Eulalia

aus der Mottenkiste

Ich kannte mal eine Eulalia, die in einer zeitbemoosten Mottenkiste lebte. Am Rande einer Feldböschung. In unmittelbarer Nachbarschaft einer meterhohen Wegkreuzungsblume, die mit ihren buttergelben Blütenblättern in alle Himmelsrichtungen verwies.
Eulalia war eigentlich eine Taschentuchzipfelpuppe gewesen. Ein längst vergessenes Kind hatte ihr einst seine kleine Hand geliehen, die jetzt natürlich nur noch aus Knochen zu bestehen schien und wie durch einen alles verklärenden Zauber zusammengehalten wurde. Man hatte den Taschentuchzipfel damals um den Zeigefinger der nun vermoderten Hand geknotet und ein lachendes Gesicht auf den Knoten gemalt …
Jetzt freilich war Eulalias Antlitz durch den Zahn der Zeit kaum mehr zu erkennen, und die Motten hatten ihr trotz ihrer Behausung schwer zugesetzt. Aber das machte Eulalia nichts aus …

So wie jeden Nachmittag hatte sie ihr Eichelbaby liebevoll in den Wallnussschalenkinderwagen gelegt, um mit ihm eine Runde in der Sonne spazieren zu gehen, als plötzlich ein tiefes Grollen zu hören war und ein Zittern durch die Szenerie ging.
Eulalia blickte sich ängstlich um und schob ihren kleinen Kinderwagen eilig weiter. Sie wollte wieder zurück in ihre Mottenkiste, da fühlte sie sich geborgen. Doch irgendwie schien sich der Weg wie ein durchgekauter Gummi künstlich in die Länge zu ziehen, und keiner ihrer Freunde war da, um ihr Mut zuzusprechen. Auch nicht Fuchsius oder Lampulosus.

Das Grollen wurde lauter und wuchs sich in wahres Getöse aus. Eine felsige Pranke brach aus dem Erdreich hervor und schnippte mit dem Finger eines der Felsbröckelchen wie einen Kieselstein weit von sich über das Feld. Dann folgte der Hand ein ganzer Arm, eine Schulter und schließlich der Kopf eines Erdriesens …
Eulalia stand stocksteif da, mitten auf dem schmalen Feldweg hin zu ihrer Mottenkiste. Daumen und Mittelfinger ihres verwesten Leibes umklammerten den Wallnussschalenkinderwagen und hielten sich daran fest, als der riesige Erdsteinklumpen, der einem unförmigen Eierkopf glich, das Sprechen anfing. Aus seinem schiefen Erdspaltenmund mit unbehauenen Steinbrocken als Zähnen dröhnte es in einer Grabesstimme,

„Spiel mit mir! … Komm, spiel mit mir! …“
Eulalia schluckte und rang nach Worten. „Wer bist du denn?“, fragte sie mit einer Kopfstimme, um das

Felsbrocken-weit-schnipsen-Getöse zu übertönen. Innerlich rang sie mit ihren Urängsten.
„Ich bin Humulosius.“, sprach die Erdstimme ruhig.
Schweigen. Eulalia hatte das Gefühl, diesen Humulosius in ihrem tiefsten Inneren zu kennen, und davor fürchtete sie sich …
„Spiel mit mir! Komm, spiel mit mir!“, wiederholte sich der Erdspaltenmund und züngelte mit seiner rosafarbenen Schlangenzunge um die schiefen Steinzähne herum.
Eulalia nahm sich und all ihren Mut zusammen und entgegnete laut, „Nein!“
Humulosius schien sie nicht gehört zu haben und rief abermals, „Komm, spiel mit mir!“ Nach einer kleinen Atempause fügte er noch hinzu, „Die Felsbrocken benötigen unsere Gesellschaft, sie schnipsen sich nicht von alleine.“
Eulalia blickte an sich herunter und betrachte ihr Eichelbaby und sagte erneut mit lauter Stimme, „Nein!“
Wieder schien Humulosius sie nicht vernommen zu haben und sprach noch einmal mit seiner dunklen Grabesstimme, „Spiel mit mir! … Komm, spiel mit mir! Die Motten sind nicht deine Freunde.“
Eulalia entgegnete, „Nein! Denn du bist böse.“, und übertönte dabei ihren wild pochenden Herzschlag, der scheinbar ihren ganzen Knotenkopf ausfüllte.
Ein Grollen war zu hören, so als ob große Wackersteine aneinanderschlagen würden, und Eulalia fragte sich, ob dies das Lachen des Erdriesen sei.
Nach einer kleinen Weile fragte Humulosius, „Was ist schon böse?“
Eulalia zitterte, „Böse ist, dass du mich damals zu dir genommen hast, ohne mich vorher zu fragen, ob ich das überhaupt will.“
Das Grollen verhallte langsam, doch der schiefe Erdspaltenmund von Humulosius grinste. Er flüsterte, „Ich bin so böse! … Böse! Böse! Böse! … Ich bin die Vergänglichkeit.“
„Du hast mir weh getan.“, quiekte Eulalia, „Und das ist böse.“, fuhr sie mit ihrer Kopfstimme fort, nur um sich selbst zu bestätigen, dass sie im Recht war.
Humulosius „Hmmmte“. Er hörte damit auf, die Felssteine aus seiner näheren Umgebung weg zu schnipsen. „Das ist nicht böse“, hob seine erdige Stimme erneut an, „Das ist der Lauf der Dinge …“
Eulalia sagte nichts. Sie hatte aufgehört zu zittern und entspannte sich allmählich. Ihr Herz wusste, dass er die Wahrheit gesprochen hatte, und irgendwie fühlte es sich hilflos, obwohl es längst tot war. …

Eulalia nahm ihr Eichelbaby aus dem Wallnussschalenkinderwagen, setzte sich neben Humulosius riesiger Pranke – inmitten einer nackten Feldfurche – hin und wiegte es mit dem Daumen- und Mittelfingerknochen in ihrem Schoß. Dabei summte sie eine uralte Kindermelodie, deren Text sie einst gewusst hatte und schlief ein …

© Rose Kane, Le., 02/2018