Dynamik

Dodo saß mit Femmoria im Cafe Rosalia und hörte ihren Schilderungen nur halbherzig zu. Denn seine Augen wanderten etwas fremdelnd und doch mit neugierigen Blicken die anderen gusseisernen Rosentischchen entlang.
Dort saßen lauter Zwischenweltenwesen und schnatterten munter miteinander.
Geschminkt kantige Gesichter mit einem Hauch von einem Bartschatten um den Mund herum waren zu sehen – eingerahmt von mittellangem bis sehr langem Haar, ob nun Eigenes oder als Perücke ließ sich auf dem ersten Blick nicht so genau sagen. Er sah muskulöse Beine in Nylons mit Pumps an den Füßen, und seine Ohren hörte kichernde Männerstimmen.
Er beobachtete zarte Bartgesichter mit schmalen Körpern, eingehüllt in lässigen Männerklamotten. Er lauschte dem einen oder anderen Stimmbruch und hatte das Gefühl, zu Hause zu sein.

Rasierte, gelaserte und epilierte Matroschkas und Femme fatales sowie androgyne Männlichkeiten. Nichtfasching richtig-herum …

Feingliedrige Hände gestikulierten mit breiten, benagellackten Händen und tanzten eine Energiedynamik, die Dodo an die Osterkonferenz von vor Jahren, im Dicken Be, erinnerte. Seine Gedanken schweiften vollends ab …

Er sah sich – größtenteils schwarz gewandet – im ledernen Staubmantel in der U-Bahn stehen. Unter diesem knöchellangen Mantel war er mit einer Lederchaps, einem String, 10-Loch-Doc-Martens-Boots, einem knappen weinroten Samtträgertop und einem Spitzen-BH bekleidet. Damals hatte er noch aschblonde, schulterlange Haare und trug diese streng nach hinten gezopft – ohne Stirnpony.
Der String zerteilte seine Popbacken, und das Mantelinnenfutter rieb über die nackte Haut seines Gesäßes. Aprilwettrige Kühlheiten drangen an Dodos kaum bedeckte Yoni.
Damals dachte er, oh Gott, die wissen alle, dass mein Hintern unter dem Ledermantel nackt ist, so getraue ich mich nicht, mich hinzusetzen, der aufsperrende Mantel könnte den Blick auf Alles freigeben.
Aufgewühlt lehnte er zu jener Zeit im Eingangsbereich der U-Bahn an der Automatiktür und wünschte sich in Gedanken ganz weit fort. Dennoch machte es ihn an, dass die Mitfahrer und Mitfahrerinnen theoretisch Röntgenaugen und Telepathengehirne gehabt haben, und sozusagen ganz genau gewusst haben könnten, was mit ihm los war …

Als Dodo schließlich die U-Bahn an der Station Trutzburgia mit buttrigen Knien verließ, war der String zwischen seinen Beinen etwas durchfeuchtet. Das berührte ihn peinlich, und er ärgerte sich, dass er nicht daran gedacht hatte, eventuelle Wechselwäsche mitzunehmen.
Mit eiligen Schritten ging er regennasse Straßen entlang. Knallige Leuchtreklamen, grelle Schaufenster mit ihren Auslagen und Flutlichter erhellten die Fußwege und Fahrbahnen des quirligen Nachtlebens der Stadt. Irgendwann kam er vor einer unscheinbaren Eisentür zum Stehen und blickte einem muskelbepackten Schrank von Butch im Einreiher in die Augen. Sie hatte einen Drei-Millimeter-Haarschnitt, 3 Piercings in jedem Ohrläppchen und am Hals lugte ein Tattoo unter dem hellblauen Hemdkragen hervor.

„Losung?“, fragte eine rauchige Stimme.
Dodo stammelte mehr zu sich selbst als zu der Einlasserin, „Blu…-blut…-Blutdurst?“
Die Eisentür öffnete sich. Ein Schwall namenloser Musik drang an Dodos Ohren, und warme Gewölbebeleuchtung fiel auf das Straßenpflaster – zu seinen Füßen. Er trat ein und ging eine steile, enge Kellertreppe hinunter. Er durchschritt ein Gewirr aus schmalen unverputzten Ziegelmauergängen und kam schließlich, den auf dem Fußboden gemalten Kreidekleeblättern folgend, im Hauptraum des weit verzweigten Kellergewölbes an.

