Dor-nee-n-ja

Die Vorgeschichte: Horrosa

Hand in Hasenpfote gingen Dodo und Horrosa gen Süden. Beim Anblick von Horrosa war Dodo noch immer mulmig zumute, nur zeigen tat er das nicht. Er versuchte sich vorzustellen, wie sein Horrorhase ohne die Angelhaken in der aufgespannten Ober- und Unterlippe aussehen würde und überlegte fieberhaft, wer ihm die Knopfaugen genommen haben könnte. …

Die Sonne stand hoch am azurblauen Himmel, und viele hundert regenbogenfarbene Luftballons flogen ihr entgegen. Irgendwer hatte diese irgendwo in der Nachbarschaft im Pulk losgelassen. Und Dodo stellte sich dazu eine illustre Hochzeitsgesellschaft oder Jubiläumsgeburtstagsrunde vor. Es machte sein Herz hüpfend, dass es das geben könnte, und er lächelte still vor sich hin …
Als er und Horrosa am beliebtesten Bovist-Caféhaus der Wiesenregion vorbei kamen, fragte Horrosa von der Seite, „Kennst du eigentlich …eine Exge…ährtin?“
„Nö.“, entgegnete Dodo abwesend und schirmte seine Augen mit der Hand vor dem Sonnenlicht ab. Er hatte am Horizont eine Stelzenfamilie gesichtet. Vater Stelzerich mit einem feuerroten, hölzernen Profilradkonstrukt um die vertikale Körpermitte, Mutter Stelzerich in einem vielköpfigen Lochnesskostüm mit Ziehharmonikahälsen und langem Schlängelschwanz und die Kinder Stelzerich, derer drei, die unter dem Schwanzungestüm der Mutter steckten, um dieses abzustützen. …
Horrosa zupfte Dodo am Ärmel seines dunkelpinken Gnagna-Hoodies und sprach, „Duhuuu … Sie hieß oder heißt vielmehr Dor-nee-n-ja.“
„Aha“, sagte Dodo gedankenabwesend. Er hatte noch immer Familie Stelzerich im Blick. Außerdem roch die Luft vom Bovist-Café fruchtig herüber. Und er verspürte ein leichtes Hüngerchen für den hohlen Zahn.
„Genau“, nickte Horrosa mit dem Kopf. „Zu ihr gehen …ir jetzt“, fuhr er fort und zog Dodo mit sich. „…ielleicht …eiß sie ja, …o …eine Augen a…ge…lie…en sind?“, überlegte er laut vor sich hin.

Und so marschierten Horrosa und Dodo die schlaglöchrige Straße entlang. Es war schon spätnachmittags als sie endlich am Fassbaumhaus von Dor-nee-n-ja ankamen und die bronzene Türglocke betätigten …
Das runde Küchenfenster stand sperrangelweit offen, und es waberte ein Duft von Ofenfisch heraus. Es vergingen einige Sekunden, bis ein Schlurfen und Rascheln an der ebenso runden Eingangstüre der Baumbehausung zu hören war.

Es öffnete eine tausendgesichtige Dornrose und bat Dodo und Horrosa, einen Höflichkeitsknicks vollziehend, herein. „Ich habe dich schon erwartet. Wer ist das, den du da mitgebracht hast, Horrosa?“, lispelte sie und schloss hinter ihnen die Tür
Horrosa schaute auf die Krallen seiner Hinterläufe und nuschelte, „Dodo. … Das ist Dodo.“
„Ah!“, rief Dor-nee-n-ja aus. „Angenehm!“, knickste sie erneut. „Ich bin Dor-nee-n-ja, die Herrin über dieses Fassbaumhaus.“, sprach sie weiter. „Ich habe einen Knurrhahn im Backofen. Ihr seid herzlich zum Essen eingeladen.“, fuhr sie fort, machte einige Schritte den bunten Mosaikfußboden entlang und ging in die Küche.
Als Dodo eben diese betrat, schaute er flüchtig zur Decke hinauf und erblickte dort ein leuchtendes Sternenfirmament. Es verschlug ihm die Sprache, und er stand – mit offenem Mund und gen Sternenhimmel gerichteten Augen – reglos inmitten des Raumes.

