Kaltes Feuer

Die Dramaqueen stand inmitten ihrer dunkelvioletten Eiswüste. Sie hütete ein blauflammiges, hell loderndes Lagerfeuer und hatte einen großen, eisernen Schürhacken in der Hand.
In ihrem neuen, bodenlangen, mit orangenen Kristallen verzierten Eisbärenpelzmantel und ihren gerade erst ersteigerten Polarfuchsfellstiefeln sah sie herrschaftlich aus. Ihr Gesicht war kantig geschnitten und hatte eine grünliche Färbung angenommen. Ihr langes Haar war zu einem strengen, lilafarbenen Dutt gebunden.

Um das wild prasselnde, Funken sprühende Feuer hatte sie gemütliche Robbenfellsitzgruppen drapiert und einen weißen Kunstoffweihnachtsbaum. Dieser war mit weinroten Kugeln behängt sowie mit einer bunten Lichterkette umschlungen. Sozusagen für ihre geladenen Gäste.

Dodo, Eckstein, die Fee und die anderen drei Weggefährten waren der Einladung auch gefolgt. Nur hatten sie vorher nicht geahnt, dass die Dramaqueen dafür extra eine nigelnagelneue Eiswüstenkulisse auffahren und die Weltklimaanlage würde auf minus zehn Grad herabdrosseln lassen.
So standen sie dicht an das blaue Lagerfeuer gedrängt. Von der abermannshohen Windmaschine wurden sie zerzaust und vom pinkfarbenen Kunstschnee berieselt. Sie versuchten sich zu wärmen. Doch die blauen Flammen gaben keine Hitze ab, sie verbrannten noch nicht einmal Holzscheite, …

Seltsam, dachte Dodo, ich sehe in dem Feuer lauter kaputte Uhren, die da lodern. Sie sind alle kurz vor zwölf stehen geblieben, dachte er weiter. Er verspürte keine große Lust, sich auf einen der Robbensessel zu setzen. Ihm war bitterlich kalt. Und er fand es typisch für die Dramaqueen, dass diese die Sessel und den künstlichen Weihnachtsbaum hatte aufstellen lassen.
Die Fee zupfte ihn sanft am Ärmel und flüsterte kaum hörbar, „Nimmst du das auch wahr? Da verkohlen alles Schnappschüsse aus unserem Leben.“
Sie ging ganz nah heran an die kalten Flammenzungen und deutete

mit dem Finger darauf.
„Schau mal!“, fuhr sie leise fort, „ da verhandeln wir gerade mit dem Zunftmeister darüber, wann er und seine Gesellen die Türen anstreichen sollen. Oder dort, das halbverbrannte Foto, da reden wir justament mit dem Steuereintreiber und versuchen die Rate für die Zinsrückzahlung etwas zu drücken. Oder sieh nur, unsere Kontaktgesuche von neulich … “
Dodo „Hmmte“. Er wusste, was seine Fee meinte. Und doch wollte er dringlichst wieder in sein Dodolonthium zurück.

Eckstein klapperte mit den Zähnen, „Wisst ihr, warum das Feuer nicht wärmt?“
Niemand sagte etwas.
„Das ist ein Angstfeuer.“, stieß Eckstein nach einer Weile wütend hervor. Er rieb sich die Hände und hauchte in diese.
Die Dramaqueen verzog keinerlei Miene. Sie stocherte mit ihrem Schürhaken im Lagerfeuer herum und die Funken stoben in den Abendhimmel hinauf.
„Sie nährt es mit unseren kleinen und großen dynamischen Lebensunwegsamkeiten. Und wir? Wir lassen sie einfach machen.“, sprach Eckstein weiter. „Wir geben ihr und ihrem lebensechten Theater die Macht über uns.“
„Aber es fühlt sich so real an und gar nicht inszeniert.“, merkte Dodo auf. „Ich spüre die alles lähmende Angst, so als ob die blauen Feuerzungen diese in ihrer kalten Umarmung tief in mich hineinstreicheln würden …“

Noch während Dodo sprach, ergriff er die Hand seiner Fee und diese wiederum angelte nach den Fingern Ecksteins, bis sie sich alle bei den Händen hielten …
Nur die Dramaqueen stand mit ihrem schweren Schürhaken etwas abseits.

Wir sind nicht die glorreichen Sieben, dachte Dodo und drückte umso fester die Hand seiner Fee. „Aber wir sind auch nicht Himpelchen und Pimpelchen, die sich schlafend im Berg verkriechen.“, sprach er sehr laut gegen das Lodern und Knistern des blauen Feuers an. „Und das nahe Weihnachtsfest lassen wir uns dadurch auch nicht vermiesepetrigen.“, fuhr er fort und setzte seinen Fuß in die kalten Flammen …

© Rose Kane, Le, Dezember 2016