Heilerstätten

Die Tigerkatze strich noch immer um Dodos Beine, während er auf dem violettfarbenen Holzweg seiner Wege ging. Mit seinen beriemten Stollensohlen an den nackten Füßen schritt er bedächtig aus. Denn der inzwischen fast schneefreie Weg war voller massenhaftem Streugut aus regenbogenfarbenen Zuckerkristallen, und er mochte dieses Geräusch unter seinen Sohlen nicht …

Ein gezwirbelter Weißschnauzbart überholte Dodo im Stechschritt. Er marschierte barfüßig den schmalen Weg entlang. Dabei achtete er gar nicht auf die Spitzfindigkeit der bunten Wegbestreuselung. Denn er hatte es eilig …
Er war in Tarnfleckunterwäsche gekleidet und hatte eine blütenweiße Rüschenschürze vor seinen massigen Leib geschnürt. Auf dem kahlen Kopf trug er ein Häubchen, ebenso mit Rüschen besetzt und genauso tadellos weiß wie die Schürze.
Der Schnauzbart war unterwegs zur Bushaltestelle, um sich in die Heilerstätten kutschieren und einweisen zu lassen. Und Dodo wollte auch dorthin, um den Wolf zu besuchen.
Denn dieser war dement und halbblind und hatte sich geirrt. Er hatte anstatt der Großmutter die Wackersteine im Steingaren von Rotkäppchen gefressen. Und nun lag er auf der Station für altersschwache Märchenfiguren, saß hilflos auf einer seiner Erinnerungsinseln und hatte schlimme Verdauungsstörungen.

Endlich an den Heilerstätten angekommen, fanden Dodo und die Tigerkatze recht schnell die besagte Station und auch das Zimmer, wo man den Wolf einquartiert hatte. Als Dodo guten Mutes an die Tür anklopfte, um dann einzutreten, schwallten ihm die Tiraden eines Giftzwerges entgegen, und der Wolf saß wie ein Häufchen Elend mittendrin. Das Gesicht des Wolfes erhellte sich, als er seinen Dodo erblickte und streckte die Pfoten begrüßend nach ihm aus.
Es vergingen ein paar Minuten, bis Dodo schließlich zu dem alles vereinnahmenden Giftzwerg meinte, ob man sich nicht über etwas Anderes als Krankheiten und irgendwelchen Horrorerlebnissen mit den Heilern unterhalten könne. Dabei griff er beherzt nach der Pfote des Wolfes und drückte sie. Der Wolf nickte. Er sah dem morgigen Tag schon mit einigem Grause(e)ligkeiten entgegen. Denn dann sollte ihm sein Darm umgestülpt werden, um die Wackersteine endlich wieder loszuwerden …

Die Tigerkatze hatte es sich auf dem Bett, in dem der Wolf nächtigte, gemütlich gemacht und sich in Dodos alten Bonbonpapiermantel gewickelt. Sie strich mit ihrem buschigen Schwanz über ihre Schnauze und lächelte den Giftzwerg an.

Die Wanduhr zeigte noch ein paar weitere Minuten an, als Dodo den Wolf fragte, ob sie nicht in die Ria der Absonderlichkeiten gehen sollten, einen Kaffee trinken. Dieser nickte glücklich, und so taten sie, wonach ihnen der Sinn stand.
Als sie endlich bei Kaffee und Schmalzlocke saßen, schnatterten sie wild drauf los. Gott und die Welt fielen ihnen dabei ein, und sie feierten ein bisschen ihre Zweisamkeit.
Die Tigerkatze aber erforschte die Ria der Absonderlichkeiten und deren Umgebung …

An einem der Nachbartische zum Beispiel saßen zwei schmuddelige Kinder und eine Kräuterhexe, die Mutter dieser Beiden. Kind Numero Eins popelte mit seinem rußigen Finger in der Nase, während Kind Numero zwei – das ältere von den Beiden – versuchte, einen Nieswurztee zu herbeizuzaubern … Die Kräuterhexe hingegen kramte mal wieder geistesabwesend in den vielen Taschen ihres Flickenumhanges nach ihrem Handy.
An einem der anderen Nachbartische saß ein kopfloses Muttchen. Sie hatte ihr Gedächtnis verloren und schrieb nun einen Brief an sich selbst, um herauszufinden, wer sie vor dem Unfall eigentlich gewesen ist.
Dann war da noch Yoshua – das Wunderkind des Hauses. Er sauste gerade in seinem Kopfgestellrollator wie eine aufgezogene Feder vorbei. Ihm hatten die Heiler seine Kopfwirbel wiederhergestellt, und jetzt durfte er sich für acht Wochen nur in diesem Metallmonstrum bewegen. Doch dies tat seiner Lebendigkeit, wie der aufmerksame Beobachter wahrnehmen konnte, keinen Abbruch …

Dodo und der Wolf waren allerdings so in ihr Trabant-zum-Planeten-Gespräch vertieft, dass sie Nichts von alledem mitbekamen. Sie kreisten umeinander, und der eine strahlte den anderen an. Dabei maßen sie die Zeit nicht. Und erst als die Ria der Absonderlichkeiten ihre Pforten schloss, realisierten sie, dass sie sich schon stundenlang erfolgreich gegenseitig vom Alltag ihrer jeweiligen Grause(e)ligkeiten abgelenkt hatten …

© Rose Kane, Le., 03/2018