Istsiefort?

Die Dramaqueen drehte sich vor dem Zerrspiegel, den ihr Zissi geliehen hatte, um die eigene Achse und bewunderte sich lächelnd von allen Seiten. Ihre Augen betrachteten all diese Glitzermietzendingelchen, die Zissi applikativ auf den Mantel der Dramaqueen mit Polarfuchspelzkragen und -säume angenäht hatte.
Die Dramaqueen hielt einen Strohhalm in den Händen, der an seinem vorderen Ende eine fünf-Euro-große, eirige Öffnung hatte und zauberte damit Seifenblasen aus dem Nichts. Eine besonders Große schwebte zwischen der Spiegelfläche und dem Gesicht der Dramaqueen hin und her. An deren Oberfläche schillerten alle möglichen Emotionen auf, die Dodo und seine Ich-Gang kannten.

Versunken betrachtete die Dramaqueen diese und bemerkte gar nicht, dass Dodo und die Fee jeweils zur Linken und zur Rechten an ihre Seite getreten waren. Sie berührten die Dramaqueen an ihren Schultern, Dodo ihre Linke und die Fee die Rechte.
„Fällt dir etwas auf?“, fragten sie wie aus einem Munde.
Die Dramaqueen überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf.
„Sind das wirklich alle Emotionen, die wir kennen?“, fuhr Dodo fort und legte seine Hand auf den linken Unterarm der Dramaqueen.
Abermals dachte die Dramaqueen einen Moment nach und schüttelte erneut den Kopf.
Die Fee umfasste die rechte Hand der Dramaqueen mit ihrer Linken und verschränkte ihre Finger mit den ihrigen. „Wir haben ihr in den letzten Jahren viele Namen gegeben“, sprach die Fee mehr zu sich selbst als zur Dramaqueen.
Deren Gesicht leuchtete plötzlich wissend auf, und sie nickte mit dem Kopf. Sie erwiderte den Händedruck der Fee und sagte, „Mein kaltes Feuer fehlt.“ Ein bisschen wehmütig blickte sie auf die bunt schillernde Seifenblase.
Gedankenverloren strich Dodo über den Unterarm der Dramaqueen. „Erinnert ihr euch noch an das Angsttier, dass sich immer wie eine hochprozentige Boa Constrictor um unsere Gedärme gelegt hat?“, fragte er. Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort, „Und Oktos, der Angstkrake, hat uns mit seinen acht Fangarmen immer liebevoll in die Schwitzkastenmangel genommen, sodass wir nicht mehr atmen konnten.“
Die Fee ließ die Hand der Dramaqueen nicht los. Ihre Finger rangelten spielerisch mit den ihrigen. „Am hinterhältigsten war das gepunktete Katzentier, das ist uns immer von hinten um unsere Waden herumgestrichen und hat uns gelegentlich auch fast zu Fall gebracht.“, meinte sie. „Ich erinnere mich auch noch ganz genau an die Angst-Reality-Brille, die uns Angustus Blumia zum Geburtstag geschenkt hat, und mit der wir ihn im Emotionsirrgarten besucht haben. Wisst ihr noch?“, fuhr sie fort.
Alle nickten vor sich hin und schwiegen.

Nach einer Weile meldete sich die Dramaqueen wieder zu

Wort. „Aber so sind sie alle hin? Sie können sich ja nicht in Luft aufgelöst haben, oder?“, fragte sie die anderen.
Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat war hinzugetreten. Er stand neben Dodo und schaute auf die große, bunt schillernde Seifenblase. „Also, wenn das dort unser Wunschiversum ist“, hob er an zu sprechen und wies mit dem Zeigefinger auf dieses vergängliche Etwas. „So haben wir unseren Gestaltenwandler namens Angst ins Schattenreich der dunklen Materie verbannt, dass man mit Dodos Papierflieger nur über postulierte Umwege erreichen kann“, fuhr er fort.
„Ich gehe dann mal meine Koffer packen. Ich werde hier ja nicht mehr gebraucht.“, sagte die Dramaqueen. Sie wischte sich mit dem Mantelärmel die drängelnden Tränen aus den Augenwinkeln. Die große Seifenblase schwebte noch immer direkt vor ihrem Gesicht und zerplatzte keineswegs.
Alle schwiegen, bis sich Zissi nach vorne drängelte und, „So ein Quatsch!“, sagte. „Natürlich bleibst du bei uns! Du bist doch unsere Schwester.“, ergänzte sie ihren Einwurf.
Alle aus der Ich-Gang bekräftigten Zissi, indem sie ein zustimmendes Gemurmel anhoben.

Sogar Bordolina hatte sich von ihrem aktuellsten Verehrerinnenfrauenporträt gelöst und die Pinsel mal ruhen gelassen. Sie meinte dazu „Sie ist noch da, in unserem Kopf. Aber die Nadeln haben sie auf ein gesundes Maß geschrumpft.“
Dodo lachte auf. „Es fühlt sich so an, als sei die Angst gänzlich verschwunden …“
„Ja, aber doch nur, weil wir ihr Normalmaß noch nie in unserem Leben kennengelernt haben“, entgegnete Bordolina. „Wir kennen nur den beengenden Zuvielzustand, der alles zumacht und der das freie Atmen abschnürt, der alles in Schwarz-und-Weiß zeichnet und die bunten Grautöne völlig negiert.“, fügte Bordolina hinzu.
„Wir sind also nicht auf mutigen Drogen?“, warf Eckstein ein. Er blickte skeptisch auf die große Seifenblase. Ihm war es danach, diese zum Platzen zu bringen, doch er ging diesem Gefühl nicht nach.
„Nein!“, sagte Bordolina. „Keine Drogen, nur wir selbst spielen hier eine wichtige Rolle.“, sprach sie weiter.
„Ach so“, meldete sich Eckstein wieder zu Wort. „Mut befindet sich in der gegenpoligen Waagschale zur Angst und beginnt genauso wie diese im Kopf?“, sinnierte er laut vor sich hin, ohne seine Frage gezielt an Bordolina zu stellen.
„Genau!“, entgegnete diese.
„Gut! Dann sind wir jetzt mal mutig und vertrauen auf die neue Erfahrung der Nichtangst.“, entgegnete Eckstein.

Er nahm der Dramaqueen den Strohhalm aus der Hand und machte noch ganz viele weitere Seifenblasen, die diese eine große Wunschiversumseifenblase langsam aus dem Bild schubbsten. Dann legte er den Strohhalm beiseite und betrachtete mit den anderen, wie die restlichen Seifenblasen – eine nach der anderen – zerplatzten. Das machte einen Heidenspaß …

© Rose Kane, Le., 04/18

mut

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rubrik: gefühlsbilder
infos: le., 04/18