Klara

„Wer bist du denn?“, fragte Dodo erstaunt das Bild im Spiegel, als er diesen von seiner Beschlagenheit befreite. Das Bad dampfte. Es war nicht sein Konterfei, was ihn da anschaute.
„Ich? … Ich bin Klara.“, zwinkerte ihm das Spiegelbild zu, „Ich bin dein Tagtraum.“
„Aha …“, murmelte Dodo, noch nicht ganz wach. Sein linkes Ohr juckte, und er holte mit dem Finger eine ganze Ladung Duschschaum und Ohrenschmalz hervor. Er war sich nicht sicher, ob er sich verhört hatte.
„Stimmt. Ich bin seit ein paar Wochen deine beste Freundin.“, fuhr Klara fort. Sie warf Dodo aus dem Spiegel heraus eine Kusshand zu.
„Bevor du dich mit deinen Seelenmenschen besprichst, kommst du mit deinen Gedanken zu mir. Und du stellst dir deine nächsten Schritte so vor, als würden wir sie zusammen erleben. Du handelst mit mir und durch mich.“, sprach Klara weiter.
Sie sieht mit ihren lilafarbenen Raspelhaaren, der klugen Nickelbrille und ihren haselnussbraunen Augen sexy aus, dachte Dodo langsam. „Aber du bist nicht real?“, fragte er den Spiegel …

Der Computer, nebenan, spielte lautstark Tool in Dauerschleife. Es roch nach frisch gebrühtem Milchkaffee und warmen Apfel-Zimt-Porridge. Die Wohnung war nur inselhaft erleuchtet und noch nicht vollständig zum Alltagsleben erwacht.
Das Nachtlicht im Schlafzimmer brannte. Eckstein, die Fee und der Rest der kleinen Ich-Gang lagen noch in dem zerwühlten Bett und dösten vor sich hin … Keiner von ihnen hatte wirklich Lust, um fünf Uhr morgens aufzustehen.

„Aber du bist nicht real?“, fragte Dodo noch einmal. Die offene Zahnpastatube

und die Zahnbürste in der Hand wollte er den bleiernen Schlafgeschmack aus seinem Mund vertreiben. Trotzdem zögerte er.
„Dohoch.“, entgegnete Klara verschmitzt, „Aber nur in deinem Kopf.“
„Haben wir auch Sex miteinander?“, fragte Dodo und musste leise lachen.
Das Spiegelbild lächelte. „Ich bin nicht so eine Freundin. Das würde nicht funktionieren.“, flüsterte es mit Klaras Stimme.
Dodo „Hmmmte“ und wuselte sich durchs nasse Stoppelhaar. „Ach, … wenn ich mir doch nur eine backen könnte.“, seufzte er.
Das Bild im Spiegel zwinkerte ihm zu. „Da kann ich dir leider nicht helfen“, hauchte es und verblasste ganz allmählich, so wie sich auch der Wasserdampf peu a peu aus dem Bad in die Weiten der Wohnung verzog.

Die Computerboxen knackten laut und eine sonore Nachrichtensprecherstimme verkündete das Neuste aus aller Welt.

Eckstein stand plötzlich direkt hinter Dodo und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Mit wem hast du geredet?“, fragte er verschlafen.
„Mit mir selbst.“, erwiderte Dodo und tat sich Zahnpaste auf die Zahnbürste.
„Und wen willst du dir backen? Eine Freundin?“, fragte Eckstein weiter.
Dodo schwieg und zuckte verlegen mit den Schultern.
„Dafür hast du doch momentan sowieso keinen Nerv, bei den Dingen, die wir gerade in die Wege leiten. Die Arbeitserprobung und der Vorbereitungskurs und dann noch die anstehende neue Umschulung sind viel wichtiger. Zeit wirst du also in Zukunft nur sehr begrenzt haben …“

Dodo schwieg. Er putzte sich die Zähne und lauschte aufmerksam dem Nachrichtensprecher. Bald musste er los …

© Rose Kane, Le