Falling Down

Die Uhren, die im großen, windzerzausten Weltenbaum hingen, standen zwar allesamt erst auf zehn vor Mitternacht, dennoch läuteten einige schon den neuen Tag ein und ließen ihr Klingelwerk ertönen.
Die vielbeschäftigte Fee jedoch kniete am gegenüberliegenden Ufer des Grenzflusses und richtete eilig Dodos Habseeligkeiten. Sie hatte seinen halben Hausstand im Gras und im seichten Wasser des breiten Flussbandes verteilt, und wirkte – entgegen sonstiger Gewohnheiten – etwas kopflos.

Bis vor wenigen Augenblicken hatte Dodo noch auf dem Baum, der sein ganzes Dodolonthium umspann, gesessen, hinab auf den Grenzfluss mit den benachbarten Grenzlanden der Alltagswelt geschaut und seine Fee bei ihrem alltäglichen Tun beobachtet. Doch nun, nachdem er den strukturellen Halt verloren hatte und heruntergefallen war, steckte er kopfüber im Wasser, balancierte einen Kopfstand und hielt schon seit einigen Wimpernschlägen die Luft an.
Sein nasser Bauch hatte sich in das Eingangsportal einer Kuckucksuhr verwandelt. Aus dessen Inneren lugten zwei daumengroße Wetterhähne hervor. Ein roter und ein blauer. Beide drehten sich um die eigene Achse und auch umeinander. Mit ihren Heliumstimmen versuchten sie zu krakeelen und das vorzeitige Geklingel mancher der Weltenbaumuhren zu übertönen.
Die Beiden piepsten mit ihren Stimmchen:

„// Meine Seele möchte segeln gehen / In die unendliche Ferne sehen / In der Gischt am Bug des Bootes stehen / Und einfach spüren wie die Winde wehen! // Ich brauch nur einen Augenblick / Für mich und einen Blick zurück / Ich brauch ein wenig Langsamkeit / – Und Zeit … //“

Die Fee jedoch seufzte hörbar auf und erkannte die Musik von Schandmaul wieder. Sie fühlte sich etwas alltagsentwurzelt. Und sie hatte das Gefühl, der Zeit, die zumindest im Moment nicht mehr die ihre war, hinterherzurennen.
Und jetzt regnete es auch noch lachende Maifische vom wolkenverhangenen, sturmgeplagten Nachthimmel. Was sollte sie mit dem ganzen Fisch anfangen? …
Sie atmete tief ein und aus, füllte ihren Körper prall mit Luft und zerteilte – schwungvoll ausatmend – den Grenzfluss um Dodo herum in zwei Hälften. Dodo winkte ihr zu, stellte sich wieder auf die Füße, brachte sein Hahnenbauchkonzert zum Schweigen und lief auf die Uferseite seiner Fee zu. Als er seinen Fuß ans Alltagsufer setzte, hustete die Fee ein paar Mal kräftig, und die geteilten Fluten des Grenzflusses schlossen sich wieder.
Gemeinsam machten sich die Fee und Dodo daran, die lachenden Maifische einzusammeln. Noch während sie das taten, nickten sie sich einander immer wieder zu. Das würde für alle morgen einen sehr, sehr großen Kessel mit nahrhafter Fischsuppe ergeben. Sie würden zu Siebent um das Lagerfeuer sitzen, und es sich gemeinsam gut gehen lassen …

© Rose Kane, Le, Juli 2017

—- Hintergrundbeschallung —-

Schandmaul – Zeit