Grüß Gott

Die Kofferfische – grellbunt in ihrer Erscheinung – flogen im hohen Bogen über die Trauerweiden. An deren schleierhaften Astvorhängen hingen lauter orangefarbene Seeigel. Diese sorgten mit ihrer grünlichen Stachelbewehrung für Furore und lachten mit ihren runden Mündern Dodo an.
Der jedoch bemerkte das gar nicht, denn er stapfte mit beriemten Stollensohlen an den nackten Füßen durch den festgetretenen, verharschten Schnee. Er mahlte gedankenbeladen Karamellbonbons mit den Zähnen, während er einem rollibewährten Muttchen von hinten an die Rückenlehne fasste und sie den vereisten Weganstieg hochschob.
Der Kanal de Grandelarus war schon wieder zugefroren, und die Kajaks und Kanus lagen eingemottet im Bootshaus. Sie warteten auf wärmere Tage.
Während Dodo seinen längsgestreiften Pyjama unter dem Mantel aus altem Bonbonpapieren trug – in den er mindestens dreimal hätte hineinpassen können – tschilpte ein mutiger Spatz auf dem einsamen Standbild vom geflügelten Nashorn.
Die Kofferfische sangen ein Lied vom Klabautermann, der das Narrenschiff anführte und den Kurs aufs Riff hielt. Dabei rauchten sie Frostwölkchen. Und niemand war da, der das Gesungene anzweifelte, nicht einmal Eckstein. Dodo fror nicht, und er ging erkenntnisschwanger seiner Wege …

Als er oben am roten Sofaeck der Frau Holle links abbog, begegnete er dem Drogisten namens Humpelrumps. Dieser führte sein Zicklein Alma zum Essen aus. Er war eher prallrundlicher Statur und stapfte auf seinen strammen Wadeln durch die schneeschlafende Landschaft, während seine Alma eher eine schmächtige Person gewesen ist, die aber jedem Meinungssturm zum Trotz noch immer gegenüber über ihrem Mann

Durchsetzungsboden gutmachte. Sie waren ein eingespieltes Team. Er las ihr mit seinem Monokel jeden Wunsch von den Lippen ab, während sie ihn in ihrer Störrigkeit zu dirigieren wusste.
Diese beiden also liefen meinem Dodo über den Weg und grüßten ihn artig mit „Grüß Gott!“ Der Humpelrumps lupfte dabei beherzt seinen Hut, während seine Frau mit ihrem bedutteten Kopf – ihm Wohlgesonnen – zunickte.
Dodo blickte verstört auf. Er hatte nicht damit gerechnet, hier – an einem Montagmittag zur hochbetrieblichen Zeit – jemandem zu begegnen. Denn das war eigentlich eine reine Freizeittätergegend. Er murmelte, „Nee, dorthin komme ich nicht.“ und wickelte sich fest in seinen Bonbonpapiermantel. Eine Tigerkatze streunte vorbei, grinste ihn an und rieb sich mit ihrem buschigen Schwanz die Nase.
Alma griff sich in ihren Dutt und raufte sich die Haare. „Warum folgt er nicht meinem Wunsch?“, zeterte sie theatralisch.
„Ach Almachen …“, hob Humpelrumps an, doch verstummte alsbald wieder. Denn Alma war noch nicht fertig. Sie schimpfte, „Ich will aber, dass er ihn von mir grüßt!“
Humpelrumps sagte nichts, schob sich seinen Hut in den Stiernacken und kratzte sich an der Stirn. Nichts, aber auch absolut nichts brachte ihn aus der Ruhe.
„Ich will! … Ich will! … Ich will aber!“, keifte Alma herum und stampfte mit ihrem bestiefelten Füßchen auf. Ein Kunstpelz besetzte die Stiefelschäfte und die Säume ihres Mantels.
„So eine alte Dumpfdrossel!“, schimpfte Dodo leise in sich hinein, und dann wandte er sich zu Alma und Humpelrumps um. „Bewältigen sie erstmal meinen Kram! Dann sehen wir weiter …“, sprach er und blickte kämpferisch von einem zum anderen.

Die Tigerkatze strich um Dodos Beine und bedeutete ihm, ihr zu folgen. So schritt Dodo auf dem violetten Holzweg aus, um sich seinem nächsten Abenteuer zu stellen.

© Rose Kane, Le., 03/2018

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rubrik: gefühlsbilder
hintergrundbeschallung:
reinhard mey – narrenschiff
infos: stg., 04/2010