Julius oder die Farbensinfonie

Ich lag auf der orange-braun geblümten Luftmatratze, hatte die Gangstersonnenbrille auf der Nase und brutzelte in der Sonne. Julius mein Zofenschwanzmädchen kniete neben mir, hatte einen Eiswürfel in der behandschuhten Hand und wartete auf einen günstigen Augenblick, um mir damit mein Dekolleté zu kühlen.
Er trug ein weißes Latexkleidchen mit großen, pinkfarbenen Punkten drauf, eine fliederfarbene Rüschenschürze aus Latex und dazu passende halterlose Netzstrümpfe sowie orangefarbene Plateaustiefel. Untenrum war er nackt. Sein Schwanz war eher klein. Und er schämte sich dafür. Doch das interessierte mich nicht. Ich liebte es, ihn so zu sehen.

Um uns herum herrschte ein gut gelauntes Partygetümmel unserer Freunde und deren Freundesfreunde und wiederum deren Freundesfreundefreunde.
Da war zum Beispiel Quietschi, der mit seinem Gummientenanzug durch die Gegend watschelte und allen etwas zum Trinken anbot.
Dann waren da beispielsweise noch die Rockabillities. Ein Pärchen. Sie hatte einen rot-weiß gepunkteten, knielangen Rock an, rote Lackheels, ein schwarz-weiß, quer gestreiftes, schulterfreies Top sowie einen handbreiten, roten Lackgürtel. Und sie hatte eine rote Blume ins lange Schwarzhaar gebunden. Und er? Er war in eine Bluejeans mit umgekrempelten Hosenbeinen und einem schwarzen Westernshirt mit weiß abgesetzten Nähten und Knöpfen gekleidet. An den Füßen trug er Chreepers mit schwarz-weißem Lochmuster, und seine Haare waren in einer großen Schmalztolle gestylt. Die Rockabillities waren die Musiker der Party. Er spielte Elektrogitarre und sie sang und saß am Schlagzeug.
Des Weiteren waren noch Tintus und Klecksus gekommen, um nur einige der Anwesenden zu nennen. Tintus hatte ein regenbogenfarbenes Plüschoktopuskostüm an, und Klecksus war ganz in einem Wust aus schwarzem, wallendem Tüll gekleidet.

Ich kannte sie alle, und sie alle kamen zu mir, um mir in meiner Rubensnacktheit zu huldigen.
Tintus fächelte mir zum Beispiel hier und da Luft zu, während Klecksus mir die Füße massierte. Sie beide machten sich einen Spaß daraus, mir ihre neusten Abenteuer in blühbunten Farben zu schildern …

Und ich? Ich lies es mir gut gehen, bis ich total tiefenentspannt war, müde wurde und langsam wegschlummerte. Die bullige Hitze tat ihr übriges …

Ich träumte von meinem Dodo, Eckstein, der Fee und dem Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat. Zissi, die Dramaqueen und Bordolina waren auch dabei. Im Traum baute meine kleine Ich-Gang am tosenden Sturmmeer, mit regenschwangeren Wolkenbergen am Horizont, eine Sandburg für Riesen. Es war gerade Flut.
Dabei sangen sie, wie eine kaputte Schallplatte, lauthals immer wieder einen Klaus-und-Klaus-Refrain vor sich hin. Und der ging so:
„An der Nordseeküste am plattdeutschen Strand // sind die Fische im Wasser und selten an Land. // An der Nordseeküste am plattdeutschen Strand // sind die Fische im Wasser und selten an Land.“
Sie befanden sich unter einer mit Licht durchfluteten, türkisfarbenen Himmelsglasglocke, die mit silbernen Sternen beklebt war. Und die Burg verzierten sie mit buntem Glastüttü und perlmuttartigen

Muschelschalen.

Ich schlief tief und fest, bis sich plötzlich eine weinende, große Wolke vor die Sonne schob und alles um mich herum in tiefe Schattenfarben tauchte. Es wurde kühl, und mich überzog eine Gänsehaut …
Als ich die Augen aufschlug und mich umschaute, war die Partywiese menschenleer. Sogar Julius war fort. Und alles wirkte irgendwie in Tristes getaucht. Ich fühlte mich einsam.
Langsam erhob ich mich von der Luftmatratze, schob die Sonnenbrille ins Haar, schlang die Arme um meinen nackten Leib und machte mich barfuss auf die Suche nach den anderen …

Ein paar Wiesenecken weiter, hinter einem Wäldchen aus Riesenbovisten fand ich sie alle, bis auf Julius, wieder.
Die Rockabillities spielten unter einer himmelsgroßen Diskosonnenkugel auf. Im Mittelpunkt des Getümmels stand ein Siegertreppchen. Es war mit einem Lorbeerkranz bemalt. Und auf der obersten Stufe tronte sie, die Mondsichelgesichtige.
Ihr androgyner Körper war in einen Ganzkörperlycraanzug gehüllt, der in Neonfarben geblümt war. Sie trug eine Glatze und hatte ein schwarzes Lackkorsett um ihre schmale Taille geschnürt. Ihre Füße steckten in schwarzfarbenen Doc-Martens-Boots. Sie lächelte ihr Lächeln und Quietschi, Tintus und Klecksus und all die anderen tanzten wild um sie herum …

Als ich das sah, tat es mir einen Stich durchs Herz. Ich war traurig, fühlte mich alleingelassen und in meinem Evakostüm irgendwie auch klein. Ich wollte gerne wieder im Mittelpunkt stehen, spürte aber, dass mein Platz dieses Mal eher der Rand des Geschehens sein sollte.
Das ist ihr Fest und nicht meins, dachte ich und hockte mich, nackt wie ich war, die Knie mit den Armen umschlungen, auf einen Felsbrocken am Wiesenrand und schaute wehmütig dem Treiben zu. Leise hoffte ich, dass die Mondsichelgesichtige wenigstens einmal zu mir herübersehen und mich bemerken würde. Doch vergebens …

Bis sich, tja, bis sich eimervolle Ladungen von regenbogenbuntem Malwasser über die Szenerie ergoss und alles wegzuschwimmen und zu verlaufen begann.

Plötzlich fand ich mich in einer Fliegenpilzeisdiele wieder. Mir gegenüber saß Julius. Wir beide trugen Schwarz beziehungsweise Grau. Ich hatte eine Bundeswehrhose und mein Jeder-Abschied-kann-ein-Anfang-sein-T-Shirt an, während er eine ausgewaschene Graujeans und ein einfaches schlabberiges T-Shirt trug. Alles um uns herum war in Rot und Weiß gehalten. Sogar die Eisbecher und Untertassen.
Wir sahen einander wie fremdgebliebene an und redeten leere Worte daher. Diese hatten sich, während unsere Hände mit Eislöffeln beschäftigt waren, schon zu lauter kleinen Phrasenhäufchen auf dem Tisch vor uns angehäuft. Unsere Herzen bemerkten das, die Köpfe allerdings nicht. Ein jeder von uns umschwirrte seinen eigenen Trabanten, war aber nicht in der Lage, eine Brücke zum jeweils anderen zu schlagen …

Dann riss mich das Weckerklingeln aus meinem Schlaf, und ich entknotete mich ganz allmählich aus meiner Bettdecke.
Als ich unter der Dusche stand, war mir glasklar, dass das mit Julius von Anfang an unter einem unguten Stern gestanden ist. Aber ich hatte es wenigstens versucht …

© Rose Kane, Le, Januar 2017

julius oder die die farbsinfonie

julius oder die die farbsinfonie

Eine wunderbar schräge Illustration von Amy.