Klee-si-e

Klee-si-e hieß eigentlich Resi Klee, wurde aber von Kindesbeinen an allseits Klee-si-e genannt. Vor allem von den Kleinkriegs-Hänsel-Janern ihrer Vergangenheit. Selbst Heute noch, wo sie ihrer Schulzeit längst entwachsen war und ihre Erinnerung daran wie eine alte, ausrangierte Strickjacke ablegen konnte, zumindest bildete sie sich das immer wieder ein.
Sie mochte diesen Namen nicht, auch dieser Tage nicht, konnte sich dessen aber nicht erwehren. Immer wenn sie ihn hörte, zuckte sie innerlich ein wenig zusammen. In Erwartung einer kleinen Gemeinheit.

Klee-si-e hatte einmal ein ziemlich grauenhaftes Hasen-Gebiss gehabt, und in jugendlichen Jahren schien ihr Gesicht eine Pizza zu sein. So meinten es jedenfalls damals ihre Mitschüler. Heute jedoch, war sie diesen Umständen, so gut es eben ging, entwachsen.
Die Pubertät war lange vorbei, auch wenn sie nun unter einer Erwachsenenakne litt. Und ihrem missratenen Kiefer war sie vor einigen Jahren mit Orthopäden und Operateur zu Leibe gerückt.

Klee-si-e hatte schon als Kind ein kleines Geheimnis. Sie konnte träumen, ach, was konnte sie träumen, ja, sogar wenn sie wach war, tagträumte sie vor sich hin. Sie ersann

sich dann ganze Weltenrealitäten und Abenteuer und natürlich auch ihre Herzensfreunde.
Zu jener Zeit war sie lieber mit sich alleine …

Und heute?
Heutzutage steigt sie traumgeschwängert die Himmelsleiter hinauf, um ihrem Leser die Sternelein vom Himmel zu holen und um daraus Geschichten zu spinnen.
Heutzutage zeichnet sie ihr Innerstes und gibt dem Betrachter ihre Rätsel auf.
Heutzutage wagt sie sich an Menschenbegegnungen heran und er-träumt diese nur noch sehr bedingt.
Heutzutage lacht sie sehr gerne, auch auf Fotos, und zeigt dabei selbstbewusst ihre geraden Zähne.

Nur manchmal da holt sie ihre Erinnerung – wie ein Schatten – auf leisen Sohlen wieder ein. Woraufhin sie so ein Allein-klein-sein fühlt, was dem Herzen einen hilflosen Stich gibt.
Doch dann imaginiert sie sich an ihr Seelenlagerfeuer, wo all ihre Seelenmenschen drumherum sitzen. Und plötzlich ist sie gar nicht mehr allein, und die gefühlte Größe wird zu etwas rein Nebensächlichem.

© Rose Kane, Le., 01/2018