Dri Dra Drullala, das Dramalein legt wieder los

Grelle Lichtkegel zerschnitten die Menge, und das Stimmengewirr johlte und pfiff, als das Schwarztierchen die langen Gummiarme des Weißtierchens zu einer Schleife gebunden hatte und dessen massigen, kugeligen Körper mit seiner eigenen Sumostatur in Schach hielt. Die stummeligen Gummibeine des Weißtierchens tänzelten hin und her, versuchten noch das eine oder andere zu bewegen, blieben aber ohne Ergebnis …

Dann erfolgte schließlich das Trötensignal, und das Dramalein sprach dem Schwarztierchen auch die zweite Ringrunde zu.

Es stand nun -23 zu +5, und es sah nicht gut aus für das Weißtierchen.

Es hatte sich, seine Gummiarme entknotend und nach Luft schnappend, über den Rand der Waage gelehnt und stierte in die Menge hinein – durch sie hindurch – ins Nichts. Sein Atem dampfte gräulich und wölkchte eilig davon …
Das Dramalein – in seiner Rolle als Ringrichter – stand auf der anderen Seite der Waagschale und lächelte schief zum Weißtierchen hinüber. Seine Augen wanderten über die tosende Menge hinweg und betrachteten das Schwarztierchen in seiner muskelbepackten Kugelstatur.
„Alles Meins!“, dachte das Dramalein und reckte sein spitz-grünliches, scharfkantiges Gesicht – das lilafarbene Haar zu einem Dutt nach hinten gekämmt – in die staubige Luft hinein.
„Alles meine Kreaturen …“, bestätigte es sich nickend, grinste dramatisch und blies in seine orangefarbene Plastiktröte, um die nächste Runde einzuläuten.

„Du verlierst die Wette, mein kleines Flügeltierchen“, kicherte Eckstein und sah seinen Freund von der Seite her an.
Doch Dodo sagte kein Wort. Er hatte seine Augen auf das Weißtierchen geheftet und versuchte ihm mit seinem puren Willen, Kraft über die staubgeschwängerte Luft hinweg einzuflössen, diese schier in jede Pore des Weißtierchens hineinzustopfen, nur damit es nicht versagte.

Eigentlich waren sich das Schwarz- und das Weißtierchen in ihrer Sumogestalt ebenbürtig. Sie waren einander sogar bis auf ihre Unfarben identisch. Nur dass das Dramalein, wann immer es an seiner Zeit war, es oft blendend verstand, das Schwarztierchen siegen zu lassen. Und im Moment sah es ganz danach aus, dass ihm das ein weiteres Mal gelingen würde …

Eckstein räusperte sich, doch Dodo schenkte ihm keine Beachtung. Er

verfolgte das weitere Kampfgeschehen aus der Loge heraus, in der sie ihre Dauerkartenplätze inne hatten und flehte den Wendepunkt herbei.
Eckstein hüstelte und zupfte Dodo am Ärmel. „Hast du eigentlich gestern Nacht das Selbe geträumt wie ich?“, fragte er ihn.
Eckstein schien das laute Geschehen um sie herum nicht mitzunehmen. Sein Verstand sagte ihm, dass es zwischen dem Schwarz- und Weißtierchen sowieso nie einen wahren Sieger geben könne. Außerdem hatte er das Gehabe des Dramaleins längst durchschaut und es in seinen Gedanken schon vor Ewigkeiten zur Dramaqueen gekürt.

Er zupfte erneut an Dodos Ärmel und fragte abermals, „Na, mein Freund, hast du nun gestern Nacht das Gleiche geträumt wie ich, oder nicht?“
Dodo wendete seinen Blick unwillig von dem Ringkampf ab und strich sich irritiert die bunte Haarsträhne aus der Stirn.
„Ähm, was?“ Er schaute unsicher zu Eckstein.
Dieser grinste ihn an. „Die Sache mit den Blumen“, raunte Eckstein und schnippte das Geschehen um sie herum für einen Moment aus. Das Dramalein funkelte böse, aber machtlos zu ihnen beiden herüber, …

„Die Sache mit den Blumen?“, stutzte Dodo.
Eckstein nickte, „Erinnerst du dich nicht mehr?“
„Das sie auf meinem Kopf – zwischen den Federn – gewachsen sind?“, überlegte Dodo.
Eckstein nickte erneut.
„Hm …“, Dodo zuckte mit den Schultern, „was für ein seltsamer Traum!“
Eckstein kicherte.
„Hat die Hutschachtel eigentlich überlebt?“, fragte Dodo seinen Freund.
„Ach du meinst unseren Zusammenstoß mit der stählernen Molochschlange?“ Eckstein lachte nicht mehr, und seine Augen wurden groß …
„Ja“, antwortete Dodo.
„Nein“, Eckstein schüttelte sich. „Die Hutschachtel liegt nun ganz zerrissen und zerquetscht auf dem Friedhof „Zu den vier Rädern“.
„Und ich saß mit den Blumen aufn Kopf inmitten dieses Chaos?“, fragte Dodo ungläubig.
„Wir beide“, flüsterte Eckstein. „Und wir hatten dabei mehr Glück als Verstand. Das Ding hätte uns fressen können …“

Dodo schluckte und schloss seine Augen.

Die Scheinwerfer schalteten sich surrend wieder ein und ließen den Luftstaub im grellen Licht tanzen. Um sie herum brach der Stimmentumult erneut los. Während das Dramalein in der Mitte der Waagschale auf einem Bein stand und, „Dri Dra Drullala, das Dramalein legt wieder los“, sang …

© Rose Kane, LE 2013

 

dramaqueen - hasengrube XIV

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