Hos′nanman(n)

Hallo, ich bin Revo. Ich warte hier, weil meine Freundin mich zu sich nach Hause bestellt hat. Aber I’ve forgotten my realitybrill …
So ein Mist. Jetzt kann ich nicht erkennen, ob da zwischen den Fugen der Steinplatten lila Gras wächst oder ob da links neben meinem rechten Schuh ein pinkfarbener Holztäuberich sitzt, der mir etwas vorgurrt. Geschweige denn die Anzeigentafel. Die Zahlen und Buchstaben verdrehen sich vor meinen Augen zu Nonsens. Da steht etwas von einem Zug nach Nirgendwo. Gibt es denn den überhaupt, überlegte ich vor mich hin und starrte erneut auf den Steinplattenflecken zu meinen Füßen.

Ich saß hier schon eine geschlagene dreiviertel Stunde herum, ohne irgendjemanden auf dem verwaisten Bahnsteig zu begegnen. Doch Pssst, steigt da nicht gerade jemand die vielen Treppenstufen nach oben, lauschte ich gespannt auf. Ich war es leid, auf Godot zu warten …

Und plötzlich stand ein … Tja, was eigentlich? Eine Sie? Ein Er? Ein Es? auf der letzten Treppenstufe und begutachtete die Anzeigentafel des Gleises zwei.
Ich einigte mich auf ein Es – wie schon gesagt, I‘ve forgotten my realitybrill – denn Es trug einen sauber zurechtgestutzten Bart im Gesicht, und weibliche Körperattribute deuteten sich auf den ersten Blick nur schüchtern unter der weit geschnittenen, rot-schwarz gebatikten Bundeswehrhose und dem langärmeligen, bunt bedruckten Shirt an.

Es stand einige Momente mit den Augen auf die Anzeigetafel gerichtet da, bevor Es sich einmal um die eigene Achse drehte und wieder kehrt machte, um die Treppe hinabzugehen.

Ich gab mir einen Ruck und erhob mich selbst und meine Stimme.
„Entschuldigung!“, rief ich etwas unsicher diesem Es hinterher.
Doch Es reagierte nicht.
Abermals erhob ich meine Stimme, noch etwas lauter und rief erneut, „Entschuldigen Sie bitte!“
Jetzt blieb Es wenigstens stehen, drehte sich aber noch nicht zu mir um.
Soll ich Es nach dem Zug nach Nirgendwo fragen, obwohl ich überhaupt nicht weiß, ob dieser real existent ist, überlegte ich fieberhaft und machte zeitgleich meine Stimme noch lauter. „Der Zug nach Nirgendwo, fährt der nicht hier ab?“, stellte ich meine Frage an dieses Es. Meine Stimme klang nun sehr bestimmt.
Es verrenkte seinen Oberkörper ein wenig – um die eigene Achse- in meine Richtung, allerdings ohne die Hüfte dabei zu bewegen und sagte, „Nein. Das steht doch auf der Anzeigentafel.“ Dann ging Es die Treppe weiter nach unten, um schließlich zum Bahnsteig Drei zu gelangen.

Meine Stimme versagte, und ich blieb stumm. Wie schon erwähnt, I’ve forgotten my realitybrill. Ich beeilte mich, diesem Es zu folgen und stand schließlich auch am besagten Gleis herum. Die Anzeigentafel konnte ich noch immer nicht lesen, und mir war langweilig. Eins dieser neumodischen Minicomputer für die Arschtasche besaß ich nicht, und mein Handyknochen hatte nur noch einen Balken. Den hob ich mir für die Notfälle mit meiner Freundin auf.
Der Musikohrknopf meines alten Mp3-players spielte gerade den „Milkman“-Song von Aphex Twin. Welch selten dämlicher Text, sickerte es durch meine verknoteten Gehirnwindungen, nicht nur wenn man ihn übersetzt …
Ich verspürte eine sandige Mundtrockenheit, und ich besorgte mir mit meinen letzten Cents eine null-irgendwas Cola aus dem Automaten unmittelbar nebenan. Dann setzte ich mich in den Wartebereich des

Gleises Nummero drei und schluckelierte ein bisschen von meinem lauwarmen Zuckerwasser.