Dor-nee-n-ja führte ihn um den runden Eichentisch herum hin zu seinem Stuhl und platzierte ihn. Während sie dies tat, gab sie Horrosa Anweisungen, den Knurrhahn aus der Backröhre zu holen und auf den Tisch zu stellen.

Als schließlich jeder seinen Platz gefunden hatte, zerteilte Dor-nee-n-ja den Fisch und tat jedem von ihnen etwas davon auf. Dann schenkte sie noch Yasmintee aus und wünschte allseits einen, „Guten Appetit!“.
Es wurde schweigend gegessen, und jeder lauschte den gelegentlichen Kaugeräuschen der anderen. Des Weiteren war ein Surren des Deckenventilators zu hören.

Mit dem letzten Bissen, den ihre Gäste taten, erhob sich Dor-nee-n-ja von ihrem Stuhl, räumte bis auf die Glastassen alles ab und schenkte noch einmal Yasmintee nach …
Dabei taxierte sie Horrosa und sagte laut, „Ich weiß, warum du hier bist. Aber ich kann dir nicht geben, was ich nicht mehr habe.“
Horrosa „H…te“.
Dodo kratzte sich an der Schläfe und nickte mit dem Kopf. „Du hast ihm die Knopfaugen genommen, damit er besser sehen kann, richtig?“, flüsterte er.
Dor-nee-n-ja schwieg und Horrosa rieb sich das vernarbte Gewebe, wo die Garnbüschel hervorlugten.
Dodo fuhr mit seinen verspielten Fingern durch seine Haarstoppel. „Denn nur mit dem Herzen sieht man gut. Korrekt?“, fragte er leise.
Dor-nee-n-ja nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Ja-nee-ja- …“, sprachen ihre vielen Gesichter alle auf einmal.
„A…er …arum hast du sie …ir dann geno…en?“, wollte Horrosa wissen.
Dor-nee-n-ja wirkte geknickt.
„Weil sie eifersüchtig auf mich gewesen ist?“, überlegte Dodo vor sich hin und nippte an seinem Yasmintee. Die Finger der linken Hand strichen noch immer verloren über seinen Kopf.
„Nee-ja-ja-nee-ja-nee-nee-nee.“, widerstritt sich Dor-nee-n-jas Vielgesichtigkeit.

Schweigen. Der Deckenventilator surrte vor sich hin, und das Sternenfirmament blinkte von der verzauberten Decke. Am Küchenfenster flog ein Papagei vorbei, landete auf dem Fensterbrett und krakelte vor sich hin, „Dornrose. … Rorndose. … Dor-nee-n-ja. … Ja-nee. Nee-ja. Nee-ja-nee. Ja-ja. … Sagt sie immer.“

„Wozu überhaupt noch Knopfaugen? Du kommst doch auch ohne ganz gut klar!“, stellte Dor-nee-n-ja bestimmt fest, lispelte dabei etwas und blickte den Papagei böse an.
„Schöne Welt! Schönes Leben! Schöhööönheit. … Genießen!“, krakelte der Vogel.
Horrosa „Hmmte“ abermals.
Dodo lächelte. „Stimmt“, flüsterte er. „Dein Botenvogel hat Recht, liebe Dor-nee-n-ja.“
Horrosas lange Ohren rieben sich aneinander, während er halb vom Stuhl rutschte, kippelte und mit seiner leeren Glastasse herumspielte. „A…er ohne Kno…augen ha…e ich keine Seele.“, warf er in die Runde.
„Quatsch!“, entgegnete Dor-nee-n-ja. „Du hast ein Herz, und da sitzt auch deine Seele.“, lispelte sie
Dodo lächelte abermals. „‘türlich … Auch ohne Knopfaugen. Du bist meiner Fantasie entsprungen. Genügt dir das nicht als Beweis?“
Horrosa schluckte. Gänzlich überzeugt war er noch nicht.
Dodo langte quer über den runden Eichentisch und tätschelte Horrosas Hasenpfote. „Auf, auf! Zu neuen Abenteuern!“, ermutigte er ihn und schmunzelte.
„Abenteuer! … Aaaabenteuer! … Ein teurer Abend!“, krakelte der Papagei. „Auf! … Auf! … Auuuf geeehts!“, fuhr er fort und flog davon, in die Abendsonne hinein …

© Rose Kane, BS, 02/2018