saß neben ihm auf dem Bordstein und hatte ihren Arm um seine Schultern gelegt.

„Tut weh, was?“, bemerkte sie leise.
Dodo, „Hmmmte“, schwieg ansonsten aber. Er kratzte sich am gedankenschweren Kopf.
„Ich weiß.“, flüsterte die Fee und strich ihm sanft über den Rücken.
„Nichts weißt du!“, brummte Dodo und versuchte etwas von ihr abzurücken. Allerdings erfolglos. „Ich hab’s gründlich verkackt.“, fuhr er müde fort.
„Das glaube ich nicht.“, meinte die Fee bestimmt.
„Doch! Ich habe meinen Wunschtraum mit der Realität verwechselt.“, grummelte Dodo leise in seine Knie hinein.
„Na, das musst du halt noch ein bisschen üben.“, entgegnete die Fee freundlich.
Dodo schnaubte.
„Ich will lieber wieder asexuell sein, dann kann mir keiner

was.“, sagte er leise. Tränen liefen seine Wangen hinab.
„Du hast Angst!?“, stellte die Fee fest und hörte nicht damit auf, mit ihrer Hand über Dodos Rücken zu fahren.
„Na, magst du denn diese Gefühlsachterbahnen gern?“, fragte Dodo seine Fee und legte ihr den Kopf auf die Schulter.
Die Fee, „Hmmmte.“ Nach einer Schweigeweile sagte sie, „Ich gebe zu, das überfordert nicht nur dich.“

Die dicken Regentropfen prasselten auf sie hernieder, und entfernt war ein Grollen zu hören. Am anderen Ende des Himmels durchdrang die Abendsonne die Wolkengebirge und schob diese beherzt auseinander. Ein Regenbogen überspannte die finstere Talstadt.

„Bordolina soll das Hexchenporträt nicht weitermalen. Sagst du ihr das bitte?“, flüsterte Dodo und schob sein nasses Haar aus der Stirn. „Sie schafft es einfach nicht, im Realismus zu bleiben.“, fuhr er nachdenklich fort.
Die Fee nickte.
„Und ich will nicht, dass das Hexchen zu etwas gemacht wird, was sie real gar nicht ist.“, sprach Dodo weiter. Dann erhob er sich mühsam von dem Rinnstein und half seiner Fee auf.
„Wird sie deine Muse bleiben?“, fragte die Fee vorsichtig.
Doch Dodo zuckte mit den Schultern.

Hand in Hand schritten Dodo und seine Fee dem Sonnenuntergang entgegen. Der Regenbogen war ihr Baldachin.

© Rose Kane, Le., 05/2018