Empathius Mollochonius

Es war ein glasklarer Frostabend. Die Sonne stand schon sehr tief am Himmel. Raureif und Schnee hatten die leerstehende Industriebrachialität und die umstehenden Magerbäume und das wilde Wiesengerümpel darum herum in einen Zauberkokon gehüllt, der alle Alltäglichkeiten schlafen gelegt und zugedeckt hatte …
Bordolina stand unter einem der Bäume, am Rande einer zugeeisten Schlaglochstraße. Weißes Gekrümel rieselte zart auf ihr wirres, langes Haar und ihren abgetragenen Ledermantel. Sie hatte ein Walkie-Talkie in der Hand und zog die Stirn kraus.
Schräg über der Straße erhob sich die alte Industriehülle mit ihrer deckenhohen Fensterfront. Drinnen hatte jemand Scheinwerfer des nahe gelegenen Theaters aufgebaut und mit einem Generator für Strom gesorgt. Die Fensterfront war also hell erleuchtet und warf das Schattengewirr eines großen Gerüstes nach draußen …
Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat turnte auf diesem Gestell herum. Er versuchte mit der einen Hand eine menschengroße Marionette vor die gläserne Front, in die sich überkreuzenden Lichtkegel der Strahler, aufzuhängen und in einer lebensechten Körperhaltung zu drapieren. Die Pose sollte Empathie und Mitgefühl ausstrahlen. In der anderen Hand hielt auch er ein kabelloses Handfunkgerät und folgte Bordolinas Anweisungen …

„Nein, du musst die Marionette noch ein bisschen weiter runter hängen, sonst baumeln ihre Beine völlig frei in der Luft.“, brummte Bordolinas Stimme aus dem Walkie-Talkie.
„So?“, fragte da der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat schnarrend aus dem schnurlosen Funkgerät.
„Ja, genau.“, entgegnete Bordolina aus dem Lautsprecher, „Versuch mal, den linken Arm der Marionette so anzuheben, dass die Hand den Kopf berührt.“, fuhr ihre Stimme fort.
„Nee, das sieht doch aus wie eine Hula-Hoop-Tänzerin auf Entzug.“, erklang da die Lautsprecherstimme des Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat, „Oder, was meinst du?“ …

So ging das eine ganze Weile hin und her. Nie war Bordolina zufrieden, immer hatte sie an der Haltung der Marionette irgendetwas auszusetzen. …
Sie hatte diese Gliederpuppe selbst entworfen, geschnitzt, zusammengebaut, angemalt und gekleidet. Der Kopf war mondsichelförmig gehalten und trug ein erstauntes Gesicht. Die Kleidung war aus schwarzer und grauer Wolle gestrickt und lag eng am Holzkörper an, während die Füße in Dr.-Martens-Boots steckten.

Der-Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat war schon ganz außer Atem. In den Lichtkegeln der Scheinwerfer war es warm, und die Kletterei im Gerüst erforderte seine ganze Konzentration.
Die Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als die Scheinwerferlichtkegel plötzlich mehrfach rhythmisch flackerten. Ein Niesen war zu hören, und dann gingen alle Lichter aus.
Jetzt war es an Bordolina erstaunt zu schauen. Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat legte das Walkie-Talkie aus der Hand, um sich im Dunkeln zum Generator vorzuarbeiten …
Als dieser nach einem kurzen Moment wieder anging, hatte sich die Marionette selbstständig gemacht. Sie hatte sich von ihren Strippen gelöst, hing nicht mehr willenlos in der Luft, sondern stand auf den eigenen Holzbeinen. Die eine Hand hatte sie die Hüften gestemmt, während sie mit der anderen das Funkgerät vom Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat an den hölzernen Mund hielt:

„Willst du mich verarschen? Ich soll hier nach deiner Pfeife tanzen und deine Vorstellungen und Erwartungen erfüllen? Nee, so nicht!“, tönte das Handfunkgerät und schwieg wieder.
Bordolina war verdattert. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Mit dieser Reaktion, wenn überhaupt mit einer, hatte sie nicht gerechnet.
Hatten Gliederpuppen eigentlich ein Eigenleben, fragte sie sich und trat verlegen und verfroren von einem Fuß auf den anderen …
„Übrigens“, brummte das Walkie-Talkie weiter, „ich passe gar nicht in deine Schublade. Ich bin nicht allmächtig und brauche meine guten Energien für mich selbst.“, sprach das Gerät erneut. „Und wenn du mit meiner Ehrlichkeit nicht klar kommst, kann ich auch nichts dafür.“, fuhr es fort.
Bordolina fühlte sich unangenehm berührt. Sie hatte sich doch nur ein bisschen Empathie und Mitgefühl für ihren werten Herrn Vater erhofft. Der hatte nämlich eine schwierige Operation vor sich. …
Das kabellose Handfunkgerät war aber noch nicht fertig. Es sprach weiter, „Ich werde mich jetzt um meinen Krams kümmern. Denn du bist nicht der Nabel der Welt.“

Das Walkie-Talkie war still.
Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat hatte von alldem nichts mitbekommen. Er hantierte noch immer am Generator herum, um einen weiteren Ausfall zu vermeiden. Er blickte überrascht auf, als eine total lebendige Marionette an ihm vorüber ging, ihm zunickte, dann das Handfunkgerät überreichte und die Industriehallenszenerie verlies …

© Rose Kane, Le, Januar 2017