Klunkeritzchen

„// Ein Hexchen wollte Hochzeit machen in der allerlieblichsten Zeit. / Der Dodo war der Bräutigam, und das Hexchen war die Braut. / Tra lalala la lalala, tra la tra la tra lalala. / Tra lalum, tra lalum, tra la tra la la lalum. //“, trällerte es putzmunter durch die angegrauten Novembergassen der Stadt.

Niemand anderes als Dodo hörte diesen Singsang. Er saß in seinem zerknitterten Pyjama zusammengekauert auf einem der Plastiksitze in der Straßenbahn und hielt sich die Ohren zu. Das Gna-Gna-Kapuzenshirt, was er sich eilig übergezogen hatte, bedeckte seine – bis zum Kinn herangezogenen – Knie. Seine strumpflosen Füße steckten in schweren Arbeiterstiefeln.
Er zitterte am ganzen Leib, denn er wollte nicht dahin, wo sie ihn mit ihrer Stimme hinlockte. Doch er konnte nichts dagegen tun, sie zog ihn in ihren Bann – wie das Licht die Motte anlockte.

Als die Straßenbahn an der Haltestelle Ecke Wunschhausener und Wegweiserstraße stoppte, stopfte sich der Singsang betäubend in Dodos Ohren und brachte ihn fast um den Verstand.
Traumwandlerisch erhob er sich von seinem Sitz, achtete nicht auf die neugierigen bis missbilligenden Blicke der Mitfahrenden und stieg aus. Auch die Passanten, die seinen Weg hin zu ihr kreuzten, interessierten ihn nicht. Er pflügte sich zielgewiss durch die Menschenmassen, welche die Fußgängerzone dicht bevölkerten, hindurch und kam schlussendlich an seinem Bestimmungsort an.

Es war ein Schaufenster, vor dem Dodo wie angewurzelt stehen blieb. Es beherbergte einen wabernden Nebel, aus dem ein zwei Meter hoher Ebenholzaltarschrein vage herauslugte.
Diese Auslagenszenerie wurde erhellt von drei Theaterscheinwerfern, die im staccatoartigen Rhythmus von goldenem, grünlichem und rotem Licht abwechselnd aufleuchteten. Im Zentrum des umnebelten Schreins stand eine verhangene Statue. Ebenso aus Ebenholz geschnitzt.
Durch den Nebel hindurch konnte Dodo nur vorstellen, wie sich der hölzerne Mund bewegte und den Singsang vom Hexchen, dass Dodo heiraten wollte, fabrizierte.

Dodo musste schlucken, als er auf das schwarzhölzerne Podest trat, dass irgendwer vor dem Schaufenster aufgebaut hatte.
Sein Gaumen fühlte sich wie eine Wüste an, und seine Zunge klebte daran fest. Er verspürte am ganzen Körper eine Gänsehaut, und er vergrub seine Hände in den viel zu langen Ärmeln des Gna-Gna-Kapuzenshirts.

Als Dodo auf der obersten Stufe des Podestes zum Stehen kam, teilte das augenschmerzlich flackernde Diskolicht den Nebel um die Statue. Es tauchten eine Vielzahl von Armen klar sichtbar auf. Sie beschrieben hypnotische Kreise um die filigran geschnitzte Holzfigur.

Jedes Mal, wenn die Lichtfarbe wechselte, fror einer der Arme in seiner Bewegung ein und stellte ein kleinodiges Klunkeritzchen vor dem Gesicht der Statue zur Schau. Dieses lag dann für einen Wimpernschlag wie ein Präsent auf der schwarzen Handfläche, um im nächsten Augenblick wieder in den Bewegungsschlieren zu verschwinden.

Dodo beobachtete dieses Schauspiel eine Weile. Währenddessen rang die Singsangstimme der Holzfigur mit seiner wachsenden Abneigung.
Dann gongte es irgendwo im Inneren des Ladens, und der geschnitzte Mund hörte auf zu singen. Stattdessen sprach er mit einer überraschend kehligen Stimme, „Zeig mir deine Klunkeritzchen, die du immer bei dir trägst!“
Dodo war überrascht, und er fühlte sich ertappt. Seine innere Aversion stieg ins Bodenlose. Dennoch griff er in die Bauchtasche seines Kapuzenshirts und zog einen abgegriffenen, wildledernen Tabakbeutel hervor. Wie in sirupartiger Zeitlupe öffnete er diesen Lederbeutel und befingerte seinen Inhalt.

Die tiefwarme Stimme sagte, „Leg mir alles zu Füßen!“
Nichts.
Das Staccatolicht wechselte auch weiterhin von Gold auf Grün auf Rot. Die vielen Arme der Statue beschrieben immer noch ihre Kreise.
Dodo durchfingerte fieberhaft seinen kleinen Tabakbeutel, bis er schließlich das geschnitzte Holzherz mit der glattgegriffenen Oberfläche zu fassen bekam. Seinen geliebten Handschmeichler.

Er zog diesen hervor und streckte seinen Arm weit von sich – hin zum Schaufenster. Eigentlich hätte er mit der Hand an die Glasscheibe stoßen müssen. Doch da war kein Glas mehr. Sein Arm ragte in die Auslage hinein.
Für einen Moment war er sich unsicher, was nun zu folgen hatte. Doch dann gab er sich einen Erkenntnisruck, kniete sich kurzerhand auf das ebenhölzerne Podest und legte das herzige Kleinod zu Füßen der Holzstatue ab.

Eine der herumwirbelnden Hände schnellte hervor, glitt mit ihrem gummiartigen Teleskoparm zum Boden und hob mit den geschnitzten Fingern das kleine Holzherz auf.
Im nächsten Augenblick langte sich die Statue an die linke Brusthälfte, und die Stelle der Berührung leuchtete Weiß auf.
Dodos Kleinod war verschwunden.

„Interessant!“, flüsterte Dodo. „Jetzt hat das geschnitzte Kali ein Herz.“, fuhr er leise fort.
Als er das sagte, wurde ihm warm, und er verspürte keine inneren Abneigungen mehr.
Friedlich machte er eine Kehrtwendung, stieg behände von dem Ebenholzpodest und ging seiner Wege …

© Rose Kane, LE, 11/2017