Knüllerich

Tunixgut stand inmitten eines Schneegewitters stocksteif da und fühlte sich wie von starken Gummiseilen eng umschlungen.
Er war wortlos, obwohl sein Innerstes schier zerbarst vor Eindrücken und Gedanken. Und es war ihm so, als seien seine Lippen mit zarten Gummibändern zugenäht.
In seinem Lustig-lustig-mach-Kostüm fror er bitterlich, so dass er mit den Zähnen rhythmisch klapperte und seine Gehirnzellen bis zu den Schläfen hin und direkt unter der Schädeldecke an Ort und Stelle hüpften.

Dann tat es einen unmittelbaren Donnerschlag über ihm. Und Tunixgut standen die Haare zu Berge. Er fiel wie ein Brett hintenüber in einen großen Haufen aus feuchtem Schnee.

Plötzlich hatte sich seine äußere Starre gelöst, und er machte einen auf Schneeengel.
Er ruderte wie ein wildgewordener Hampelmann mit Armen und Beinen in dem weißen Etwas. Seine Augen öffneten und schlossen sich im Takt der Bewegungen seiner Gliedmaßen. Und er erblickten Legionen von

Schneehühnerflocken und blinzelte dabei nicht unbewusst.
Die Flocken tauten auf seinem Gesicht und verwischten die geschminkte Harlekinmaske.
Tunixgut hatte das Gefühl seiner anscheinend zugenähten Lippen überwunden und riss seinen Mund immer wieder sperrangelweit auf. Er sah dabei wie ein Fisch an Land aus, der nach Luft schnappte. Mit seiner herausgestreckten Zunge fing er so viele Schneeflocken auf wie möglich, bis der Schnee ihn innerlich wie äußerlich durchweichte und er sich wie ein Schwamm mit wässrigem Wissen vollsaugte.

Dann kam der Riese Hogonom seines Weges. Dieser beugte sich zu Tunixgut hinab, der noch immer rücklings in diesem Schneehaufen lag.
Hogonom griff mit beiden Handpranken nach Tunixgut, erhob sich mit diesem und zerriss ihn in der Leibesmitte. Er knüllte ihn wie nasses Altpapier zusammen, warf ihn über die Schulter hinab in den Rinnstein und ging – ohne sich noch einmal umzudrehen – fort, in die nächste Geschichte hinein …

© Rose Kane, Le., 01/2018