Die Rosen von Jericho

»Wir schenken dir eine der Rosen von Jericho, auf den ersten Blick unscheinbar anzusehen. Doch lass dich davon nicht täuschen und hüte sie gut! Du wirst dich ihrer erinnern, noch bevor Spinnengewebe das Kriegsgerät verhüllt.«

Das Alter war jung, als »Gott« diese Worte zu ihm sprach und jene Rose, im Namen aller, überreichte. Damals verstand Es nicht, was es mit seiner Gabe auf sich haben sollte. Und so geschah es, dass das Alter, nachdem Es seinen Zieheltern irritiert ein paar Dankesworte zugenuschelt hatte und davongeeilt war, dieses Geschenk vorerst achtlos in der Tiefe des Mantels verschwinden ließ. …

Jahrhundert um Jahrhundert zerrann zwischen den Fingern unserer Geschichte. Und das Alter hatte unendliche Male das Phoenixfeuer des Werdens, Vergehens und abermals Werdens durchwoben. …

Wieder herrschte Krieg zwischen den Menschen, als das Alter müde am Fuße einer schroffen und zerklüfteten Bergkette ruhte.
Und es ergab sich, dass zur selben Zeit ein Jüngling mit den Treuesten seiner Anhängerschaft die staubige Ebene zum Horizont hin durchschritt.
Sie hatten sich ihrer Waffen entledigt, um dem Menscheninferno den Rücken zuzukehren. Und sie hofften insgeheim, dass dort im Vagen jene Berge ihre Ankömmlinge erwarteten.

Tagein und tagaus waren sie – auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ihre neue Heimstatt – durch die Einöde gewandert.
Kein Lüftchen hatte sich geregt. Von den Strapazen des Weges gezeichnet schien ihr Ende nahe.
Die Sonne brannte auf sie hernieder und ließ die Luft über dem rissigen Erdboden flimmern, als sie endlich in der Ferne jenes Felsmassiv sichteten. Es schien fast so, als ob sich Morgana die Fee mit ihnen einen Scherz erlauben würde. Doch sie wollten ihre Hoffnungen nicht aufgeben. …

Nur langsam rückte das Massiv näher. Klare Konturen waren anfangs nicht zu erkennen. …
Irgendwann ließen sie sich dort auch nieder, der Jüngling etwas abseits von den anderen an einem einzelnen, verwitterten Felsgestein.

Schnell waren die Gespräche verstummt. Jeder versuchte, Kraft für das Kommende zu sammeln und döste vor sich hin. Der Felsbrocken, an dem der Jüngling lehnte, brach nach einer Weile die Totenstille. Sein Schatten – gerade noch einer wartenden und leidgebeugten Menschenstatue ähnlich – regte sich. Es knackte leise. Der junge Mann, fast noch ein Kind, horchte auf. Er dachte jedoch, dass die Sinne ihn trügen würden und achtete nicht weiter auf das Geschehen.

Dann – nach einer Weile – durchfuhr ein Zittern den Boden und ließ spröde Erdsplitter auseinander stoben. Der soeben noch schützende Fels, war nun eine tödliche Gefahr für den Jüngling. Er musste beiseite springen, um nicht in eine der zahlreichen Erdspalten zu fallen. Staunend schauten er zu diesem Felswesen hinauf und

begegneten zwei Bergseeaugen. Er war mindestens einen Kopf kleiner als sein seltsames Gegenüber. Die Gefährten allerdings hatten sich mit dem Rücken zum Felsmassiv eng zusammen gezogen und die Frauen beschützend in die Mitte genommen.

»Wer bist du?«
»Junger Mann, ich bin das Alter«, verneigte sich das Wesen. »Ich bin die Kraft, die schon viele vor dir fürchteten. Ich bin das Maß, das seit eh und je gezählt wird.«
»Kannst du uns helfen?«
»Helfen? … Es ist lange her, seit …«

Minuten vergingen. Oder waren es sogar Stunden? Die Nacht war inzwischen hereingebrochen. Der Jüngling hatte enttäuscht den Kopf hängengelassen und sich zu seinen Begleitern begeben. Er wollte sich mit diesen gerade zurückziehen.

»Einen Moment noch! Wartet! Ich muss nachdenken. Da war was. Ich sollte mich an irgendetwas erinnern. …«

Während das Alter überlegte, befingerte es einen kleinen Gegenstand zwischen den Falten seines Gewandes. Plötzlich fing es an zu lachen. Es schüttelte sich aus vor Lachen. Tränen liefen ihm über das felsige Gesicht.

»Jetzt weiß ich, was ich für euch tun kann. Hier, nehmt dieses, es ist eine Pflanze, eine der Rosen von Jericho. Sie wird euch helfen.«
Der Jüngling streckte die Hand aus, nahm die Gabe entgegen und beschaute sich diese.
»Aha, und was sollen wir damit? Das ist doch nur ein verdorrtes Etwas. Damit können wir nicht überleben.«
»Lasst euch nicht von Äußerlichkeiten in die Irre führen!«, entgegnete das Alter.

Damit verschwand es im Nichts und ließ die kleine Menschengruppe allein in der Wüste zurück. Still hockte sich der Jüngling ins Geröll, die Gefallenen sollten nicht aufwachen. Und seine Begleiter suchten sich zwischen den Felsen ein Nachtlager. Er war bedrückt. Die Zeit fehlte ihm, das Rätsel zu lösen. Er brauchte ein Wunder, sonst würden sie alle sterben.

Grübelnd hielt er die Gabe in seinen Händen. Und irgendwann kam ihm ein altes Volkslied in den Sinn. Er fing an, die Melodie vor sich hin zu summen. Den genauen Text wusste er allerdings nicht mehr, nur, dass es um eben diese Rosen, von denen er eine geschenkt bekommen hatte, ging. Seine Mutter hatte ihn mit diesem Lied, als er noch klein war, jeden Abend in den Schlaf gesungen. Er bemerkte nicht, dass er weinte. Tränen tropften auf seine Hände und benetzten auch das Geschenk. Die alte Nacht trug die Melodie mit den erwachenden Morgenboten davon. Es roch nach Regen. …

Die Ruhenden schreckten hoch. Sie mussten wohl eingeschlafen sein. Denn sie hatten nichts bemerkt. Die Wüste erstreckte sich nun in einem satten Grün mit unzähligen Pflanzen, Tieren und Wasserquellen. Keine Einöde mehr. Alles verwandelt.
Diese eine Rose aber war verschwunden.

© Rose Kane, Stg., 04