Dodo erblickte eine ausladende Bartheke, die sich quer durch den gesamten Raum erstreckte. An der Wand hinter der Theke hingen Spiegelregale voller bunter Flaschen und Gläser. An der Mauer gegenüber prangte ein goldgerahmtes, puttiges Rubenswandgemälde, und Efeuranken wucherten um das Bild herum über das Mauerwerk. Die dazugehörigen Bruchsteinpflanzkübel standen in den jeweils gegenüberliegenden Gewölbeecken.
Auf den grob behauenen hölzernen Barhockern saßen weitere große und weniger große und kleine Schränke von Butches. Manche von ihnen beanzugt, andere wiederum in Leder oder Uniformen bekleidet. Latex war ein eher seltener Anblick. Um sie herum grazilte so manche Femme, auch fatalige, in ihren feinen Damenkleidchen, Röckchen und Blüschen und anderem Tüttü.
Es waren overdoste Männerqueens in Frauenkleidern, schillernde Frauenkings in Männerkleidern und schwule Lederbärenpärchen sowie zahlreiche Androgynitäten zu sehen. Auch einige Gothics und Larper waren anwesend.
Die Szenerie wechselte also zwischen Buntschwarz, Grell- und Pastellfarben sowie nackter und weniger nackter Haut. Tattoos, Piercings und ab und an auch Vampirzähne gehörten zum guten Ton.
Es wurden queerige Gespräche über Gott und die Welt geführt. Es wurde Gelacht und Geschwiegen und ebenso Geweint. Es wurde auch getanzt und natürlich „Mensch-ärgere-dich-nicht“ gespielt.
In den Nebenräumlichkeiten stand zahlreiches mittelalterliches und weniger altes Mobiliar herum. Spieltische für Strippoker und Liebesroulette zum Beispiel. Es gab auch einen kleinen Parkour für die Dressur von Pferden, Hunden und Kanarienvögeln sowie den Kirchenaltarraum für die Larper. Man hatte fast alle Eventualitäten bedacht …

Den Staubmantel hatte Dodo an der Garderobe abgegeben, als er mit großen Kulleraugen und langen Hasenohren und nasser Yoni durch die Räume schlenderte und alle auf ihn einstürmenden Sinneseindrücke wie ein ausgedörrter Schwamm in sich aufsog.
Er sprach mit fast Niemandem, ging aber tanzender Weise völlig in der Musik auf und war Voyeur der öffentlichen Spiellust der Anderen.
Er beobachtete beispielsweise einen schwulen Lederbären, wie er seinen beschirrten Hengst mit der Peitsche abrichtete. Und dann konnte er einer Vampirin beim andächtigen Nadelspiel an ihrer nackten Opferin zuschauen. Ganz am Ende ihrer kultigen Handlung setzte sie das Skalpell an und ritzte über dem Schulterblatt ihres Gegenübers das geweihte Zeichen ihres Wappens in die Haut.

Bei diesem Anblick raste Dodo das Herz davon. Heiße und kalte Schauer jagten links und rechts neben seinem Rückgrat vom Scheitel bis zur Sohle und wieder zurück. Der Speichel lief ihm im Mund zusammen, und er glaubte zu spüren, wie sich ein Rinnsal seiner Lust den Weg am rechten Innenschenkel hinabsuchte. Er glaubte, innerlich durchzudrehen, wenn er nicht bald ginge.
Als er die Flucht nach vorne antrat und sich ziemlich überstürzt auf den Heimweg machte, kramte er sein Handy aus der Manteltasche und simste seinem Streunerkatzewesen in Katzenhausen: Schade, ich tät jetzt gern bei dir sein und mich bei dir fühlig und gedanklich einkringeln …

Femmoria zupfte Dodo erbost am Hemdsärmel. „Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte sie im strengen Unterton. Sie hatte ihm gerade erläutert, wie sein weibliches Geschlecht zu einem männlichen umgebaut werden würde, wenn er das denn wollen würde.
Dodo atmete hörbar aus und ein. Die jahrelang verschlossene Seemannskiste seiner Sexualität stand nun sperrangelweit offen, und er konnte sich nicht mehr einfach so auf ihren Deckel hocken, um die Sache geduldig auszusitzen. Dafür war es zu spät. Ihm werte Seelenmenschen hatten seine Schlüssel zu dieser Kiste gefunden und diese aufgeschlossen …

© Rose Kane, Le., 05/2018