Ob seine Pussy, hat Es überhaupt eine, genauso hairy ist, wie sein Gesicht, überlegte ich. Wie schon mehrfach erwähnt, I’ve forgotten my realitybrill, und ich konnte erst auf den Zweiten beziehungsweise Dritten Blick ungefähr erkennen, dass Es Titten hat. Aber das will ja noch lange nichts heißen …, dachte ich. Ich hoffe nicht, dass Es eine bewaldete Pussy hat, denn wenn ich da mit meiner Zunge …, Ihhh! … Bäcks! Igitt! … Nicht, dass ich die Haare in die Nase bekomme, oder gar eins davon hinunterschlucke. Grusel.
Aber wieso steigt mir überhaupt diese Idee zu Kopf? Wenn meine Freundin Wind davon bekommt, dann … muss ihr gleich mal simmsen. Sie wartet bestimmt schon total ungeduldig auf mich, dachte ich und rutschte mit meinem Hintern auf dem metallenen Korbsessel unruhig hin und her …

Hmmm, ich kann mir nicht helfen, aber Es sieht mit den weiten Klamotten wie eine etwas solidatische Übermutter aus.?
Ich würde ja so gerne mal … Ja, ich würde gerne mal als kleiner, nackter Wicht mit Eierpappenschweinsohren und Plüschschweineschnauze im Gesicht und Ringelschwänzchen am Po in ihrer bestimmt hairy Pussy ganzkörperabtauchen, in ihrer gewiss vernachlässigten, feucht warmen Enge eindringen und mich darin vergessen und neu gebären lassen. Eine Urgeburt sozusagen.
Oh, das macht mich richtig fickrig, dachte ich und spürte die Härte meines Geschlechtes in der engen Hose.

Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf und tigerte auf dem Bahnsteig umher. Und dann piepste auch noch mein Handyknochen, das war die SMS von meiner Freundin. Ich fühlte mich ertappt. Revo, Revo, dachte ich, wo soll das nur hinführen.
Zu allem Unglück spürte ich auch noch ihre Blicke auf mir ruhen. Sie musterte mich von oben bis unten. Jahaaa, dachte ich, Es ist eindeutig eine Frau. Sowas können nur Frauen so, wie sie es nun einmal tut, davon bin ich überzeugt, überlegte ich.
Peinlich berührt blieb ich stehen. Meine erektile Erregung nahm nicht ab. Im Gegenteil. Sie wurde nur noch größer … Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als in den Fugen der penibel sauberen Steinplatten zu versinken. Doch irgendwie wollte mir das einfach nicht gelingen.

Zu allem Überfluss zog auch noch ein Krawatterich am abendlichen Himmel auf und verfinsterte meine Weltensicht. Dabei liebe ich solche Naturgewalten und lasse gerne den Regen auf mich herabprasseln, dachte ich.
So stellte ich mich also wie ein Regenfänger an den Rand des ansonsten überdachten Bahnsteiges, um mir ein paar Tropfen auf mein Gesicht und die weit von mir gestreckten Armen fallen zu lassen. …
Ich spürte, wie die Erektion in meiner Hose schrumpfte. Gut so, dachte ich und war frohen Mutes, als der Zug nach Nirgendwo endlich auf dem Gleis drei einfuhr und ich einsteigen konnte.
Da wusste ich allerdings noch nicht, dass sich die solidatische Übermutter einen Sitzplatz genau schräg gegenüber dem Meinen aussuchen würde.

Na toll! Und wohin jetzt mit meinem ganzen Gedankenschweinskram, überlegte ich fieberhaft und spürte mein kleines Geschlecht in der engen Hose schon wieder anschwellen. Das wird jetzt aber megapeinlich, schoss es mir durch den Kopf …

© Rose Kane, Le., 04/18